Die Öko-Avantgarde

Erneuerung In der Umweltbewegung steht ein Generationenwechsel an, viele Vorkämpfer werden alt. Die Jungen sind nicht mehr prinzipiell dagegen und leben Nachhaltigkeit im Alltag
Heike Leitschuh | Ausgabe 28/2015 7
Die Öko-Avantgarde
Junge Umweltkämpfer revolutionieren die Bewegung
Illustration: der Freitag; Material: Ellisia/Fotolia; Porträts: Privat

Jede Generation neigt dazu, sich für beherzter, engagierter und widerstandsfähiger als die nachfolgende zu halten. Wer ahnt, dass die Zeit zum Abschied gekommen ist, mag wenigstens noch mal sagen: „Wir haben es gut gemacht. Ob die anderen das auch so können?“ Das geht Umweltschützern genauso. Aber: Menschen ändern sich, Bedingungen ändern sich. Doch was, wenn man die Neuen noch gar nicht kennt? Denn eigentlich sind sie kaum wegzudenken aus dem umweltpolitischen Geschehen: Hubert Weinzierl, Angelika Zahrnt und Hubert Weiger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Olaf Tschimpke vom Naturschutzbund Deutschland (NABU), Brigitte Behrens von Greenpeace, Thilo Bode von Foodwatch oder Doyen und Vordenker Klaus Töpfer. Sie alle prägten seit Jahrzehnten die Diskussion um Umweltschutz.

Doch jetzt sind sie im Rentenalter oder stehen kurz davor. Ganz ähnlich sieht es bei den Wissenschaftlern, Verbänden und Journalisten in diesem Bereich aus. In der Politik vermisst man schon länger die, die der Umweltpolitik ein scharfes Profil gaben wie einst Bärbel Höhn, der 2010 verstorbene Hermann Scheer oder Jürgen Trittin. In den Pionierunternehmen haben einige den Staffelstab schon an die nächste Generation weitergereicht, andere suchen noch nach Nachfolgern. Der Generationenwechsel in der Umweltszene steht auf allen Ebenen an, zum zweiten Mal schon. Einmal ist er bereits gelungen. Der Aufbruch-Generation von Erhard Eppler, Bernhard Grzimek oder Horst Stern folgten die oben Genannten. Sie bestimmten gut 30 Jahre das Geschehen. Doch wer sind die Jungen, die Gesichter der dritten Generation? Wie ist sie geprägt, und was wird sie anders machen?

Die Bewegung war anti

Werfen wir zunächst einen Blick zurück, bevor wir nach vorn schauen. Das Unabhängige Institut für Umweltfragen (UfU) in Berlin hält in seiner aktuellen Studie der Umweltbewegung von heute „einen Mangel an Reflexion“ vor. Man beschäftige sich kaum mit geschichtlichen Zusammenhängen, Motiven und Ursprüngen des Umwelt- und Naturschutzes. In der Tat: Man sollte schon wissen, woher man kommt, um sich und sein Umfeld zu verstehen. Zumal die Umweltbewegung einiges erreicht hat. In den 70er und 80er Jahren empörten sich Bürger über die Verschmutzung von Luft und Wasser, denn der wirtschaftliche Aufstieg nach dem Kriegsende wurde über viele Jahre ohne Rücksicht auf die Umwelt vollzogen. Große Skandale wie der Unfall beim Chemieunternehmen Sandoz in Basel rüttelten viele Menschen auf. Man fühlte sich von der modernen Wirtschaft und Technik bedroht, am meisten von Atomkraftwerken. Die Bewegung war anti. Die Gegner saßen auf Regierungsbänken und in den Konzernetagen.

Vieles konnte erreicht werden: Die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf wurde nicht gebaut, auch nicht der Schnelle Brüter. Brennende Deponien, tote Fische in den Flüssen und an Pseudokrupp erkrankte Kleinkinder gehören der Vergangenheit an. Kraftwerke wurden sauberer, in die Nordsee wird kein Industrieschlamm mehr verklappt. Und vor allem: Umweltschutz wurde Regierungsziel, 1971 gab es das erste Umweltprogramm, bald auch ein eigenständiges Umweltministerium und das Umweltbundesamt wurde gegründet.

