holger1407

Ich komme aus Münster und lebe seit drei Jahren im Großraum Hamburg. derFreitag ist mir zufällig in die Hände geraten und da ich immer mal wieder eine Plattform suche, um mich mitzuteilen, ist das doch eine prima Gelegenheit!
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RE: Der böse Wulff | 06.01.2012 | 17:03

Lieber Charly W.,

vielen Dank für Ihren erhellenden Beitrag! Allerdings befürchte ich, dass ich mich in meiner ursprünglichen Meldung undeutlich ausgedrückt habe.

Mir liegt nichts an einem Schongang gegenüber Wulff. Soweit es weitere ungeklärte Dinge gibt, die nicht im Bereich der, so scheint es mir an mancher Stelle, eher haarspalterischen Nachfragen immer wieder aufgezäumt werden, um die Diskussion am Leben zu erhalten, soll und muss es dort auch weitergehen. Da ist die Eingabe von Wolfgang Thierse absolut korrekt.

Aber: (derzeit) gibt es keine erkennbare juristische Relevanz von Wulffs Verhalten, die rechtlich dazu geeignet ist, ihn in seinem Amt in Frage zu stellen. Da er die moralischen Vorhaltungen als nicht ausreichend für einen Rücktritt empfindet und, wie ich schon schrieb, glatter als seinerzeit Herr Kohl daher kommt, stelle ich mir die Frage, ab wann die Presse in ihrer Funktion Schaden nimmt, wenn sie sich nach meinem Empfinden so sehr auf ihn einschiesst, weil er eben nicht der Forderung des Blätterwaldes folgt und seinen Sessel räumt. Wo ist der Punkt erreicht, wo durch das dauernde Berichten über dieselben Fakten mit sich nur in Nuancen unterscheidendem Inhalt der Eindruck entsteht, dass Herr Wulff Herrn Diekmann und Co. die Förmchen geklaut hätte.

Die allgemeine Empörung bei KTZG war über einen längeren Zeitraum so hoch und nachvollziehbar, weil er das Offensichtliche nicht eingeräumt hat. Wulff räumt, zwar sehr behände, ein, wertet aber eben auch die bekannten Fakten als nicht für einen Rücktritt ausreichend. Das kann man nicht akzeptieren wollen, muss man aber vielleicht irgendwann, um in der eigenen Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren?

Beste Grüße

Holger Janutta

RE: Der böse Wulff | 06.01.2012 | 14:28

Lieber Herr Augstein,

ich teile Ihre Einschätzung zu Herrn Wulff und auch zur Erfüllung der Aufgabe der Medien, inklusive der, irgendwie, neuen Rolle der BILD-Zeitung.

Aber was nun? Instrumente, Herrn Wulff aus dem Amt zu entfernen, sind nicht ersichtlich, so lange sich keine relevanten Rechtsverstöße im Zusammenhang mit seiner Amtsausführung (auch als Ministerpräsident) heraus stellen.

Den Medien ist Wulff zuwider, die Meinungsumfragen in der Bevölkerung sind sicherlich nicht so differenziert, dass sich tatsächlich ein verwertbares Meinungsbild ablesen ließe.

Soll es jetzt so sein, dass über die kommenden Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre ununterbrochen weiter über Wulff und seine nicht vorhandene Eignung berichtet wird?

Sehen Sie persönlich nicht in naher Zukunft den Punkt erreicht, an dem man auch als Presse sagen muss: "Chapeau, Herr Wulff, glatter als der Kohl, uns reicht´s", um wieder zu einem gesünderen Maß der Beachtung für Herrn Wulff in der öffentlichen Wahrnehmung zu kommen? Herr Diekmann streitet ab, Politik machen zu wollen und den Fall Wulffs zum Ziel zu haben. Die Entrüstung der Presse kann ich nachvollziehen, aber wäre es jetzt, wo es keine neuen wirklich berichtenswerten Erkenntnisse um seine Verfehlungen mehr gibt, nicht besser, ihm die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient? Nämlich keine?

Beste Grüße

Holger Janutta

RE: Wie ein wildes Tier | 01.06.2011 | 12:35

Genau!

Selbst wenn ein Beschuldigter wegen Vermögensdelikten angeklagt ist, ist es für das Gericht unter Umständen wichtig, sich ein Bild über den Leumund des Beschuldigten zu machen.

In einem Vergewaltigungsprozess, in dem Aussage gegen Aussage steht und wo nicht einmal Gutachter sagen können, ob das (potentielle) Opfer durch den Beschuldigten verletzt wurde oder sich die Verletzungen selbst beigebracht hat, ist es für die Wertung der Aussagen von entscheidender Bedeutung, welches Verhalten der Beschuldigte in anderen Beziehungen an den Tag legt. Selbst wenn eine Ex-Partnerin ihn aus moralischer Sicht wie das letzte Schwein erscheinen lässt - soweit sich aus so einer Aussage keine gewalttätige Neigung erkennen lässt, ist so eine Aussage für den Beschuldigten unter Umständen eher positiv als negativ.

