Das sakrosankte Eigentum

Die Eigentumsfrage Privat-Eigentum, Eigentum an Produktionsmitteln (insbesondere Grund und Boden) sind die Basis von Macht und Herrschaft, von Ausbeutung, Sklaverei und Unterdrückung.
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Anarchismus ist eine politische Ideenlehre und Philosophie, die Macht und Herrschaft – gleich Ausbeutung - von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von Freiheit ablehnt. Als zentrales Fundament von Macht und Herrschaft, also von Zwang, Gewalt und Ausbeutung, betrachten Anarchisten das private Eigentum, insbesondere an Grund und Boden. Deswegen lehnen Anarchisten das Privat-Eigentum nicht nur ab, sondern fordern vielmehr seine umfassende Abschaffung/Überwindung. Eine Position, die sicherlich für viele Menschen heutzutage nur schwer zu verstehen ist und die, sofern sie geäußert wird – siehe JuSo-Vorsitzender Kevin Kühnert – in der Regel gern mit der Sozialismus-Keule beantwortet wird. Was auch nicht verwundern kann. Tief verwurzelt und verankert in den Köpfen der Menschen ist die Betrachtung des Eigentums aus der Position des Liberalismus bzw. Markt- und Wirtschaftsliberalismus. Hiernach ist das Privat-Eigentum zentraler Ort und Hort der Freiheit und des freien wirtschaftlichen Handels, welches man ständig durch den bösen Staat als gefährdet und beeinträchtigt ansieht.

Unstrittig ist in den Wirtschaftswissenschaften, aber auch in Politik und Gesellschaft, dass Privat-Eigentum, Eigentum an Produktionsmitteln, zentrales Element der gegenwärtigen wirtschaftlichen Produktionsweise ist. Egal, ob man das System nun marktwirtschaftlich oder kapitalistisch nennt. Interessanterweise endet aber an dieser Stelle in der Regel die Betrachtung. Über die Verteilung des Eigentums wird im Grunde nicht mehr geredet. Dabei entscheidet gerade diese Frage – die Verteilung des Eigentums an Produktionsmitteln – maßgeblich darüber, ob man von einer marktwirtschaftlichen (breite Eigentumsverteilung) oder von einer kapitalistischen (konzentrierte Eigentumsverteilung) Produktionsweise sprechen kann und sprechen muss. Ein Punkt, der selbst bei Kapitalismusgegnern und Kapitalismuskritikern meist viel zu kurz kommt.

Wenn darüber hinaus – was gemeinhin der Fall ist – ein Großteil der Menschen, also derjenigen, die sich in diesem gegenwärtigen wirtschaftlichen System befinden, darunter leiden oder profitieren, unter Privateigentum vornehmlich das eigene Hab und Gut, das eigene Heim verstehen und der rechtliche Unterschied zwischen Besitz und Eigentum meist unklar ist, dann hat man es mit einer Gemengelage zu tun, die fundamentale Betrachtungen leider bereits im Keim ersticken. Das erinnert an Gefängnisinsassen, die sich über die Haftbedingungen – in welcher Form auch immer Gedanken machen – niemals aber fundamental die Rechtmäßigkeit des Gefängnisses an sich in Frage stellen. Für die Gefängnisbetreiber ein überaus nützlicher Tatbestand.

Nun ist es keineswegs so, dass Anarchisten nicht den Unterschied zwischen Mein und Dein kennen und achten würden. Ganz im Gegenteil. Besitz (faktische Verfügungsgewalt) kennen und achten auch Anarchisten sehr wohl. Sie möchten dem einzelnen auch nicht ihren eigenen, persönlichen Besitz absprechen oder gar wegnehmen, denn der ist, weil ihm etwas Fundamentales fehlt, gar nicht das Problem. Der persönliche Besitz, das eigene Hab und Gut, das eigene Auto, die eigene Wohnung oder das eigene Häuschen fordern von anderen keinen Zins, keine Eigentumsprämie in Form von Miete, Pacht oder Dividende. Das ist beim zinstragenden Eigentum in Form von Sach-, Boden- und Finanzkapital fundamental anders. Und man muss sich bitte schön, schon den zentralen Unterschied klar machen: zinstragendes Eigentum bedeutet, ein anderer soll und muss für den Eigentümer arbeiten! Diesen sozusagen geldmäßig versorgen. Ökonomisch spricht man deswegen auch von einer Rente, also einem leistungslosen Einkommen.