Die Bewegung von heute ist eine andere als damals. Als nämlich das Thema Klimawandel aufkam, wurde den Umweltschützern deutlich, dass das Versagen nicht allein auf einzelne profitgierige Unternehmen und ihre Handlanger in der Politik zurückzuführen ist. Nun steht der westliche energie- und ressourcenverbrauchende Lebensstil im Zentrum der Kritik. Damit wird Umweltschutz eine Aufgabe für jeden – alle sind mitverantwortlich. Es hat einige Jahre gedauert, bis es in die gesamte Bewegung eingesickert ist, dass es einen dialektischen Zusammenhang gibt zwischen dem, was uns Politik und Wirtschaft zumuten und unserem privaten Anspruch an Wohlstand und Lebensqualität. Einfacher war es, die Schuld bei anderen zu suchen.

Bis heute gibt es renommierte Vertreter der Bewegung, die die Menschen nur als Opfer sehen, weil sie keine Chance hätten, im falschen Kontext das Richtige zu tun. Die Erkenntnis, dass Konsum und Lebensstil ein wesentlicher Bestandteil und auch Triebkraft für umweltschädliche und nicht-nachhaltige Entwicklungen sind, veränderte die Sicht auf Opfer und Täter. Wir alle – in den reichen Ländern und die Mittel- und Oberschichten der Entwicklungs- und Schwellenländer – sind Opfer und Täter zugleich, sicherlich aber mit unterschiedlichen Anteilen. Daher veränderten viele Umweltverbände ihre Strategie: Sie wenden sich nun auch an die Bürger. Manche tun sich dabei mit ihrer neuen Doppelrolle noch schwer. Hier scharfe Kritiker eines kapitalistischen und wachstumsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zu sein, dort sanfte Werber für ein nachhaltigeres Verhalten der Menschen im Alltag.

Zum Werben gehört auch, dass viele Nichtregierungsorganisationen im Umweltbereich nun praktisch aufzeigen wollen, dass es Alternativen zum scheinbar Alternativlosen gibt. Schon in den frühen 90er Jahren zum Beispiel half Greenpeace der kleinen Firma Foron, einen FCKW-freien Kühlschrank auf den Markt zu bringen und löste damit einen Erdrutsch in der Branche aus. Später gründete die Organisation einen eigenen Energieversorger, um dem Energiesektor regeneratives Leben einzuhauchen, und entwickelte ein Drei-Liter-Auto. Andere Verbände wie der WWF oder der NABU kooperieren eng mit Unternehmen, um Lösungen für einzelne Probleme zu finden. Das bleibt nicht ohne Folgen. Mitunter leidet die Konfliktfähigkeit. Auch hier müssen die Verbände sich in ihrer neuen Doppelrolle oft noch zurechtrütteln.

Nicht zuletzt weil manche Verbände ihre scharfen Zähne nicht mehr zeigen, wurde Raum frei in der Szene für neue angriffslustige Organisationen. Die Generation der Macher in den umweltbewegten und globalisierungskritischen NGOs zeigt sich jünger, bunter, vielfältiger und frecher. Etliche kleine Verbände und Organisationen wie Campact, Lobbycontrol oder Foodsharing machen mit neuen Methoden von sich reden. Sie bedienen das Bedürfnis der Jüngeren, sich nicht fest zu binden, sich lieber spontan und punktuell zu engagieren. Das Internet ist dafür das geeignete Medium.

„Niederschwellige Angebote“ nennt das Christoph Bautz, der 43-jährige Chef von Campact. Die Stärke einer Organisation wie Campact, die 2014 über 5,6 Millionen Spendengelder verfügte, ist es, sehr schnell viele Menschen erreichen zu können: Über 1,6 Millionen Interessierte sind in ihrem Verteiler. Das würde aber nichts nützen, wenn man nicht auch inhaltliche Expertise hätte und auf Menschen zählen könnte, die sich langfristig engagieren. Beides findet Campact bei den etablierten Umweltverbänden, mit denen man nach anfänglichem Fremdeln inzwischen gut kooperiert. Vor allem wenn es darum geht, sich auch offline, also mit öffentlichen Aktionen zu zeigen, wie bei den Anti-Atom-Demonstrationen oder denen zur Agrarwende. Dass auch die großen Umweltverbände jetzt öfter auf die Straße gehen und sich nicht allein mit Lobbyarbeit und Papiereschreiben begnügen, ist zum Großteil dem Einfluss der jüngeren Generation geschuldet.

