Exportweltmeister

Ökonomie-Geisterfahrt Wenn Reichtum davon abhinge, dass man versteht, wie Geld und Wirtschaft funktioniert, dann müssten die Deutschen eigentlich bettelarm sein.
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Erlebbar wird dieser allgemein vorherrschende ökonomische Bildungsnotstand z.B. bei den allgemein vertretenen Positionen zur Staatsverschuldung, zur Inflation, zur Eurokrise, der Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) oder den deutschen Exportüberschüssen. Letztere sind z.B. entgegen dem, was viele glauben, nicht so sehr das Ergebnis einer hoch produktiven und innovativen Wirtschaft, sondern vor allem das Ergebnis jahrelangen Lohn-Dumpings, mit dem die ausländische Konkurrenz in vielen Bereichen in Grund und Boden konkurriert wurde.

Es überrascht aber nicht, dass die Masse der Deutschen dies vor allem den sog. „deutschen Tugenden“ zuschreibt und glaubt, allen anderen würde es genauso „gut“ gehen, wenn die nur alles genauso machen würden wie wir. Die von Arbeitslosigkeit und Leistungsbilanzdefiziten geplagten Krisenländer müssten sich also nur ein Beispiel an Deutschland nehmen und durch Strukturreformen und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ebenfalls ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Neoliberaler Neusprech, der in Wahrheit meint: durch Angst vor Arbeitsplatzverlust ein Lohn-Dumping durchsetzen, damit sich die Profite der Reichen erhöhen, während der große Rest zunehmend verarmt. Und das trotz ständig steigendem Sozialprodukt.

Wem es vermeintlich gut geht, der hat offenbar nicht allzu viel Anlass zum Nachdenken. Ohnehin scheint Nachdenken im einstigen Land der Dichter und Denker nicht mehr allzu gefragt zu sein. Im Gegenteil. Problemlos schaut das Steuervolk dabei zu, wie Banken mit Milliarden gerettet werden, Konzerne sich erfolgreich vor Steuerzahlungen drücken, Energiekonzerne trotz satter Gewinne Risiken und Kosten auf die Allgemeinheit verlagern und Reiche und Super-Reiche Geld und Vermögen in diverse Steueroasen verschieben. All das nimmt die deutsche Bevölkerung, nimmt der deutsche Steuerzahler mit einem Gleichmut hin, dass man eigentlich nur noch Staunen kann. Und nicht nur das. Die Politiker und Parteien, die diese „Steuervermeidung“ überhaupt erst ermöglicht haben, werden nicht abgestraft, sondern wieder und wieder gewählt. Eigentlich nicht zu fassen! Ohne nennenswertes Murren schnallt ein Großteil der Deutschen den Gürtel Jahr für Jahr immer enger und lässt sich dabei von Politik und Medien auch noch ein vermeintliches Beschäftigungswunder einreden und das es Deutschland ja so gut ginge wie nie zuvor.

Wir Deutschen sind offenbar was ökonomischen Themen angeht, schon längst eine Ansammlung von Unwissenden und Dummköpfen, denen man offenbar jeden Unsinn erzählen kann. Ökonomische Geisterfahrer, die schon gar nicht mehr bemerken, dass nicht die anderen, sondern wir in die falsche Richtung fahren. Wir glauben ernsthaft, die überschuldeten südeuropäischen Länder müssten nur genauso tugendhaft und sparsam sein wie wir, dann ginge es ihnen schon bald wieder besser. Das diese Forderung nicht nur töricht und gänzlich ungeeignet ist die Krise zu lösen, sondern sie zusätzlich verschärft, kommt uns nicht in den Sinn. Im Gegenteil. Statt eine sachliche Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn einer Austeritätspolitik zu führen, zeigen wir Deutschen lieber mit dem erhobenen Zeigefinger auf die überschuldeten Krisenländer und meinen diese seien doch an ihrem Elend selbst schuld und würden sich nur um notwendige Reformen drücken und obendrein verlangen, dass „wir“ ihre Schulden bezahlen.

Das mag am Stammtisch der Unbedarften Applaus einbringen, dennoch ist es grundlegend falsch, denn Wettbewerbsfähigkeit ist nun mal kein absolutes, sondern ein relatives Konzept. Wenn alle ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ändert sich am Ergebnis gar nichts. Zudem, dass die deutsche Wirtschaft nun „so toll da steht“, ist nicht das Ergebnis einer ausgesprochen hohen Produktivität und Innovationskraft, sondern neben massiven Lohn-Dumping auch dem Euro geschuldet, denn dieser beseitigte den Aufwertungsdruck, dem die D-Mark früher stets ausgesetzt war, wenn die Exportüberschüsse zu sehr anwuchsen. Zudem, es kann nicht jeder Exportweltmeister sein, denn der Exportüberschuss des einen setzt den Importüberschuss eines anderen voraus. Wenn einer ständig mehr verkauft als er kauft, dann muss es einen anderen geben, der ständig mehr kauft als er verkauft. Letzteres nennt man Schuldenmachen. Schulden des Auslandes sind die Kehrseite unsere Exportüberschüsse. Und nicht nur das. Wer ständig mehr Güter, Waren und Dienstleistungen ins Ausland liefert als er selbst vom Ausland bezieht, lebt nicht über seinen Verhältnissen, sondern darunter!

