Die Umständlichkeit, über Geschichtsschreibung zu schreiben

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In der Nachtschwärze des Sommerlochs scheint alles möglich. Jede Form von Debatte bietet sich an, die darauf aus ist, keine Teilnehmer zu finden. Schweigen im Walde dank Rauschen am Strande. So versandet im wahrsten Sinne des Wortes ein feulletonistisches Feuerwerk, das sich diese Jahr tatsächlich hätte entzünden können: Die Frage nämlich, wie Geschichte "heutzutage" (noch) geschrieben werden könnte. In der FAZ vom 29. Juli 2009 findet sich ein in vielen Punkten nicht unwesentlicher Beitrag des Berliner Osteuropahistorikers Jörg Baberowski. Die Frage lautet: Wrlches Verhältnis von Theorie und Fabulierlaune soll ein Historiker eingehen?

Baberowski hat ein Problem: Er stößt ständig auf Theorieverweise, die Foucault, Geertz oder Weber betreffen, findet aber keine nennswerte Realisierung in dre Geschichtsdarstellung selbst. Bedneklich dabei ist jedoch, dass sich Baberowski anscheinend keine Mühe gab, beispielsweise eine ordentlich durchgeführte Diskursgeschichte überhaupt aufzuspüren. Sich im eigenen Fachgebiet an einem internen Standardwerk (Stephen Kotkins Abhandlung über den Stalinismus) aufzureiben, wirkt wenig repräsentativ. Wenn schon der Vorwurf an die Diskurshistoriker ergeht, dass sie ihre Theorie nicht in Praxis verwandeln dürfen, sondern lediglich Fußnoten und Fließtext vertauschen, dann braucht es eine gewichtige Argumentation (die Beispielsweise die hochspannenden und gut lesbaren (!) Werke Philipp Sarasins und Achim Landwehrs mit Ignoranz straft).

Baberowski meint, dass sich in der historischen Welt kaum Diskurse, Idealtypen und dichte Bescheibungen auftun werden. Die Geschichte, so ein Subtext, belibt implizit immer die selbe. Die Frage, woran das liegt, ohne Verweis auf die historische Epistemologie beispielsweise Thomas Kuhns oder Hans-Jörg Rheinbergers mit einem Schulterzucken lässig zu übergehen, gibt Egalität an einer Stelle vor, die essenziell für jede Geisteswissenschaft ist: Wie bringen wir unser Wissen überhaupt zustande? Baberowskis augenzwinkernder Fatalismus irritiert also insofern, als dass eine der mächtigsten Waffen der Geisteswissenschaften (nämlich die Gewissheit, dass es keine Gewissheit im Wissen gibt, da alles Wissen ein Konstrukt ist) ohne Not niederlegt oder gar vergisst.

Was taugt sein text für eine Fachdebatte? Es ergeht zumindest der Hinweis, dass ein Historiker auch immer Geschichten schreibt. Und dass diese Geschichten von anderen gelesen werden. dass diese wiederum etwas vom zu lesenden erwarten. Und dass der Historiker, wenn er öffentlich mitreden will, sich immer Bewusst sein muss, dass er diesen Erwartungen Rechnung tragen soll. Nun einmal abgesehen von der Frage, ob Baberowski selbst derartige Beiträge liefert, und auch abgesehen davon, ob das Argument, das Hayden White bereits vor 30 Jahren in den "Tropics of Discourse" mit Recht vorgetragen hat, für die Fachwelt überhaupt so neu oder relevant ist, so muss man sich doch zumindest fragen, was dieser Hinweis nun überhaupt jetzt und an dieser Stelle soll?

