Sind die staatlichen Bemühungen ausreichend?

Integration Die vielen Asylbewerber in unserem Land zu integrieren ist eine Mammutaufgabe bei der sich niemand auf den Staat alleine verlassen sollte.
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Es kann nur gemeinsam mit privaten Organisationen gelingen. Seit Beginn der Flüchtlingstrecks über die Balkanroute haben sich an Bahnhöfen, unterwegs oder an den Zielorten spontan viele Bürger zusammen gefunden, um den erschöpften Menschen Hilfe zu gewähren. Nicht nur Getränke, Lebensmittel oder Spielzeug für die Kinder, sondern auch freundliche Worte und Gesichter taten gut. So etwas ist praktizierte Willkommenskultur, die unserem Land gut zu Gesicht steht.

Mit solchen Ersthilfemaßnahmen ist es aber bei weitem nicht getan. Asylbewerber müssen integriert werden, egal wie lange sie hier verweilen werden. Die Bundesregierung hat zwar gesetzliche Voraussetzungen für Integrationsbemühungen erlassen und viel Geld hierfür bereitgestellt. Die aktive Integration kommt aber nicht in Schwung. Das liegt nicht am Willen, sondern an der Schwerfälligkeit eines großen Staatsapparates. Hier können privat organisierte Integrationsbemühungen eine große Hilfe bedeuten. Solche Vereine, Stiftungen oder locker verbundene Privatpersonen gibt es in ganz Deutschland. Aber auch sie stehen vor großen finanziellen und organisatorischen Problemen.

In den letzten Wochen hat sich auch in Passau ein Verein gegründet, der sich die Integration nicht nur der in und um Passau lebenden Asylbewerber, sondern auch der Langzeitarbeitslosen auf die Fahnen geschrieben hat. Mit großem Enthusiasmus geht die Integrationshilfe Passau e.V. unter dem ersten Vorsitzenden Ludwig Schmidlehner (66) diese riesige Aufgabe an. Der Autor hat Schmidlehner interviewt und zu den Zielen, Sorgen und Problemen befragt.

Frage: Eine Organisation wie die Integrationshilfe Passau e.V. ins Leben zu rufen bedarf sicherlich größter Anstrengungen vieler Mitstreiter. Was hat Sie bewogen, in einem Alter in dem die meisten Menschen an die Rente/an den Ruhestand denken und kürzer treten wollen, diesen Schritt zu unternehmen?

Schmidlehner: In meiner früheren beruflichen Tätigkeit als Sekretär eines Geschäftsführers hatte ich viel mit Organisation zu tun und das war für mich mehr oder weniger eine Berufung. Mir bereitet der Umgang mit Menschen große Freude – besonders dann, wenn es darum geht Menschen zu helfen. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, gemeinsam mit Freunden einen gemeinnützigen Verein zu gründen. Für mich ist die Arbeit in diesem Verein eine Lebensaufgabe.

Frage: Was ist das Ziel des Vereins und wie sollen diese Ziele realisiert werden?

Schmidlehner: Das Ziel des Vereins ist Asylbewerbern in einer Integrationsmaßnahme Zukunftsperspektiven anzubieten. Deshalb sind bei dieser Maßnahme zunächst eine Orientierungsphase und anschließend eine Qualifizierungsphase geplant. Die Asylbewerber sollen dabei im Umgang mit Maschinen vertraut gemacht werden. Die Maßnahme soll auch den Nebeneffekt haben, dass den Asylbewerbern Langzeitarbeitslose (frühere Fachkräfte) als Trainer/Paten zur Seite gestellt werden. Die Integrationsmaßnahme soll mit Unterstützung eines Bildungsträgers durchgeführt werden und der Projektstart ist geplant für Anfang 2017. Wir wollen im up-cykling-Bereich auch zum Umweltschutz beitragen, wenn wir defekte Haushaltsgeräte (im weißen Bereich) entweder reparieren und zu einem günstigen Preis an Bedürftige weitergeben oder die Materialien einer Wiederverwertung zuführen.

Frage: Es ist sicherlich nicht einfach, geeignete Räumlichkeiten zu finden, die dann auch noch finanziell tragbar anzumieten sind. Ist der Verein diesbezüglich fündig geworden?

Schmidlehner: Natürlich ist es schwierig, geeignete Räumlichkeiten zu finden für das Projekt. Sie sind in diesem Zusammenhang schwer finanzierbar. Wir planen deshalb mit Unterstützung der Stadt Passau und von Bildungsträgern, dass wir teilbare Räumlichkeiten finden. Ein Teil für den Bildungsträger und der andere für den Verein.

Frage: Alleine mit Mitgliedsbeiträgen wird die anspruchsvolle Arbeit nicht zu bewältigen sein. Wie finanzieren Sie sich?

Schmidlehner: Es stimmt, dass das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen nicht finanzierbar ist. Wir haben deshalb für die Dauer von drei Jahren einen Kosten- und Finanzierungsplan (Wirtschaftsplan) ausgearbeitet um diesen für einen Etatantrag an die Stadt und an den Landkreis zur Prüfung von Fördermitteln weiterzuleiten. Des Weiteren werden in diesem Zusammenhang auch Fördermittel über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BAMF beantragt, sowohl durch die Stadt Passau als auch durch den Verein. Außerdem werden wir auch Fördermittel von Stiftungen beantragen. Eine Organisation hat bereits finanzielle Unterstützung signalisiert.

