Oh, Herr. Lass Hirn vom Himmel fallen ...

Wirtschaftspolitik Betrachtet man die Entwicklung der 5 Konten der volkswirtschaftlichen Finanzierungsrechnung, so kann man für den Unternehmenssektor feststellen
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Nämlich, dass dieser sich über die letzten Jahre hinweg entschuldet hat und mittlerweile selbst Netto-Sparer ist. Und das ist in der Tat hochinteressant, denn der wesentliche Grund, warum ein Unternehmen sich verschuldet, Kredite aufnimmt, ist die Finanzierung von Investitionen.

Wenn dies aber offenbar immer weniger der Fall, stellt sich die Frage: Investieren die Unternehmen einfach weniger oder haben sie eventuell gerade große Schwierigkeiten überhaupt Kredite zu bekommen? Vergeben die Banken also z.B. auf Grund von mangelndem Eigenkapital weniger Kredite oder liegt es eher an mangelnder Bonität der Schuldner? Benötigen die Unternehmen in Summe mittlerweile einfach weniger Kredite, weil sie sich mittlerweile überwiegend aus Gewinnen und vorhandener Liquidität finanzieren?

Es können hier – je nach Unternehmen – unterschiedliche Gründe vorliegen. Ein insgesamt sinkender Kreditbedarf könnte z.B. auch daraus resultieren, dass auf Grund mangelnder Inlandsnachfrage (sinkende Massenkaufkraft durch jahrelanges Lohn-Dumping) sowie allgemeiner Marktsättigungstendenzen weniger Bedarf besteht, in die Erweiterung der vorhandenen Produktionskapazitäten zu investieren.

Nun war aber die Verschuldung des Unternehmenssektors eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die privaten Haushalte individuell Netto-Geldvermögen (Ersparnisse) aufbauen konnten. Wenn dies nun aber zunehmend nicht mehr der Fall ist, die privaten Haushalte aber dennoch weiter Ersparnisse aufbauen und diese vermehren wollen, dann muss an anderer Stelle die dafür notwendige Verschuldung stattfinden.

Und wie die volkswirtschaftliche Finanzierungsrechnung zeigt, erfolgte diese Verschuldung zum einen über das Ausland (=> Exportüberschüsse) sowie insbesondere der inländischen Staatsverschuldung. Wenn diese beiden Sektoren dazu aber auch nicht mehr bereit sind oder dies nicht mehr können, wird es kritisch, denn selbstverständlich wollen die Geldvermögensbesitzer ihr Geldvermögen weiter vermehren. Und selbstverständlich fordern auch die Kapitalbesitzer weiterhin eine entsprechende Verzinsung auf ihr eingesetztes Kapital. Und erhalten diese auch. Und zwar immer als Erster. So lautet nun mal die Meta-Spielregel des Kapitalismus: Erst das Kapital, dann die Arbeitseinkommen.

Wenn die Gewinn- und Kapitaleinkommen aber vom Volkseinkommen immer mehr für sich beanspruchen, weil das Sozialprodukt (Volkseinkommen) nicht mehr entsprechend wächst, dann bleibt für die Arbeitseinkommen logischerweise relativ immer weniger übrig. Und genau das können wir in der BRD so auch beobachten. Zeit- und Leiharbeit nehmen immer weiter zu. Ebenso prekäre und atypische Beschäftigungsverhältnisse. Fast ein Viertel der abhängig Beschäftigten ist mittlerweile im Niedriglohnsektor beschäftigt. Die Zahl von befristeten Arbeitsverträgen nimmt immer weiter zu. Hochschulabsolventen erhalten keinen unbefristeten Arbeitsvertrag mehr, sondern müssen sich von Praktika zu Praktika oder von Projekt zu Projekt verdingen. Verlässliche Zukunftsperspektiven, Fehlanzeige!