Die hat sowieso mehr Spaß an der praktischen Arbeit. Das Engagement der Jungen findet eher auf der Ebene von kleineren Projekten statt. Sie ernähren sich vegan, pflanzen in städtischen Gemeinschaftsgärten, eröffnen Repair Cafés oder starten Initiativen im Rahmen der Share Economy. Diese Generation, die Soziologen die Generation Y nennen, ist pragmatischer und weniger materialistisch als die vorherige. Viele in dieser Altersgruppe leben einen relativ nachhaltigen Lebensstil, ohne das an die große Glocke zu hängen: Sie haben kein Auto, kaufen Second-Hand-Produkte und verstehen sich bestens aufs Teilen. Ein politisches Amt streben sie seltener an. So ist es nicht verwunderlich, dass sich bisher noch kaum Gesichter zeigen, die die ältere Generation in den Organisationen beerben könnten. Charismatische Führungspersönlichkeiten sind schon gar nicht in Sicht.

Neue Formen des Kämpfens

Doch braucht es überhaupt noch kantige Typen, in einer Zeit, in der Umweltschutz zum Mainstream gehört? Als Umweltschützer hat man heute ein gutes Ansehen. Mit dem Kämpfen haben es die Jungen dafür nicht so sehr, hört man von den Alten. Die aber übersehen, dass es neue Formen des Kämpfens gibt. Und dass jede Generation anders kämpft. „Wir haben wenig Berührungsängste und agieren gemeinschaftlicher“, sagt Anja Humburg, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und mit 30 Jahren die Jüngste im Arbeitskreis Wirtschaft und Finanzen des BUND. „Da passt es nicht mehr, sich auf Einzelne zu fokussieren. Doch ich schätze die Erfahrung und das Wissen der Älteren sehr.“

Trotzdem werden Führungskräfte benötigt, die sich an die Spitze von NGOs oder Unternehmen stellen wollen. Dafür werden die NGOs wohl mehr in ihre Nachwuchsarbeit investieren müssen. Bewerbungen gibt es zwar genug − viele junge Leute würden gern in einer NGO arbeiten −, doch kaum freie Stellen, und so haben die Verbände kaum die Möglichkeit, junge Leute systematisch aufzubauen. Können sie es nicht, oder wollen sie es nicht? Es könnte auch sein, dass die Alten, weil sie zu einer Generation gehören, die zwar alt wird, aber nicht alt werden will, den Jungen den Weg verstellen. Heiko Ernst, Chefredakteur der Zeitschrift Psychologie Heute, meint, die jetzige Generation der Entscheider – „Forever Young, Forever Turnschuh“ – tue sich extrem schwer mit dem Loslassen. Sie werde ihrer Aufgabe, Erfahrungen und Wissen weiterzugeben, unzureichend gerecht.

Für die jungen Aktivisten ist es selbstverständlich, dass man Nachhaltigkeit auch im Alltag lebt. Da unterscheiden sich die jungen Umweltschützer stark von vielen der älteren Generation, die glauben, ihr hohes politisches Engagement rechtfertige es, in Sachen nachhaltiger Lebensstil nachlässiger sein zu können. Zu den neuen Gesichtern, die das Potenzial haben, Führungsaufgaben zu übernehmen, gehört zum Beispiel Marlene Haas aus Frankfurt. Die Unternehmerin hat Projekte zum nachhaltigen Wirtschaften gestartet und es mit 25 Jahren als bisher jüngste Frau zur stellvertretenden IHK-Vorsitzenden gebracht. Diese Position nutzt sie nun dazu, in der Frankfurter Wirtschaft das Thema Nachhaltigkeit zu stärken. Bei den Älteren stört sie, dass die eher im Modus des Dagegenseins verharren. „Wir aber wollen lieber für etwas sein, Alternativen aufzeigen“, sagt sie. „Und das sollte mindestens den gleichen Stellenwert haben wie der Protest gegen nichtnachhaltige Politik oder Unternehmensverhalten.“

