Wider die Militarisierung des Zivilen.

Friedensbewegung Die Beiträge der Antikriegskonferenz Berlin 2014 liegen jetzt als Buch vor. Ich habe es gelesen und mir dazu viele, auch kritische - Gedanken gemacht.
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Wider die Militarisierung des Zivilen.
Ist Krieg vermeidbar?

Gedanken zu dem Buch „Kriege im 21. Jahrhundert: Herausforderungen der Friedensbewegung“, herausgegeben von Rudolph Bauer.
Sonnenberg-Verlag 2015. ISBN 978-3-933264-77-0.

Nach den Umwälzungen der Achtzigerjahre in Osteuropa und dem Verschwinden der globalen Ost-West-Konfrontation gewann bei vielen Menschen in der Welt die Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft die Oberhand. Selbst bei denen, die verstanden, dass es sich wesentlich um die Folgen des Sieges des westlichen Kapitalismus über den „Realsozialismus“ handelte.

Die Kriege hörten jedoch nicht auf – ungezählte „kleinere“, immer mehr größere. Selbst da, wo sie wie der Krieg gegen Jugoslawien (der erste mit vereinigter deutscher Beteiligung und unter einer sozialdemokratisch-grünen Regierung) schließlich auch in Europa stattfanden, schienen sie noch „weit genug weg“. Selbst die Ukraine kann noch als etwas entfernt erscheinen. Erst seit die Flüchtlingsströme sich nicht mehr als Problem der Mittelmeerländer wegdefinieren lassen, sondern für Deutschland und die zentralen europäischen Länder, ja für die EU und für deren Bestand zum Problem geworden sind, droht der Begriff Krieg endlich die öffentliche Meinung bei uns zu erreichen.

Obgleich es über die Massenmedien immer wieder gelingt, das Flüchtlingsproblem als eine Frage der „Willkommenskultur“, ja der „Moral“ zu diskutieren. Die zentrale Frage der Verantwortung auch der deutschen Politik sowohl für die aktuellen Kriege als auch die Unterentwicklung ganzer Regionen lässt sich auf diese Weise erfolgreich ausblenden. Samt dem sogenannten „Verständnis für die Ängste der Menschen“, unseren Reichtum mit Habenichtsen teilen zu müssen. Unser Reichtum? Ernüchternd könnte schon die Frage wirken, wie viele Arbeitsplätze in Deutschland allein am erfolgreichen Rüstungsexport hängen? Verdienen „wir“ an der Herstellung der Waffen, die Hunderttausende töten und Millionen in die Flucht treiben? Hat die Verantwortung vielleicht auch mit uns zu tun? Aber es ist ja wohl hauptsächlich „das Kapital“, das profitiert?

An der Aktualität des von Rudolph Bauer herausgegebenen Buches über „Kriege im einundzwanzigsten Jahrhundert“, gibt es keinen Zweifel. Es ist wesentlich das Resultat der Antikriegskonferenz in Berlin 2014 und informiert in insgesamt fünfzehn Beiträgen durchgehend hervorragend fundiert über moderne Kriegführung, auch ihrer Verkettung mit der Innenpolitik, über die Wege und Methoden der Propagierung von Krieg und Kriegsbereitschaft in einer Gesellschaft, in der das Zivile sich fast unmerklich in das Militärische hinein erweitert, und es enthält Gedanken über die Perspektiven von Widerstand und deren bisherige Begrenztheit. Diese mit so vielen Einzelbeispielen untermauerte Gesamtanalyse der heutigen Wirklichkeit ist wichtig, um die Schwere der Problematik richtig einschätzen zu können.

Einige Beiträge erscheinen mir besonders wichtig. Da ist der Bericht über eine Untersuchung von Unterrichtsmaterialien, hauptsächlich Schulbüchern, von Franz Hamburger, der aufdeckt, dass es auf subtile Weise um die „Einübung eines hegemonialen Habitus“ geht, dass es keinen Zweifel geben darf, in der besten aller möglichen Welten zu leben, dass sich ihre Verteidigung lohnt, letztlich auch militärisch.