Je mehr ich mich jetzt im Nachhinein mit dem "Fall Kachelmann" beschäftige, desto unsäglicher erscheint mir die Rolle der Medien. Dass ein Staatsanwalt auf dem Rücken eines Prominenten Karriere machen will ist genau so verwerflich, wie die anfängliche ungenierte Lagerbildung der verschiedenen Medien! Und da hätte ich mir von Herrn Augstein mehr Objektivität gewünscht oder zumindest mehr Erklärung für seine Beweggründe der Parteinahme erwartet.

RE: Wie ein wildes Tier | 31.05.2011 | 18:17

Lieber Herr Augstein,

Ihrer Kritik am Justiz-Apparat in Mannheim kann ich nur teilweise zustimmen. Dass die Medien keine Schuld träfe, ist mir nicht differenziert genug.

Das Auftreten und die Motive des Staatsanwaltes sind mir von Beginn der Prozessberichterstattung als zumindest "besonders" in Erinnerung geblieben. Der vorsitzende Richter hat auch nicht über den gesamten Verlauf des Verfahrens die zu wünschende Souveränität ausgestrahlt. Aber kaum ein Richter wird im Laufe seiner Karriere Routine in Fällen wie diesem erlangen können.

Es haben sich von Beginn an in der Berichterstattung Lager gebildet. Die überraschende Koalition von Alice Schwarzer und BILD auf der einen Seite, die um Objektivität bemühten Medien auf der anderen. Allerdings schien es auch da häufig so, dass, aufgrund der Positionierung des ersten Lagers Contra-Kachelmann, immer ein wenig Abweichen von der Unparteilichkeit Pro-Kachelmann entschuldigend in Kauf genommen wurde. Die von mir sehr geschätzte Giesela Friedrichsen hat, soweit ich erinnere, auch durchaus hier und da erkennen lassen, dass sie schon allein aufgrund der Prägung der Stimmung durch die Boulevard-Journaille eine sehr viel weniger objektive Position einnimmt, als gewöhnlich.

Dem tatsächlich unsäglichen Staatsanwalt hat Kachelmann seinen unsäglichen Schwenn entgegen setzen können. Auch von Seiten der Verteidigung ist in diesem Verfahren ein Beigeschmack aufgebaut worden, der dem Ansehen der Justiz in unserem Lande nicht gut getan hat. Ihren Auftrag haben beide erfüllt, dabei an vielen Stellen augenscheinlich jeden Anstand vermissen lassen.

Ob es nun allerdings unerheblich für das Verfahren ist, wie sich der Leumund von Herrn Kachelmann darstellt, an dem in der Öffentlichkeit sicherlich das größte Interesse bestand, möchte ich bezweifeln.

Bei Strafverfahren wegen Sexualdelikten muss sich das Gericht für die Wertung der Aussagen von Opfer und Beschuldigtem doch ein möglichst genaues Bild machen können. Dazu ist es teilweise unerlässlich, Leumundszeugen zu vernehmen. Da es den Grundsatz des öffentlichen Verfahrens gibt, kommen in solchen Zeugenvernehmungen für Opfer und Beschuldigten unter Umständen unangenehme Dinge zu Tage. Hier kommen dann eben doch die Medien ins Spiel, die dies aus dem Gerichtssaal nach Außen tragen, um das öffentliche Interesse und den Voyeurismus zu befriedigen. In welcher Art und Weise dies geschieht, ist dann eben auch in der Verantwortung der Medien.

Mag eine auch pikante Aussage im Gerichtssaal noch sehr von Sachlichkeit geprägt sein, findet dies doch häufig erst in um die Sachlichkeit entgräteter Form den Weg in die Medien.

Für den Fall des Herrn Kachelmann waren für ihn sicherlich unangenehme Aussagen von ehemaligen Geliebten nicht schmeichelhaft, aber unter Umständen dennoch nützlich und für seinen Freispruch von entscheidender Bedeutung. Es zeichnet sich dem Gericht das Bild eines Mannes, der sich im Umgang mit seinen Partnerinnen nicht so verhält, wie es der Norm entspricht. Dass er aber über sein moralisch sicher zweifelhaftes Verhalten hinaus in der Vergangenheit schon strafrechtlich relevant in Erscheinung getreten sei, konnten diese Aussagen eben nicht belegen. Anders herum gab dies Einsicht in die Motive des potentiellen Opfers, die bei der Gewichtung ihrer Aussage eine wesentliche Rolle gespielt haben dürften.

