Mangelnde Verschuldung als Krisenmoment

Geldpolitik in der Krise Finanzkrise oder Bilanzrezession? Krisen können unterschiedliche Gründe haben und unterschiedliche Lösungsansätze erfordern.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bilanzrezession ist ein von Richard Koo geprägter Begriff, der einen Zustand beschreibt, in dem insbesondere der Unternehmenssektor verstärkt spart, um seine Finanzen und Bilanzen in Ordnung zu bringen. Dies würde in Folge allerdings auch einen entsprechenden Rückgang der Wirtschaftsaktivität verursachen. Es sei denn, jemand anderer übernimmt die notwendige Verschuldung, die die Unternehmen nicht mehr übernehmen wollen.

Bilanzrezessionen sind häufig Folge einer von Kreditexzessen getriebenen Vermögensblase. Wenn diese platzt (und das tut sie immer irgendwann), müssen die per Kredit erworbenen Assets in der Bilanz wertberichtigt werden, während die nominalen Geldschulden gleich bleiben. Unter Umständen wird dadurch das Verhältnis zwischen Schulden und Vermögen so schlecht, dass Überschuldung droht.

In dieser Situation spart und kürzt man verständlicherweise, wo man nur kann. Vor allem aber meidet man Neuverschuldung (Kreditaufnahme) wie der Teufel das Weihwasser.

Geldpolitische Maßnahmen wie z.B. ein verstärktes Quantitative Easing seitens der Zentralbank sind hier im Grunde wirkungslos, denn billige Kredite werden allenfalls zur Entschuldung genutzt oder fließen in unproduktive Spekulationen auf den Finanzmärkten!

Wenn im Rahmen einer Bilanzrezession alle bzw. viele sparen und ihre Ausgaben kürzen, um ihre Vermögensbilanz zu sanieren und die Liquidität zu verbessern, sinken insgesamt dadurch aber auch die Einnahmen der Ökonomie. Folge: Man spart und kürzt sich immer tiefer in die Krise. Und das obwohl betriebswirtschaftlich betrachtet jeder „das Richtige“ tut: Man versilbert seine Vermögenswerte, baut Schulden ab und hält ansonsten sein Pulver trocken. Doch wenn alle dies tun, kommt es unweigerlich zu einer schweren Depression, in deren Verlauf die Wirtschaft immer weiter einbricht.

Zur Krisenvermeidung gibt es hier im Grunde nur eine Möglichkeit: Jemand anderer übernimmt die notwendige Verschuldung, damit die Unternehmen und Haushalte weiter sparen und sich entschulden können. Und hierfür gibt es letztlich nur zwei Kandidaten: Der Staat und/oder das Ausland. Einer von beiden, oder beide, müssen zu Nettoschuldnern (Kreditaufnahme > Kreditrückzahlung) werden, damit der private Sektor Nettosparer sein kann (Kreditrückzahlung > Kreditaufnahme).

Der Normalfall also, dass der Unternehmenssektor in jedem Jahr Schulden aufnimmt, um sie in Sachkapital (Produktionsanlagen, Büroausstattung, Fahrzeuge etc.) zu investieren, gilt in einer Bilanzrezession nicht. Ganz im Gegenteil. Folglich bleiben nur der Staat und/oder das Ausland, um die notwendige Verschuldung zu übernehmen. Wenn die das aber nicht tun (oder nicht mehr können), dann ist über kurz oder lang eine deflationäre Krise mit hoher Arbeitslosigkeit unvermeidbar.

Anders verhält es sich in einer Finanzkrise (siehe z.B. Griechenland). Hier würden sich die Unternehmen gerne verschulden, um zu investieren, da aber die Banken in finanziellen Schwierigkeiten sind, stockt hier der dringend notwendige Kreditfluss an die Wirtschaft aus anderen Gründen. Mit allen damit verbundenen wirtschaftlichen Konsequenzen.

So oder so, in beiden Fällen kommt dem Staat eine besondere Rolle zu: in einer Bilanzrezession muss er sich verstärkt verschulden, um zu investieren. Und er muss dafür sorgen, dass durch Lohn-, Steuer- und Sozialpolitik die Nachfragegruppen gestärkt, die eine hohe Konsumquote aufweisen. Also insbesondere die unteren und mittleren Einkommen. Im Falle einer Finanzkrise muss er, gemeinsam mit der Zentralbank, vor allem die angeschlagenen Banken rekapitalisieren.

Fazit: Es läuft hier in Deutschland, aber auch in anderen (Euro-)Ländern etwas komplett schief, was man mit in dem Schlagwort „Neoliberalismus“ bzw. neoliberale Agenda bezeichnen kann. Wird die nicht überwunden und mindestens eine Rückkehr zu einem sozialtemperierten Kapitalismus namens soziale Marktwirtschaft vollbracht, ist eine Verarmung weiter Teile der Bevölkerung m.E. unvermeidlich.

Vermeintliche Lösungskonzepte wie ein sog. Helikoptergeld, welches von der Zentralbank einfach so unter die Leute gebracht wird, werden hier nichts nützen, weil sie auf falschen Geld- und Inflationsvorstellungen beruhen. Helikoptergeld erhöht nicht dauerhaft die laufenden Einkommen der Menschen, sondern wird letztlich nur zu Preiserhöhungen führen, ohne dass die Menschen dauerhaft höhere Einkommen haben.

Sprich, außer einem kurzen Strohfeuer ist hiervon nichts zu erwarten. Außer, dass es einem Großteil der Menschen nach diesem Strohfeuer noch schlechter gehen wird. Und das kann man wohl kaum als gelungene Lösung bezeichnen.

20:07 23.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
Schreiber 0 Leser 0
Holger Lang

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community