Das Wachstumsparadoxon im Kapitalismus

Wachstum: In unterentwickelten Volkswirtschaften führt Wachstum zu steigenden Löhnen und sinkender Arbeitslosigkeit, in entwickelten Volkswirtschaften offenbar nicht.
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In entwickelten Volkswirtschaften mit vielfach gesättigten Käufermärkten führt Wachstum stattdessen auf Grund permanent notwendiger Effizienzsteigerungen zu sinkenden Löhnen, zunehmend prekärer Beschäftigung sowie einer Erhöhung der strukturellen Arbeitslosigkeit.

Man produziert zwar immer mehr, und auch immer effizienter, auf Grund der damit aber auch verbundenen sinkenden Massenkaufkraft, kann dieses mehr an Produkten zunehmend nicht mehr im Inland abgesetzt werden, sondern muss geradezu in den Export gehen. Und dazu ist es wichtig, die Wettbewerbsfähigkeit auf den Exportmärkten immer weiter zu erhöhen.

Durch weitere Mechanisierung und Rationalisierung. Also einem fortgesetztem Druck auf die Löhne und Personalabbau, was die Lage - gesamtwirtschaftlich - immer weiter verschlimmert. Gerade für reine Binnenmarktunternehmen bzw. die Binnenkonjunktur, die dieser Situation geradezu zwangsläufig mit Lohn-Dumping und Personalabbau begegnen müssen.

Ein tiefgehende Krux des gegenwärtigen Systems: Betriebswirtschaftlich, also auf Ebene eines einzelnen Unternehmens, sind Löhne nur eines: Ein Kostenfaktor. Gesamtwirtschaftlich sind sie aber die Quelle die darüber bestimmt, wie viel Nachfrage überhaupt vorhanden ist.

Im Ergebnis ergibt sich auf Grund der zunehmend unzureichenden (Binnen)Nachfrage die Situation, dass (a) die realwirtschaftlichen Investitionen zunehmend zurückgehen und (b) die Verteilung – abzulesen an der Entwicklung der Lohn- bzw. Kapitalquote – immer ungerechter, immer mehr zu Lasten der Arbeitseinkommen erfolgt, was die Situation weiter verschärft.

Diese Krux, dieser systemimmanente Widerspruch kann einzel- bzw. betriebswirtschaftlich nicht gelöst werden. Schon gar nicht im Kapitalismus, der zwingend die Erzielung eines Profits zum Inhalt hat. Die einzelnen Unternehmer verhalten sich ja nicht falsch, sondern betriebswirtschaftlich richtig. Er ließe sich nur mildern. Durch Rückkehr zu einem sozial temperierten Kapitalismus namens „Soziale Marktwirtschaft“ wie wir ihn in der BRD einmal hatten.

Also z.B. durch eine geänderte Sozialpolitik. Eine geänderte Steuerpolitik. Wiedereinführung von Flächentarifverträgen und einer Erhöhung der Tarifbindung. Durch einen höheren Mindestlohn. Durch Rückbesinnung auf die Goldene Regel der Lohnpolitik. Durch Arbeitszeitverkürzungen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie dem auch sei. Im Ergebnis ergibt sich bei Vorliegen des Wachstumsparadoxon die verrückte Situation, dass trotz Wachstum, trotz steigenden Sozialprodukts (zu verteilender Wohlstandskuchen bzw. Volkseinkommen), das der sog. Mittelstand immer weiter wegbricht und sich eine zunehmende Verarmung weiter Teile der Bevölkerung einstellt.

Politik, die das nicht erkennt (oder erkennen will/darf) und sich infolgedessen einer Ursachenbekämpfung verweigert, stattdessen sogar darüber philosophiert, dass es Deutschland ja nie so gut ging wie heute, hat auf Grund massiver Verletzung des Amtseides eigentlich jedwede Legitimation verloren. Hier bliebe also nur noch der Rücktritt und Aufnahme von Ermittlungen seitens des Generalbundesanwaltes wegen Verfassungshochverrat (Verstoß Artikel 20 des Grundgesetzes in Verbindung mit Art. 79) und Amtsmissbrauch.

Das wird aber, ich denke, das kann man so prognostizieren, nicht geschehen. Es bleibt also offenbar nur eines: Island sollte kein Einzelfall bleiben, sondern Schule machen. Vor allem in Deutschland.

11:59 06.01.2016
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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