Was aber, wenn die Schuldner ihre Schulden nicht mehr bedienen können? Dann entpuppen sich unsere Exportüberschüsse als ein Verschenken unserer Güter und Dienstleistungen. Es ist wirklich kurios. Wir häufen Forderungen über Forderungen an. In der vagen Hoffnung, das Ausland werde dann in 20 oder 30 Jahren unsere Rente bezahlen. Das kann man aber nur ernsthaft glauben, wenn man gänzlich davon absieht, dass Schuldner auch zahlungsunfähig werden können. Und das können sie, wie man schon des Öfteren gesehen hat. Hat das aber ein Einsehen bewirkt? Nein, statt den Kurs zu ändern, leihen wir dem Ausland weiteres Geld, damit sie nur weiterhin unsere schönen Produkte kaufen können. Wir retten sie mit weiteren Schulden, nur damit die bereits bestehenden nicht ausfallen! Wer aber Kredite vergibt, ohne hinreichend auf die Zahlungsfähigkeit des Kreditnehmers zu achten, ja dem Kreditnehmer sogar auf Grund fortgesetzter Exportüberschüsse gar nicht die Möglichkeit der Entschuldung einräumt – dies würde nämlich erfordern, dass der, der bis dato mehr verkauft als kauft, nun mehr kauft als er verkauft – der muss sich nicht wundern, wenn er seine Forderung letztlich abschreiben muss.

Nur wenn wir bereit sind, mehr im Ausland zu kaufen als wir gleichzeitig ins Ausland liefern/exportieren, uns also verschulden, nur dann kann sich das Ausland bei uns entschulden. Das erkläre aber mal einem Volk, in dem die schwarze Null populärer ist als die Rolling Stones und die berühmt berüchtigte schwäbische Hausfrau als Inbegriff von Tugend und Sparsamkeit gilt. Dabei wird völlig übersehen, dass es ohne Schulden, dass es ohne steigende Verschuldung, kein Wachstum, also auch keine steigenden Einkommen und Ersparnisse gibt. Die Ausgaben einer Ökonomie bestimmen nun mal die Einnahmen der Ökonomie. Und ohne steigende, kreditfinanzierte Ausgaben gibt es keine steigenden Einnahmen, keine steigenden Einkommen, keine steigenden Ersparnisse. Wenn jeder mehr einnehmen möchte als er ausgibt, woher und wie soll es dann zu insgesamt steigenden Einnahmen kommen? Ein Ding der Unmöglichkeit!

Der Großteil der Beschäftigten in Deutschland hat zudem ohnehin nichts von den ständigen Exportüberschüssen. Weder höhere Löhne, noch höhere Steuereinnahmen für den Staat. Tatsächlich hätte ein Großteil der Beschäftigten Teile ihre Arbeitszeit ebenso verpennen können, das Ergebnis für den eigenen Geldbeutel wäre dasselbe. Wozu also der volkswirtschaftliche Irrsinn von Schuldenbremse, Fiskalpakt, Spar=Kürzungsprogrammen und Lohn-Dumping zur Erhöhung der berühmt-berüchtigten Wettbewerbsfähigkeit? Kennen unsere politischen Entscheidungsträger samt den Spitzen der Bundesbank noch nicht einmal einfachste ökonomische Zusammenhänge, nicht den Unterschied zwischen Schulden machen und sich überschulden? Das ist kaum zu glauben, weil die Unterscheidung eigentlich ziemlich einfach ist. Bedenklich ist die Aufnahme von Krediten nur, wenn die Zinsbelastungen höher sind als die durch die Kredite generierten Einkommenszuwächse.

Gegenwärtig liegen die Zinssätze nahezu bei null, die Wachstumsrate des BIPs ist zwar schwach, dennoch aber positiv und es herrscht kein Mangel an staatlichen Investitionen, insbesondere im Bereich Infrastruktur, Bildung und Forschung. Sich unter diesen Umständen nicht zu verschulden, obwohl ausreichend Bedarf vorhanden ist und man zum Teil sogar weniger zurückbezahlen muss als man sich geliehen hat, ist nicht nur hanebüchen dumm, sondern geradezu ökonomischer Selbstmord. Ein Leben von der Substanz, die man gleichzeitig verfallen lässt. Bis keine Substanz mehr vorhanden ist, von der man leben könnte. Dann wird sich das Gros der Deutschen verwundert die Augen reiben und sich fragen, wie man so sehr verarmen konnte, wo man doch immer so sparsam und fleißig war. Dümmer geht´s wirklich kaum noch! Oder: Tragisch, was fehlende Bildung anrichten kann. Das ist im Übrigen kein Vorwurf an die Menschen, die können nichts dafür. Schuld sind Politik, Medien und die sog. Mainstream-Ökonomie, die den Menschen leider wieder und wieder ökonomischen Unsinn eintrichtern.

17:06 18.02.2018
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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