Der Bericht von Peter Herrmann („Soziale Kriegs-Mobilmachung“) geht unter anderem auf die innergesellschaftliche strukturelle Gewalt ein, die in Form von Jugendarbeitslosigkeit, Sozialabbau und folgender Perspektivlosigkeit dazu beiträgt, Wut, Hass und damit jede Form von Gewaltbereitschaft zu erhöhen, nicht zuletzt gegen alles Fremde.

Ein Beitrag von Michael Schulze von Glaßer („Spaß-Faktor Krieg“) befasst sich mit der Bedeutung der Kriegs-Videospiele. Wie realitätsnah diese „Spiele“ heute sind, wird unter anderem an der Vernetzung der Produzenten von Spielen und denen von Kampfsimulatoren für die Armee aufgezeigt. Es geht bei Kriegs-Videospielen heute um eine andere Wirklichkeit als die der Zinnsoldaten vor 150 Jahren.

In den Beiträgen von Helmuth Riewe („Medien als Kriegspartei“) und Matthias Jochheim („Imperiale Strategien und Medienecho“) geht es auf verschiedene Weise um die Rolle der Massenmedien bei der Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung der Kriege in Afghanistan und in der Ukraine. Da wird eine Realität erschreckend deutlich, die im Zeitalter der Meinungsfreiheit so recht niemand glauben mag. Nicht nur für den durchschnittlichen Fernsehkonsumenten, sondern auch für viele Menschen, die die Nachrichten durchaus kritisch zu hinterfragen versuchen, bleibt die Rolle der Medien oft schwer durchschaubar.

Teile der Wahrheit über tendenziöse Berichte und schlichte Fälschungen kommen hin und wieder, fast immer erst nach Abschluss der betreffenden „Mission“, ans Tageslicht. Dazu kann man sich die Berichterstattung zur Vorbereitung der Kriege gegen den Irak (den ersten und den zweiten!), gegen Afghanistan, gegen Serbien, gegen Libyen usw. in Erinnerung rufen, um zu verstehen, dass die Medien strukturell Kriegspartei sind, dass sie im allgemeinen willig die ihnen von den Kriegführenden angebotenen „Fakten“ und Interpretationen weiter verbreiten. Über diese strukturellen oder gewissermaßen „atmosphärischen“ Ursachen hinaus werden dann konkret auch enge Verbindungen von Journalisten mit unmittelbar in die jeweiligen Konflikte verwickelten und an ihnen interessierten Personen und Mächten aufgedeckt. Das wiegt schwer. Trotzdem drängt sich die Frage auf, wieso es trotz der Erfahrungen mit früheren Missionen jedes Mal erneut gelingen konnte (kann!), die „öffentliche Meinung“ in der beabsichtigten Weise zu manipulieren? Wie kommt es, dass die moderne Gesellschaft so leicht in dieser Richtung zu manipulieren ist?

Liegt es wirklich daran, dass wir zu wenig informiert sind, um den Ernst der Lage zu erkennen? Bedarf es also vor allem noch viel mehr Aufklärung? – das auch, ja! Aber das eigentliche Problem liegt woanders: Das wird deutlich, wenn man den Beitrag von Günter Rexilius („Gegen den Terror der Profitmacht“) liest – und ihn zu Ende denkt, das heißt, nicht nur als möglicherweise „sehr interessant“ abhakt.

Die kompakte und engagiert und mitreißend geschriebene, historisch und psychologisch sorgfältig untermauerte Analyse der kollektiven Traumatisierung der modernen Gesellschaft durch Gewalt und terroristische Gegengewalt mit ihren verheerenden Auswirkungen, die wir nicht nur an dem endlosen Leid der Flüchtlinge ablesen können, ist in ihrer Konsequenz gar nicht zu überschätzen. Das Ergebnis deutet noch über das hinaus, was der Autor selbst – etwas zaghaft? – explizit als „Perspektiven einer neuen Friedensbewegung“ herausarbeitet. Denn wie kann Widerstand in „unserer“, auch posttraumatisch geprägten Gesellschaft aussehen, in der doch alle, auch noch die überzeugtesten Pazifisten trotz allem Teil ebendieser Gesellschaft sind. Eine Friedensbewegung, wie jede andere soziale Bewegung kann sich nicht außerhalb oder über diese stellen, sie muss vielmehr sich selbst, ihr eigenes Involviertsein (an)erkennen und dessen Überwindung zu einem integralen Bestandteil ihrer revolutionären Arbeit machen. Denn eine noch so große Sehnsucht nach Frieden reicht als Basis für eine wirkungsvolle Friedenspolitik eben nicht aus. Das Problem bleibt, wie Sehnsucht in wirkungsvolles kollektives Handeln verwandelt werden kann.

