Die Geldmenge und ihre Umlaufgeschwindigkeit

Quantitätstheorie Die sog. Quantitätsgleichung ist ein wesentliches Fundament der vorherrschenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung. Ein höchst Fragwürdiges!
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Die Vorstellungen einer umlaufenden Geldmenge und eines Zusammenhangs zwischen dieser Geldmenge und der Höhe des Preisniveaus resultiert aus einer Vorstellung, in der sämtliches Geld aus einer klar definierten Bargeldmenge z.B. in Form einer bestimmten und begrenzten Anzahl von Gold- und Silbermünzen besteht. Das hat aber nichts mit der Realität, geschweige denn den heutigen Realitäten zu tun. Dennoch glauben viele Ökonomen offensichtlich immer noch, dieses Märchen wäre Realität. Sinn und Zwecks dieses Unfugs: die Menschen sollen glauben, dass die Geldpolitik keinen Einfluss auf Konjunktur, Wachstum und Beschäftigung hätte, sondern man lediglich die "Geldmenge" steuere, um für Preisniveaustabilität zu sorgen.

Basis dieses Schwindels ist die sog. Quantitätstheorie des Geldes bzw. die Quantitätsgleichung von Irving Fisher (M x V = P x Y) mit M = Geldmenge, v = Umlaufgeschwindigkeit des Geldes pro Jahr, Y = reales Bruttosozialprodukt einer Volkswirtschaft, P = Preisniveau. Der Ausdruck (Y * P) bezeichnet dabei den Wert des produzierten und abgesetzten Sozialprodukts (hergestellte und verkaufte, in Preisen bewertete Gütermenge), M x V die „umlaufende“ Geldmenge.

Wesentliche Aussage der Quantitätsgleichung ist dann – unter der Annahme V und Y (Output bei Vollbeschäftigung!) seien konstant bzw. gegeben, sich die Preise verdoppeln, wenn man die Geldmenge verdoppelt. Sonst ändere sich aber nichts (Neutralität des Geldes). Realwirtschaftliche Größen wie Konjunktur, Wachstum und Beschäftigung blieben hiervon also unberührt.

Tatsächlich gibt es hier aber ein Problem:In der Realität lässt sich die umlaufende Geldmenge (Stromgröße) gar nicht feststellen. Was lediglich bekannt ist, sind Bestandsgrößen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und die ändern sich in einer Periode durch Kreditaufnahme und Kredittilgung (Stromgrößen) ständig. Wie will man da eine umlaufende Geldmenge feststellen? Geschweige denn deren Umlaufgeschwindigkeit. Letztere wird von daher ja auch nicht gemessen, sondern durch Umformung der Quantitätsgleichung berechnet.

In Wahrheit benutzt bzw. missbraucht man die Quantitätsgleichung als eine mathematische Gleichung, obwohl es sich dabei lediglich um eine Identität handelt, die eigentlich nicht mehr besagt als das die Geldsumme, die aufgewendet wurde, um das in Preisen bewertete Sozialprodukt zu kaufen, identisch ist mit der Geldsumme, die ausgegeben wurde, um es herzustellen. Angesichts der Tatsache, dass jeder Kauf einen Verkauf bzw. jeder Verkauf einen Kauf voraussetzt, keine besonders geistreiche Erkenntnis. Was soll also der ganze Unfug?

Geld entsteht durch Kredit. Geld ist Kredit. Und Kredite sind für eine arbeitsteilige Wirtschaft, in der Produkte und Dienstleistungen über lange Wertschöpfungsketten hinweg entstehen, existenziell, um Produktion und Beschäftigung vorzufinanzieren. Und prinzipiell könnten diese Kredite quasi in jeder beliebigen Größenordnung erzeugt und bereitgestellt werden. Es gibt hier letztlich keine Knappheit. Es sei denn, man erzeugt diese absichtlich. In einem Papiergeldsystem ist Geld, sind Kredite nicht knapp. Im Gegenteil. Geld und Kredit kann man erzeugen wie Dreck.

Das ist auch nicht weiter schlimm, denn entscheidend ist nicht wie viel Kredit geschöpft und vergeben wird, sondern einzig und allein wofür der Kredit verwendet wird. Wird er dazu verwendet, um mehr Produktion und Beschäftigung, also auch höhere Einkommen vorzufinanzieren, ist dagegen prinzipiell erst einmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Nur durch eine erhöhte Kreditaufnahme, nur durch kreditfinanzierte Ausgabenüberschüsse (positive Nettokreditaufnahme) ist letztlich ein höherer Output (Y), also auch höhere Einkommen möglich.

Kernaufgabe der Geldpolitik sollte es also eigentlich sein, die Kreditversorgung der Wirtschaft zu gewährleisten, so dass die ihren Investitionsbedarf problemlos vorfinanzieren kann.

Sei´s drum. Erst durch die Annahme einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit (= 1) konnte die herrschende Volkswirtschaftslehre die Quantitätstheorie überhaupt als mathematische Gleichung missbrauchen, um durch entsprechende Umformungen zum offensichtlich gewünschten Ergebnis zu gelangen, wonach es einen kausalen Zusammenhang gäbe zwischen „Geldmenge“ und „Preisniveau“. Teuerung könne es also nur geben, wenn die Notenbank die Geldmenge zu sehr ausweiten (Inflation) würde, was selbstverständlich mit der richtigen „Geldmengensteuerung“ zu verhindern wäre. Das ist aber nichts als Unfug.

Die absurde Argumentation sieht auf jeden Fall wie folgt aus: Eine Erhöhung der Geldmenge führe zu einem Überschuss in der Transaktionskasse (so nennen VWL-Professoren ihren Geldbeutel) und somit einer steigenden Nachfrage, die wiederum – gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage - steigende Preise verursache.

Sprich, überschüssiges Geld zahlen die Menschen nicht auf ihr Bankkonto ein, von wo aus es letztlich wieder zur Zentralbank wandert, nein, die Menschen geben das überschüssige Geld so lange in der Wirtschaft aus bis die Preise gestiegen sind und der Überschuss im Geldbeutel verschwunden ist. Schon an dieser Stelle kann man sich eigentlich nur noch verwundert die Augen reiben.

Vor allem aber, das Rätsel wieso, weshalb, warum die Menschen nun auf einmal überhaupt „mehr Geld“ in ihrem Geldbeutel haben, welches sie dann solange ausgeben bis die Preise gestiegen sind, bleibt ein Mysterium. Anscheinend hat man es ihnen irgendwie auf wundersame Weise in die Taschen gezaubert oder es wurde, wie Milton Friedman einmal in einer kleinen Geschichte ausführte, von einem Hubschrauber abgeworfen, von den Menschen aufgesammelt und dann solange ausgegeben bis durch Preiserhöhungen diese zusätzliche Geldmenge wieder verschwunden ist.

Ergo kommt man zum Ergebnis, zu dem man wohl auch kommen wollte: Die Geldmenge beeinflusse lediglich das Preisniveau. Verdoppelt man die Geldmenge, verdoppeln sich nur die Preise, sonst ändere sich aber nichts. Realwirtschaftliche Größen wie Konjunktur, Wachstum und Beschäftigung blieben hiervon also unberührt. Welch kolossaler Unsinn!

17:16 12.03.2016
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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Holger Lang

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