In der Tat tun sich viele in der Nachhaltigkeitsszene schwer mit positiven Visionen. Dabei gab es mal eine Zeit, da war man ganz nah dran an der Gestaltungskraft für alternative Gesellschaftsentwürfe. Spätestens mit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 wurde klar, dass der Schutz der Umwelt und die sozialen Fragen so eng miteinander verknüpft sind, wie man es lange nicht wahrhaben wollte. Das Konzept der Nachhaltigkeit folgt der Idee, Wohlstand, Gerechtigkeit und den Schutz des Planeten gleichermaßen zu erreichen. 1996 veröffentlichte der BUND gemeinsam mit der katholischen Hilfsorganisation Misereor eine vielbeachtete Studie: Zukunftsfähiges Deutschland. Darin wurde auf höchst lebendige und ansprechende Art beschrieben, wie eine nachhaltige Entwicklung Deutschland verändern würde – zum Positiven.

Das Buch war ein Renner, viele sogen seine Inhalte auf. Nach trüben Jahren war man wieder in der Offensive, was auch die Kontrahenten im Wirtschaftslager bemerkten. Diese reagierten, um die Hegemonie über gesellschaftliche Deutungen nicht zu verlieren, indem sie sich verstärkt in den Nachhaltigkeitsdiskurs einmengten. Doch mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, mit den internationalen Konflikten verschwanden die Visionen wieder in der Schublade.

Die Jungen bemerken diese Fehlstelle, suchen nach Alternativen und denken weniger in Freund-Feind-Schemata, weil sie Ausschau halten, mit wem es sich gut kooperieren lässt. Nach allen Seiten offen? Den Vorwurf, dass ihresgleichen an Profil vermissen lasse und sich nicht entscheiden könne, findet Haas unfair: „Die Älteren verstehen die Lebenswirklichkeit der Generation Praktikum nicht. Wir müssen so vieles abwägen.“ Die junge Generation muss sich in einer höchst komplexen Welt zurechtfinden. Die Welt ihrer Vorgänger war monothematischer, auch dogmatischer: Wirtschaft gegen Umwelt, Nord gegen Süd, Gut gegen Böse. Dagegen ist die Wirklichkeit der Jungen gespickt mit Zielkonflikten und Gleichzeitigkeiten, auch bei der Nachhaltigkeit, wenn es gilt, ökologische, soziale und ökonomische Ziele abzuwägen.

Ganz viele Grautöne

Auch in den Pionierunternehmen, die früh auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzten, sind Veränderungen erkennbar. Während sich die Eltern noch darauf konzentrierten, umweltfreundliche Produkte herzustellen, wollen die Kinder, die die Unternehmen übernehmen, auch gesellschaftspolitisch mitmischen. So zum Beispiel Antje von Dewitz, die seit 2009 an der Spitze des Bergsportartikelherstellers Vaude in Tettnang steht. Das ganze Unternehmen soll auf Nachhaltigkeit getrimmt werden. Ziel ist es, mit sozial-ökologischen Werten erfolgreich zu wirtschaften. Die 42-Jährige will „gesellschaftlich Einfluss nehmen“, was die Mitbewerber in der Outdoorbranche anfangs skeptisch beäugten, inzwischen aber anerkennen. Nachhaltigkeit konfrontiert ein Unternehmen ständig mit Dilemmata – „da gibt es kein Schwarz-Weiß, sondern ganz viele Grautöne“ – und so ist es ein fortwährendes Ringen um die beste Lösung, was nur zusammen mit Herstellern, Handel und NGOs gelingen kann.