Aktuell haben wir in der BRD das Problem, das die Pläne zu sparen und weiterhin Geldvermögen aufzubauen bzw. sich zu entschulden, deutlich höher sind als die Pläne sich zu entsparen bzw. neu zu verschulden. Und das bedeutet nichts anderes als eine negative Netto-Kreditaufnahme. Also Deflation. Wir steuern also gerade Schnur stracks in eine deflatorische Krise mit hoher Massenarbeitslosigkeit und Massenverelendung wie zu Zeiten Brünings, können uns aber von den Medien und der sog. Mainstream-Ökonomie ständig irgendwelche Inflationsphobien anhören.

Lösen bzw. vermeiden ließe sich diese Krise eigentlich ganz einfach: Entweder entsparen sich die Reichen und Super-Reichen freiwillig oder man nimmt ihnen Teile ihres Vermögens weg und gibt es den Armen, damit die das Geld in der Wirtschaft ausgeben können. Die Ersparnisse/Guthaben der privaten Haushalte sind nämlich nichts anderes als Nachfrageschulden.

Krisen sind im Kapitalismus i.d.R. immer mangelnder Nachfrage geschuldet. Und mangelnde Nachfrage ist letztlich nur ein anderes Wort für mangelnde Einkommen, mangelnde Massenkaufkraft. Es gibt immer mehr Menschen, die zwar gerne Geld ausgeben würden, aber nicht genügend davon haben. Und auf der anderen Seite ein paar wenige, die geradezu im Reichtum ersaufen und diesen Reichtum gar nicht mehr ausgeben können.

Ergo muss man dieses Verhältnis umkehren. Das Lustige daran, die gesamte Volkswirtschaft würde davon profitieren und in letzter Konsequenz das Geld sogar wieder da landen, wo es herkam. Bei den Reichen und Super-Reichen. Gleichzeitig könnten wir so die Staatsverschuldung nachhaltig und konjunkturneutral reduzieren.

Das ist der Punkt, den die Masse der Menschen einmal verstehen müsste: Geldvermögen können sich nur erhöhen, wenn an anderer Stelle eine entsprechende Verschuldung stattfindet. Wenn diese Verschuldung nun aber offenbar niemand mehr übernehmen will, haben wir ein Problem. In unserem gegenwärtigen Papiergeldsystem mangelt es nämlich nicht - was eigentlich überaus positiv ist - an Geld (= Kredit). Es mangelt an kreditwilligen und kreditfähigen (solventen) Schuldnern. Das ist neben den Tilgungs- bzw. Finanzierungslasten aus der vorhandenen Verschuldung sowie der Verteilungsproblematik (Zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich) eines der zentralen Probleme. Uns fehlen die Schuldner, die sich verschulden wollen und verschulden können.

Das sollten wir endlich einmal zur Kenntnis nehmen. Politik, Medien und die sog. Mainstream-Ökonomie machen leider seit Jahren genau das Gegenteil. Und, das muss man wirklich konstatieren, sie haben in der Verklärung der wahren Tatbestände und Zusammenhänge wirklich ganze Arbeit geleistet. Und tun es nach wie vor. So glaubt ein Großteil der Bundesbürger leider immer noch,

  • dass die südeuropäischen Krisenländer nur mehr sparen müssten, um aus der Krise zu kommen.
  • dass der Abbau der Staatsverschuldung eine zentrale politische Aufgabe wäre, da wir nachfolgenden Generationen ja nicht solche unverantwortliche Schuldenberge hinterlassen dürften
  • dass wir unbedingt mehr kapitalgedeckt für das Alter vorsorgen müssten
  • dass hohe Löhne Arbeitslosigkeit verursachen würden.
  • dass ständige Exportüberschüsse positiv wären.
  • dass ein Staatshaushalt genauso zu führen wäre wie ein Privathaushalt.

Solange die Mehrzahl der Menschen diese und andere Dinge nach wie vor glauben, sind wir von einem entsprechenden Problembewusstsein leider noch meilenweit entfernt. Damit aber auch von sinnvollen Lösungsansätzen. Offenbar ist es so, dass das Gros der Menschen nicht aus der Geschichte lernt, sondern bereitwillig bereit ist, sie wieder und wieder zu wiederholen.

23:03 30.03.2016
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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