Ein Sexual-Strafverfahren ist immer entwürdigend! Für das potentielle Opfer ist es das immer und im Falle der Unschuld für den Beschuldigten ebenso. Der Freispruch konnte die Würde Herrn Kachelmanns nicht wieder herstellen, da haben sie völlig recht. Aber diese wurde ihm nicht allein durch das Verfahren und das Verhalten der Justiz genommen, sein Lebenswandel tat, wenn auch strafrechtlich nicht relevant, einiges dazu!

Ich bediene mich zum Schluss noch einer sehr wenig differenzierten Kausalkette:

- Wäre Herr Kachelmann nicht prominent, hätte es kein so großes Interesse an dem Verfahren und seinem Lebenswandel gegeben.
- Wäre Herr Kachelmann nicht prominent, hätte er vielleicht nicht so viel "Erfolg" bei Frauen gehabt.
- Hätte Herr Kachelmann sich immer anständig verhalten usw. usf.
- "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!" - Jesus Sirach 3, 27

Beste Grüße

Holger Janutta

RE: Der Preis der Kooperation | 04.03.2011 | 10:49

Worin liegt der Unterschied zwischen Vattenfall/BP und Bild?

Oberflächlich betrachtet und allgemein ist Unterschied kaum vorhanden: alle drei Unternehmen stehen für etwas, was das Gros der taz-Leser ablehnt.

Bezüglich Vattenfall/BP und anderen z.B. Energiekonzernen hat es eine Diskussion mit der Leserschaft gegeben, ob man zur Erhaltung der taz auch Werbeanzeigen von ideologisch fernen Unternehmen annehmen soll. Auch hier hat es viele kritische Stimmen gegeben.

Hier sehe ich dann aber auch eine vor allen Dingen metaphysische Diskussion, denn es gibt keine Öko-Ölkonzerne und es gibt auch nur rechnerisch atomfreien Strom.

Die Argumentation von Heiser/taz ist ja, dass man sich entschieden habe, das dringend benötigte Geld auch von "Feinden" anzunehmen, da man damit den guten Zweck erfülle, dass die taz als Stimme erhalten bliebe.

Ich habe mit dieser Argumentation schon so grundsätzlich meine Probleme, denn ich glaube kaum, dass die Fa. Wiesenhof, wenn mal wieder ein Skandal zur Haltung der Tiere in ihren Zuchtbatterien diskutiert wird, eine ganzseitige Anzeige schalten kann, auf der ein Gold-Broiler zu sehen ist, der in einer Sprechblase sagt: "Haltung scheißegal, hauptsache knusprig!"

An 364 Tagen im Jahr hätte für die Bild-Zeitung vielleicht auch dasselbe gegolten, wie für alle anderen bei der taz in der Kritik stehenden Unternehmen auch. Am Montag aber, hat die Bild diese Anzeige nur zu dem Zweck geschaltet, von Judith Holofernes durch die Hintertür doch noch ihr Maß an Aufmerksamkeit zu bekommen, das von vorn herein gesucht wurde. Ob sich Judith in der Sache überhaupt einen Gefallen getan hat, ihren Brief an Jung von Matt online zu stellen, wird schon an anderer Stelle diskutiert.

Mit dem Akzeptieren der Anzeige seitens der taz hat sie sich von der Bild instrumentalisieren lassen und damit Judiths ehrbare Haltung unterwandert und Bild die Möglichkeit gegeben, die taz ein weiteres Mal zu erniedrigen.

Von daher gibt es, wenigstens für diesen speziellen Fall, einen Unterschied zwischen Vattenfall/BP und Bild!

RE: Der Preis der Kooperation | 03.03.2011 | 17:37

Leider hat die taz sich derart instrumentalisieren lassen, dass die Aktion von Judith Holofernes ins Leere läuft. Die BILD hat bekommen, was sie wollte!

Die Begründung von Herrn Heiser kann ich in ihrer Konsequenz nicht nachvollziehen. Letztlich betreibt Kai Diekmann seit seiner persönlichen Niederlage gegen die taz einen netten Rachefeldzug, aus dem er immer wieder als Sieger hervor geht!

Ein Freund prägte in diesem Zusammenhang ein eingängiges Bild:

Es wird immer Huren geben und es wird immer Freier geben. Die BILD aber ist ein Freier, dem die Befriedigung erst aus einer besonderen Erniedrigung der Frau, die auch aus dem Bezahlvorgang selber gezogen wird, erwächst.

Es kann immer Gründe geben, sich zu verkaufen, hinsichtlich Anzeigen von Vattenfall und BP kann ich die Argumentation von Herrn Heiser vielleicht sogar in gewisser Weise nachvollziehen. Bei BILD aber nicht!