Ulrich Walter, 65 Jahre alt, hat die Nachfolge in seinem Bio-Unternehmen Lebensbaum schon geregelt, ist aber noch in der Führung tätig. Die junge Generation habe zwar gute Ideen, meint er, ihr fehlten aber noch die Typen und sie scheuten sich vor Führungsrollen, weil sie jederzeit wieder aussteigen können wollten. Charismatiker brauche es, um denjenigen, die „Kapitalismus pur vertreten, etwas entgegenzusetzen. Es muss Menschen geben, an denen man sich orientieren kann.“ Mit Interesse verfolge er, wie sich die Jungen für die Ökonomie des Teilens und Tauschens engagieren. Vielleicht, so Walter, könnten hieraus eines Tages die neuen Typen erwachsen.

Heike Leitschuh, Jahrgang 1958, schreibt, moderiert und berät seit 25 Jahren zum Themenkomplex Nachhaltigkeit

 

Stefan Lill Nächtliche Besuche in Tierzuchtanlagen

Stefan Lill und seine Freunde kommen nachts und suchen nach offenen Türen oder Fenstern. „Wir gehen in Tierhaltungsanlagen und dokumentieren das Elend der Tiere“, erzählt Lill. Mit Schutzanzug und Kamera ausgerüstet, filmen sie die Zustände in deutschen Ställen. Das Material geben sie weiter – oft an den Verein Animal Rights Watch, der die Aufnahmen dann veröffentlicht und Journalisten mit allgemeinen Hintergrundinformationen zur Tierhaltung versorgt.

„Wir sind die berühmten anonymen Quellen“, sagt Lill. Eine feste Gruppe sei das nicht, eher ein loser Zusammenschluss aus knapp 15 Menschen, die sich schon seit Jahren politisch engagieren. Ihr Ziel ist es, die Situation der Tiere ins Fernsehen oder in die Zeitung bringen. Welchem Betrieb sie einen Besuch abstatten, sei oft dem Zufall geschuldet, erzählt der 42-Jährige. „Wir schaffen ein paar Dutzend Anlagen pro Jahr.“ Nicht jedes Mal kommen dabei Bilder heraus, für die sich die Redaktionen auch interessieren. „Ganz viel Material landet leider nur im Archiv.“

Stefan Lill trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen. Er hat aber Angst vor staatlichen Repressionen und davor, dass ihn Tierhalter persönlich angreifen könnten. Die Urheber der Aktionen bleiben daher meist anonym. „Es gibt aber Fälle, in denen wir uns dazu bekennen. Wenn in einer Anlage ganz krass gegen Gesetze verstoßen wird, stellen wir Anzeige und stehen dann auch als Zeuge zur Verfügung.“ Damit handeln sich die Tierfreunde in der Regel auch selbst eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch ein. Oft würden die Verfahren eingestellt, sagt Lill, in manchen Fällen gebe es eine Geldstrafe. Er selbst musste bisher noch nie etwas zahlen.

Ihr Engagement finanzieren die Aktivisten selbst. Lill arbeitet halbtags im Büro, mehr möchte er zu seinem Beruf aber nicht sagen. Warum setzt er sich für die Tiere ein? „Ich finde Gewalt gegen Schwächere schlimm. Die Tiere werden eingesperrt, von ihren Eltern getrennt und umgebracht.“ Er selbst lebt daher seit zehn Jahren vegan. „Ich fühle mich gesund und fit.“ Und er will unbedingt weitermachen, in Ställe gehen und Missstände aufdecken. Felix Werdermann

Daniel Hires Tanz den Protest

Musik hören, tanzen und dabei ein bisschen die Welt retten. Das ist die Idee der Silent Climate Parade (SCP). Angelehnt ans Prinzip der Silent Disco ziehen seit 2009 mehrere tausend Menschen mit Funkkopfhörern auf ihren Ohren lautlos tanzend durch Berlin und protestieren so gegen den Klimawandel. Organisator der größten Klimademo in Deutschland ist seit 2011 der Deutsch-Amerikaner Daniel Hires. Unterstützt wird er von einer Schar Freiwilliger, die jedes Jahr viel Zeit und Engagement in die Organisation des Spektakels investieren.