Je mehr Eigentum man hat, je ungleicher also die Eigentumsverteilung, desto mehr ist der Tatbestand gegeben, dass man andere für sich arbeiten lässt anstatt selbst zu arbeiten, um sich zu versorgen und versorgen zu können. Die korrekte Begrifflichkeit für diesen Tatbestand lautet Ausbeutung. Wirtschaftliche Ausbeutung. Und genau die ist nach dem Soziologen Franz Oppenheimer immer der Sinn und Zweck von Macht und Herrschaft, also letztlich auch für die Entstehung von Staaten, von sog. Reichen (Königreich, Kaiserreich etc.)

Denkt man hierüber mal einen Augenblick nach, wird eigentlich augenscheinlich klar, dass auch der fleißigste und intelligenteste Mensch ohne Grund und Boden, ohne Rohstoffe, ohne Energie, ohne Kapital, ohne Geld nur ein Habenichts ist, der sich, da er nun mal zwingend Geld verdienen muss, um sein Überleben zu sichern, zwangsläufig als abhängig Beschäftigter einem Eigentümer/Unternehmer anbieten und unterordnen muss. Macht er es nicht und gibt es keinen Sozialstaat, der ihn schützt und zumindest grundlegend versorgt, dann verhungert er oder muss betteln oder stehlen gehen. Das unterscheidet zinstragendes Eigentum fundamental von nicht-zinstragendem Eigentum (eigenes Hab und Gut, eigenes Heim).

Nicht-Eigentum und die Tatsache, dass Nicht-Eigentum Hunger und Tod bedeuten können, treibt die Masse der Menschen als Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt. Und auch wenn die abhängige Beschäftigung auf Grund der Tätigkeit, des Lohnes und der sozialen Kontakte durchaus als schön und angenehm empfunden werden kann, vom Prinzip her ist und bleibt es, was es ist: fremdbestimmte Ausbeutung, die aus Nichtvorhandensein von Eigentum resultiert. Erkennt und hinterfragt man das aber einmal? Nein. Wir begnügen wir uns mit der Feststellung, dass dies doch schon immer so war oder nicht anders sein könne und unterlassen infolgedessen jedwede Hinterfragung des Eigentums. Und nicht nur das. Wir erklären es gar zu einem aus dem (göttlichen) Naturrecht folgenden Tatbestand und zum ultimativen Ort und Hort von Freiheit, ohne dabei aber etwas Wichtiges zu thematisieren: die Freiheit der Eigentümer ist die Unfreiheit der Nicht-Eigentümer. Und die Masse der Menschen ist, da sie nicht über hinreichend Eigentum verfügt, unfrei.

Gegen diese glasklare Erkenntnis des Verstandes sträubt sich die antrainierte Vernunft. Verständlich. Wer will sich schon eingestehen, dass er – zumindest größtenteils - Sklave und Untertan ist, wo das offizielle Dogma doch lautet, dass wir alle in Freiheit und Demokratie leben. Wie gesagt, das erinnert an einen Gefängnisinsassen, der ständig mit der Frage beschäftigt ist, ob und wie man die Haftbedingungen verändern/verbessern kann, sich aber über das Gefängnis an sich, über dessen Rechtmäßigkeit, noch nicht einmal mehr ansatzweise den Kopf zerbricht. Die Tatsache, dass jedem Gesetz, jeder Norm, jeder Regel unseres gegenwärtigen Wirtschafts-, aber auch Politik- und Gesellschaftssystems, letztlich Eigentum und Eigentumsrechte zugrunde liegen, erkennen und hinterfragen wir nicht mehr. Das scheint sakrosankt zu sein. Eigentum und Eigentumsrechte entspringen aber nicht einem geradezu göttlichen Naturrecht. Es ist eine vom Menschen geschaffene Realität. Göttlich ist daran allenfalls, dass wir gerade zu obsessiv religiös an das Eigentum und seine Richtigkeit glauben. Religionen haben die Menschen leider oft verführt, künstliche Realitäten erschaffen, um der herrschenden Macht und Ordnung eine (göttliche) Legitimation zu geben. Durch Erziehung und Sozialisation, durch gesetztes Recht und allgemeine Akzeptanz werden sie zur faktischen Realität, die uns sogar einen "freien Willen" vorgaukelt, obwohl dieser de facto gar nicht existiert!