Durch fast alle Beiträge zieht sich, teils explizit (wie schon im Vorwort, S. 12 und 20) meist implizit, die Erkenntnis, dass moderne Kriege mit Kapitalismus, „mit dem unstillbaren Verwertungsinteresse des Kapitals“ zu tun haben, dass es also auch um eine „wirksame(n) antikapitalistische(n) Résistance“ geht. Man kann sagen: nie war diese Erkenntnis wichtiger. Aber: was kann „antikapitalistisch“ hier eigentlich heißen? Auch hier müssten wir uns erst einmal eingestehen, dass „wir“, dass „die Guten“, dass „alle friedliebenden Menschen“, dass „die Friedensbewegung“ eben nicht außerhalb stehen und auf „das Kapital“ als das Böse zeigen können.

Rudolph Bauer unternimmt im abschließenden Beitrag des Buches den Versuch, den notwendigen Antikapitalismus mit Hilfe der Marx‘schen Argumentation vor allem aus dem ersten Band des „Kapital“, durch einen um die Umweltproblematik “erweiterten marxistischen Ansatz“ zu begründen. Das unbestreitbare „Interesse“, das Kriege nötig macht – Interesse am Geschäft mit der Rüstung einerseits, an der Ausschaltung konkurrierender Mächte andererseits –, ist für die Eigentümer des Kapitals und die von ihnen mit entsprechenden Privilegien verschiedenster Art an den Profit gebundenen höheren Angestellten leicht nachzuvollziehen.

Was schwieriger zu erklären ist, das ist wie gesagt, warum die große Masse der Beherrschten mitmacht – immer wieder, obgleich sie immer wieder die Hauptverlierer und tatsächlich buchstäblich die das Leid Tragenden sind. Arbeitsplätze in der Rüstungsexportindustrie (siehe oben) und der Spaß am Krieg Spielen werden ja in verschiedenen Beiträgen thematisiert. Natürlich kann man weitere Beiträge, nicht zuletzt diejenigen über die Medien als Kriegspartei (siehe oben), als Erklärung heranziehen. Eine soziale Bewegung – und wenn sie die Verquickung mit dem Kapital erkannt hat, ist sie eine revolutionäre Bewegung – darf aber nie bei der Konstatierung der Stärke des Systems stehen bleiben. Das kann in der Konsequenz nur zu einer Opferhaltung führen. Eine antikapitalistische Bewegung kann sich aber auch nicht mit einem Aufruf an „alle …, die sich für den Frieden, für den Schutz der Natur und die Erhaltung des Planeten, für die Belange der Lohnabhängigen weltweit sowie gegen Totalitarismus und Terror engagieren“ (365) begnügen. Sie muss sich vielmehr mit denjenigen Gründen für die Beherrschbarkeit auseinandersetzen, die nach all den traumatischen Erfahrungen nicht zuletzt des Zwanzigsten Jahrhunderts in den gesellschaftlichen Individuen selbst liegen.

Die im Vorwort formulierte Ankündigung, es gehe „ … um die Ausgangsbedingungen und Perspektiven einer internationalistischen und antikapitalistischen Widerstands-bewegung“ (20, Hervorhebung vom Rezensenten), kann das Buch also nicht einlösen. Ich halte das Buch dennoch für eine sehr empfehlenswerte Lektüre für Alle, die sich einen Einblick in die Problematik von neuen Kriegen und Rüstung verschaffen, einen Blick hinter die Kulissen der unabhängigen Medien werfen und sich – entgegen der allgemeinen Verdummung auf hohem Niveau – fundiert eine eigene Meinung bilden wollen. Auch dadurch, dass die Beiträge nicht alle drängenden Fragen beantworten, geben sie wichtige Anstöße zum Nachdenken.

Holger Heide, Munkfors

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Schweden
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10:43 06.10.2015
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Geschrieben von

Ängheden

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