Hires verdient sein Geld als Freiberufler im Kommunikations- und Marketingbereich. Er ist überzeugt, dass die SCP auch die Menschen erreicht, die bisher wenig Lust auf traditionelle Demos für Klima- und Umweltschutz hatten. „Wir haben wahrscheinlich zu 50 Prozent Leute, die sonst keine Demogänger sind. Mit Kopfhörern leise tanzend durch die Stadt zu gehen, ist eben ein Erlebnis. Daher haben wir ein anderes Publikum als auf jeder anderen Klimaschutzdemo.“

Die steigenden Teilnehmerzahlen geben ihm recht. Bei der letztjährigen SCP tanzten 4.000 Menschen, 2009 waren es noch 350. Mittlerweile gibt es auch in Mainz und Essen Ableger der Kopfhörerdemo.

Neben seinem Engagement für die SCP ist der 32-Jährige als Berater und Mentor von Social-Start-ups tätig. Außerdem organisiert er die jährlich in Berlin stattfindende Konferenz SenseCamp, ein Treffen, bei dem sich Sozialunternehmer untereinander und mit Experten austauschen können. Gülten Akkoc

Hanna Poddig Die Vollzeit-Aktivistin

Mit einer Blockade der Rhein-Main-Airbase fing alles an. Damals war Hanna Poddig noch Teenagerin und saß zum ersten Mal auf der Straße – es ging gegen den Irakkrieg. Heute ist sie 29 Jahre alt und schaut schon auf viele Aktionen zurück. Die Sitzblockaden, so erzählt sie, „gehören viel zu sehr zu meinem politischen Alltag, als dass ich sie zählen würde“. Sie engagiert sich hauptsächlich gegen Atomkraft, ist aber auch aktiv gegen Militarismus und Klimawandel. „Für mich ist die Umweltarbeit immer Bestandteil einer größeren Gesellschaftskritik“, sagt sie.

In den Medien wird sie oft als „Vollzeit-Aktivistin“ bezeichnet. Stimmt das? „Ich gehe jedenfalls keiner Lohnarbeit nach und mache die allermeiste Zeit Polit-Kram.“ Ein Zimmer hat sie nicht, stattdessen reist sie durch Deutschland, geht zu Treffen, Camps, Aktionen, übernachtet bei Freunden, Bekannten, Aktivisten. Zwischendurch wohnt sie ein paar Tage in der Projektwerkstatt, einem linken Seminarhaus bei Gießen; oder in einem Flensburger Wohnprojekt. Gelegentlich geht sie containern, holt noch essbare Lebensmittel aus Müllcontainern der Supermärkte.

Derzeit befasst sie sich viel mit den Atomtransporten zu den Anlagen in Gronau und Lingen – dort wird Uran so aufbereitet, dass es später in Reaktoren eingesetzt werden kann. „Die allermeisten Transporte laufen über den Hamburger Hafen“, erzählt Poddig. Im vergangenen Sommer haben sich Aktivisten an die Gleise gekettet. „Seitdem fahren die Züge unter massiver Polizeipräsenz.“ Sie selbst hat sich bisher drei Mal festgekettet: an das Atomkraftwerk in Biblis, vor der Urananreicherungsanlage in Gronau und an Gleise in Nordfriesland, um einen Bundeswehr-Transport zu blockieren. Was sie antreibt? „Ich will Sand ins Getriebestreuen“, sagt sie. Felix Werdermann

Fabian Lindenberg Eine App, um die Umwelt zu schützen

Die Idee für die App Ecotastic entstand in Kalifornien, erzählt Fabian Lindenberg. Er machte dort ein Auslandssemester. „Wir haben beobachtet, wie vier Kommilitonen, die zusammen in einer Wohngemeinschaft lebten, mit vier Autos zur Uni gefahren sind.“ Das brachte Lindenberg und den späteren Mitgründer Ralf Gehrer zum Grübeln. Sie überlegten sich, wie man Anreize schaffen könnte, Fahrgemeinschaften zu bilden. Die damaligen Informatikstudenten entwickelten eine App, die nicht nur Fahrgemeinschaften, sondern auch umweltgerechtes Verhalten insgesamt belohnen soll.