Größtenteils sind wir immer noch Sklaven. Untertanen. Von den sichtbar schweren Ketten der Sklaverei wurden wir befreit. Ja, das ist wahr. Aber das Joch und Elend sind damit nicht verschwunden. Die physischen Ketten wurden vollumfänglich durch mentale Ketten ersetzt. Wozu noch ein Gefängnis mit dicken Mauern und Gitterstäben, wo die Menschen sich doch frei- und bereitwillig selbst ins Gefängnis begeben und dort vergnügt verbleiben? Da braucht es nur ein bisschen Unterhaltung und genügend zu futtern. Dazu ein wenig Überwachung, um rechtzeitig die Insassen ausfindig zu machen, die womöglich renitent und aufmüpfig werden könnten. Und damit selbst diese Überwachung das ach so schöne Idyll nicht trüben, überwachen sich die Insassen quasi selbst. Voll eigenverantwortlich und total digital.

Das Tabu des "Eigentums" zu erkennen und zu begreifen, es zu hinterfragen, dazu bedarf es Mut und Verstand. Letzteren können wir aber nur nutzen und einsetzen, wenn wir die sog. Vernunft überwinden. Vernunft (Ratio) und Verstand (Logos) sind nämlich keinesfalls dasselbe. Eine Investition zu tätigen, die einem eine zehnprozentige Rendite verspricht, ist ökonomisch betrachtet vernünftig. Der Verstand könnte einem aber etwas anderes sagen. Knappheiten auszunutzen, Wohnungsmangel zu produzieren und auszunutzen, ist wirtschaftlich vernünftig. Der Verstand könnte einem aber etwas anderes sagen. Alles dem Profit zu unterwerfen, aus allem einen Profit zu ziehen, ist wirtschaftlich vernünftig. Der Verstand könnte einem aber etwas anderes sagen. Als Unternehmen ständig betriebswirtschaftlich seine Ausgaben, insbesondere die Löhne zu optimieren, ist wirtschaftlich vernünftig. Der Verstand könnte einem aber etwas anderes sagen. Seine Produktion ins Ausland zu verlagern, weil dort die Kosten niedriger sind, ist wirtschaftlich sinnvoll. Der Verstand könnte einem aber etwas anderes sagen.

Auf Basis des Profitdenkens, welcher direkt dem Eigentum und dem Eigentumsrecht entspringt, koordinieren wir uns und die Gesellschaft, befördern wir Egoismus statt Gemeinsinn. Dabei ist der Mensch gar kein naturgegebener Egoist. Er ist ein soziales Rudeltier. Wann begreifen wir das endlich einmal und handeln vor allem danach? Wann wollen wir Freiheit und Demokratie endlich wirklich ernstnehmen und wahrlich einfordern? Wie lange wollen wir die Menschenrechte noch mit Füssen treten statt ihre Verletzung vollumfänglich zu verfolgen und zu sanktionieren? Wie lange wollen wir uns noch auf die blutigen Schlachtfelder dieser Welt schicken lassen? Neue Märkte erobern, Ressourcen sichern, Konkurrenten ausschalten, den eigenen Status, den eigenen Marktanteil erhalten und erhöhen, sich im Wettkampf durchsetzen? Ja, auch Wirtschaft ist Krieg. Tagtäglich. Und wir alle machen mit. Wie lange wollen wir uns noch selbst ausbeuten und ausbeuten lassen? Bis es nichts mehr zum Ausbeuten gibt? Wir den Planeten - und uns selbst - vollumfänglich gegen die Wand gefahren haben?

Was im Zusammenhang mit Eigentum und der Entstehung des Eigentums interessant ist. Adam, das hebräische Wort für "Erdling", bezeichnet im Tanach den ersten Menschen. In der Genesis wird „Adam“ in Bezug zum hebräischen „Adamah = Boden“ gebracht, aus dessen „Staub“ (Afar) Gott den Menschen formte. Erfolgte also die Vertreibung aus dem Paradies, in dem Adam und Eva noch frei und glücklich lebten, als sie vom Baum der Erkenntnis naschten und das Eigentum „erfunden“ wurde?

Mach Dir die Erde untertan. Teile die Erde, teile die Natur in Grund und Boden auf und vergebe darauf – als Herrscher – Eigentumsrechte an ein paar wenige Günstlinge und du wirst herrschen bis ans Ende der Welt. Das war der Anfang der Unfreiheit eines Großteils der Menschen. Die – um bei der Bibel zu bleiben – Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Wollte die Bibel bzw. deren Verfasser, uns vielleicht das mitteilen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir könnten auch Oppenheimers „Der Staat“ lesen, in dem Oppenheimer darlegt, wieso, weshalb, warum Staaten überhaupt und von wem erdacht und – gewaltsam – eingeführt wurden. Und vielleicht hätten wir dann die Basis um einmal nüchtern und sachlich über das Eigentum zu sprechen und zu befinden. Und über die Freiheit. Zeit dafür wärs allemal.

12:31 23.11.2019
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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