Frage: Ist die finanzielle und ideelle Unterstützung durch den Bund, dem Land Bayern, dem Landkreis und der Stadt Passau aus Ihrer Sicht ausreichend?

Schmidlehner: Die ideelle Unterstützung, gerade durch verschiedene Kooperationen mit Bildungsträgern, ist zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ausreichend. Wegen der finanziellen Unterstützung muss man sich danach richten, was an der Untergrenze vorhanden ist. Wir müssen dazu noch die Antworten der Geldgeber/Förderer abwarten.

Frage: Es ist der Eindruck vieler Bürger, die sich nach wie vor ehrenamtlich um Flüchtlinge und Asylbewerber kümmern, dass die geleistete ehrenamtliche Arbeit nicht ausreichend gewürdigt wird. Ist das auch die Auffassung der Integrationshilfe Passau e.V. und was müsste politisch geschehen, dieses zu ändern?

Schmidlehner: Bei der Würdigung der ehrenamtlichen Arbeit muss sich noch einiges ändern. Gerade die Integration von Asylbewerbern kann es nicht zum Nulltarif geben. Deshalb hat sich auch unser Verein im Zusammenhang mit einem Warnstreik unserer Freunde, der Integrationshilfe Landsberg/Lech, wegen mangelnder Unterstützung durch das Land Bayern solidarisch erklärt.

Frage: Wo wir gerade bei der Politik sind – ist nach Ihrer Meinung die Flüchtlingspolitik auf dem richtigen Weg? Die ständigen Streitigkeiten zwischen dem Land Bayern und der Bundeskanzlerin sind wohl nicht gerade hilfreich.

Schmidlehner: Die Bundeskanzlerin betont immer wieder „Wir schaffen das“. Dabei sollte man auch einmal die Frage stellen wie wir es schaffen sollen. Gerade Bürgerinitiativen und Ehrenamtliche leisten hier wertvolle Beiträge und die Politik legt durch ihre Querelen gerade in Bayern zu viele große Steine in den Weg.

Frage: Es gibt Stimmen im Land, die die geschlossenen Grenzen für richtig erachten und andere wiederum fordern sichere Fluchtwege, um weitere Tote im Mittelmeer zu vermeiden und auch den Schleppern das Handwerk zu legen. Kann Bayern, kann Deutschland weitere Flüchtlinge verkraften und integrieren?

Schmidlehner: Geschlossene Grenzen zu fordern ist total paradox. Wichtig wäre, endlich sichere Fluchtwege zu fordern. Was zurzeit im Mittelmeer passiert, ist eine humanitäre Katastrophe. Europa hat sich gerade in der Flüchtlingspolitik von einer Wertegemeinschaft weit entfernt. Gerade die Politik in Bayern verhindert, dass weitere Flüchtlinge aufgenommen und integriert werden und ähnlich ist es auch im Bund. Von elementarer Wichtigkeit ist auch die finanzielle Unterstützung der Länder, die Flüchtlinge in großer Zahl aufnehmen. Da möchte ich gerade Jordanien und den Libanon erwähnen. Den Flüchtlingen dort müssen bessere Lebensbedingungen geboten werden, um die Fortsetzung der gefährlichen Flucht nach Europa nicht notwendig zu machen.

Frage: Was muss geschehen, damit gerade in Bayern die Stimmung in der Bevölkerung nicht endgültig gegen die Flüchtlinge umschlägt?

Schmidlehner: Es muss endlich Schluss gemacht werden mit der politischen Stimmungsmache! Kein Mensch ist illegal und niemand muss Angst haben vor einer Überfremdung. Die Bürgerinitiativen sind dazu aufgerufen, dass auch andere Kulturen eine Bereicherung sein können für ein friedliches Zusammenleben. Aufklärungsarbeit ist dringend erforderlich. Die Integrationshilfe Passau e.V. wird durch die „Interkulturellen Wochen“ ihren Teil dazu beitragen.

Frage: Nun gibt es in ganz Deutschland ähnliche Vereine und Institutionen wie die Integrationshilfe Passau e.V. Jede dieser Organisationen hat unterschiedliche Probleme, Wünsche und Forderungen an die Politik und muss diese auch jeweils einzeln in Berlin oder in den Bundesländern vorbringen und möglichst auch durchsetzen. Wäre es aus Ihrer Sicht nicht dringend erforderlich, einen Bundesverband zu gründen, um dann geschlossen mit einer Stimme sprechen zu können?

Schmidlehner: Ich persönlich denke, dass man mit einer Vernetzung und einem Austausch unter den Vereinen und Institutionen viel erreichen kann. Gerade wenn es um einen Bundesverband geht braucht es noch intensive Vorbereitungsarbeit und das geht nicht von heute auf morgen.

Der Integrationshilfe Passau e.V. kann man nur viel Glück und Erfolg wünschen. Es wäre wünschenswert, wenn weiterhin in Bayern und allen anderen Bundesländern ähnliche Vereine oder Bürgerinitiativen gegründet werden. Die Integrationshilfe ist unter der E-Mail Adresse LSchmidlehner@t-online.de zu erreichen.

21:17 07.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Harald Müller

Harald Müller, Jahrgang 1949, Mitglied bei Reporter ohne Grenzen. Ich schreibe auf meiner Homepage Kommentare zu aktuellen politischen Ereignissen.
Harald Müller

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