2009 ist ein Jahr, in dem man theoretisch viel über Geschichte reden kann. Zufälligerweise gibt es, zumindest innerdeutsch, viele "wichtige" Gedenktage, die uns wahrscheinlich zu dem gemacht haben, was wir glauben, dass wir es sind. Es wird, historisch gesehen, also an allen Ecken und Enden erzählt, repräsentiert, erklärt und resümiert. Im Grunde die Stunde der Historiker (abgesehen von Staatsvertretern, wenn sie nicht sogar in Personalunion auftreten). Sie sind erstaunlich stumm. Natürlich nicht ganz, denn hier und da tut sich ein Forum auf, birgt die Öffentlichkeit Nischen und werden selbst Fragen formuliert, deren Beantwortung quasi die Berufsbeschreibung des Historikers umfasst. Im Grunde also, müsste 2009 ein Jahr sein, in dem vor allen anderen Wissenschaften die Geschichtswissneschaft mehr Raum und Öffentlichkeit erhalten sollte.

Was für eine glänzende Gelegenheit, auch über sich selbst nachzudenken! Die Frage, die sich White und Baberowski stellen lautet also: Was taugt heute überhaupt noch eine Geschichtsschreibung? Und wenn sie was taugt, wie soll man sie überhaupt schreiben? Und diese Frage müsste immer wieder ins Mark dieser Zunft treffen, die sich anscheinend nur noch zufällig und zu Jahrestagen ans Tageslicht wagt.

Aber wird Baberowskis Reminiszenz an White, Foucault (der ja auch ein jubiläum, seinen 25. Todestag, in diesem Jahr begeht) und andere Problemkinder der Historiker überhaupt Beachtung finden? Es wäre fast zu wünschen. Eine Wissenschaft, die sich offensichtlich ihres Potenzials und ihrer Form nicht ganz im klaren ist, sollte auch den öffentlichen Disput nicht scheuen. Das ist teilweise dieses Jahr um Nicholson Bakers "Menschenrauch" geschehen, wobei es jedoch vielmehr um die Ausgrenzung, bzw. Einschließung (oder, mit Agamben gesprochen: Einschließende Ausschließung) eines Fachfremden als um die Form des Erzählens ging. Es wäre ein ausufernderer Disput zu wünschen.

Zum Abschluss noch ein Blick auf Baberowskis Konklusion: Wir Historiker müssen die Tatsachen benennen, ihnen Sinn verleihen und den Zufall aus den Ereignissen ausmerzen. So entstehen Erzählmodi, die sich an Konventionen und Erwartungen anknüpfen. Das mag sicherlich der Fall sein. Wird es dadurch wünschenswert? Woher weiß die Geschichtswissenschaftler überhaupt, was ihre Leser erwarten? Wollen sie Information, Unterhaltung, Kontroverse, Querdenkerei, ja Anregendes, Kritisches, oder alles auf Einmal? War nicht der Vorteil an Foucaults Büchern, dass sie so unsystematisch, unkonventionell, ja chaotisch und immer wieder überraschend waren? Sind Leser so langweilig, dass sie immer wieder nur Konventionen reproduziert haben wollen? (Wodurch sicherlich zu erklären wäre, warum so iele Geschichtsbücher das gleiche erzählen). Und ist es Aufgabe einer Wissenschaft, überall Ordnung zu stiften, wo eigentlich das Leben pulsiert und das Reale förmlich explodiert?

Ein Argument Hayden Whites war, dass man als Historiker zeitgemäß schreiben sollte. Warum nicht also ein Geschichtsbuch als Graphic Novel, postmoderner Roman oder tarantinoesker Episodenfilm? Erzählen heißt nicht immer ordnen. Das sieht auch Baberowski ein wenn er sagt, dass die Bedeutung der Ordnung wieder vom Leser selbst hergestellt wird. Aber dass die Aufgabe des Historikers darin besteht, alles vorzuselegieren, ist sicherliche weder im Dienste der Information, noch der Unterhaltung. Es ist schlicht das, was der Geschichtswissenschaft seit Schultagen angedichtet wird: Es ist langweilig.

17:14 31.07.2009
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Geschrieben von

holstebro

Sagen Sie, sind Sie nicht der.. nein? Sie sehen ganz anders aus, also im Fernsehen...
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