Das Prinzip erinnert ein bisschen an Essensbilder, die auf Facebook gepostet werden: Die Nutzer fotografieren ihre „umweltgerechten Aktionen“ und bekommen von anderen Nutzern dafür Feedback. Es gibt aber nicht wie bei Facebook Likes, sondern einzelne Aktionen werden mit Hilfe eines Reglers bewertet, der von rot (schlecht) bis grün (super) reicht. Kriterien und Beispiele für umweltgerechtes Verhalten finden die Nutzer in einem Nachhaltigkeitskompass, den Ecotastic online gestellt hat. Aufgrund der Bewertungen erstellt Ecotastic ein Ranking der beliebtesten Fotos. Deren Urheber erhalten von Ecotastic-Partnerunternehmen Konsumgutscheine im Wert von bis zu 100 Euro. 22 Unternehmen nutzen Ecotastic so momentan als Werbeplattform.

Seit 2012 arbeitet Anna Yukiko Bickenbach für Ecotastic. Sie ist unter anderem für die Bewertung der Kooperationspartner zuständig. Denn, so sagt Lindenberg: „Wir kooperieren nur mit verantwortungsbewussten Unternehmen, die wir anhand eines Kriterienkataloges beurteilen.“ 2013 stellten die drei Ecotastic-Leute ihre App auf der Cebit vor. Seitdem erhielt sie einige Auszeichnungen. Momentan hat Ecotastic knapp 4.000 Nutzer. Tobias Maier

Lisa Pfleger Selbstversorgung als großes Experiment

Sie ist kein Großstadtmensch. Früher in Wien, erinnert sich Lisa Pfleger, da konnte man dem Verkehrslärm nicht entrinnen. Da konnte man – ob Bio-Supermarkt oder nicht – oft nicht richtig überprüfen, woher das gekaufte Essen kam. Da musste man immer nur arbeiten, um sich überhaupt eine kleine Wohnung leisten zu können.

Vor fünf Jahren, damals ist Lisa Pfleger gerade 20 und Umweltaktivistin, kommt der radikale Schnitt. Sie pachtet gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten einen abgelegenen Hof im Südburgenland. Das Ziel: ein zufriedenes Leben, das möglichst wenig zu Lasten von Natur, Tieren und anderen Menschen geht. Dort baut Pfleger ihr eigenes Obst und Gemüse an. Ein Auto gibt es trotz Landleben nicht. Ihre Lebenshaltungskosten sinken rapide, etwa auf die Hälfte des früheren Wiener Niveaus. Geboren ist das „Experiment Selbstversorgung“, so heißt der Blog, auf dem die beiden Hofbewohner seit ihrem Umzug über ihr Leben berichten.

Auf die Bezeichnung „Experiment“ besteht Pfleger. Es geht ihr nicht darum, fertige Lösungen für „das richtige Leben“ zu präsentieren. Für sich und ihre Leser probiert sie ständig neue Wege aus, konventionelle Kosmetik, industrielle Lebensmittel und elektronische Geräte zu ersetzen. Sie will nicht mehr auf die sozialökologische Revolution warten, sondern hier und jetzt anders leben.

Pfleger sieht sich bei aller Abgeschiedenheit aber nicht als Aussteigerin. Ganz im Gegenteil, sagt sie. Erstens muss sie nach wie vor oft auf gekaufte Produkte zurückgreifen. Zweitens arbeitet sie steuerpflichtig. Sie betreibt einen Online-Shop für Hula-Hoop-Reifen und hat vergangenes Jahr ein Kochbuch veröffentlicht. Und drittens: Sie will gar nicht raus aus der Gesellschaft, sondern das menschliche Zusammenleben mitgestalten.

Anfang 2014 trennte sich Pfleger von ihrem langjährigen Mitstreiter, über ihre neuen Projekte berichten beide aber weiter auf dem gemeinsamen Experiment-Blog. Pfleger macht sich etwa gerade daran, mit ihrem neuen Partner ein Haus zu bauen – klein, mit natürlichen Materialien und, so oft es geht, mit der Kraft ihrer eigenen Hände. Susanne Schwarz

06:00 19.08.2015
Geschrieben von

Heike Leitschuh

Ich bin Publizistin, Moderatorin und Beraterin für Nachhaltige Entwicklung. Themen: Nachhaltiges Wirtschaften, Postwachstumsgesellschaft
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Heike Leitschuh

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