Körpersterben, Schattenmenschen, ScienceFiction

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Der Tank ist gefüllt mit lebenserhaltenden Substanzen, der Körper fällt auseinander, er muss überwunden werden. Leichname sind keine Todesurteile. Das Netz, der Netzkern, die Innerlichkeit der Virtualität, der Traum der Entkörperten Anti-, Post- oder Nichtmenschen. Felix Jongleur, die tragische Figur aus Tad Willimas "Otherland" ist eine Figur an der Grenze: Zwischen Leben und Existieren, Bewusstsein und Unbewusstsein. Ein Chiffre, das die neue Wissenswelt, die vielleicht auch wieder nicht so neu ist, sich in ihren dunklen Nächten auf die wehenden Segel näht.

Jongleur möchte ewig leben. Er muss sein Bewusstsein retten und dem Körper entfliehen. Er entkoppelt sich von der Maschine, die seine Hülle lebendig hält, und dringt ein in die substanzlose Virtualität der Kabel und Netzwerke. Er wird volles Bewusstsein. Dafür muss die eigene Welt unterwandert werden, deren Kern der sich ständig auffüllende Signifikant des Realen ist, und die Existenz der Entkörperung muss einem System anvertraut werden, dessen Kern natürlich "der Andere" ist.

Kann man eine bessere Geschichte schreiben, als Tad Williams es mit Otherland getan hat? Möglicherweise. Erstaunlich scheint jedoch ihr grad an Postmodernität zu sein, der wie kein zweiter auf die modernen Zeiten, unsere Zeiten, zugeschnitten scheint. Um so erstaunlicher, dass es noch keine (mir bekannte) Auseinandersetzung mit dem Williams'schen Opus Magnum gab. Meine These soll sein, dass wir dadurch vielleicht mehr, ja sogar sehr viel mehr über uns selbst erfahren würden.

Was Williams beschreibt, ist das Körpersterben. Die Hüllen sind nicht mehr wert, sie müssen überwunden werden. ja, sie sind sogar hinderlich. Die Phänomenologie des Geistes findet außerhalb des Fleisches statt. Und eine Existenz ist nur im Geist noch nötig: Hier bauen sich die Welten. Ersetzen wir Geist durch Virtualität, dann haben wir im Körper eine Schnittstelle, ein Interface, zwischen dem Realen und dem Virtuellen. Eine gute, alte idealistische Sichtweise, die die Welt nach dem Geiste formt, diese aber durch den Körper erlebt.

Die Komatöse Verquickung von Mensch und Maschine, die Williams mit dem Tandagore-Koma beschreibt, dem die Kinder erliegen, die mit dem "Anderen" in Verbindung geraten, findet ihre Entsprechung spätestens im Medizinischen, bei der Verknüpfung lebenswichtiger Apparate zur Verlängerung des Lebens. Herzschrittmacher, Dialysen, Beatmungsgeräte, etc. Der Cyborg ist der Mensch aus dem Ersatzteillager, ohne das er nicht mehr leben kann. Die Maschine verlängert das Leben nicht, sie ist der Komazustand der Körperlichkeit: Es fühlt nichts, atmet nichts, schlägt nichts. Die Maschine, das ist der nahende Tod.

Felix Jongleur, ohne lbenserhaltende Maschine dem Tod übermittelt, wählt den radikalen Weg: Den des Schattenmenschen. Er will sein Bewusstsein transferieren, in die Maschine schleusen. Wisen und Bewusstsein wird damit vom Körper gelöst, reiner Geist, reine Virtualität. Das Netz (eine Erweiterung des Internet-Gedankens), bietet in einem eigens errichteten System genug Raum für alle geistigen Phänomenologien: Jongleur erschafft sich eine Welt, in der er als Gott Osiris unumschränkt herrscht. Wäre da nicht der "Andere", der Kern des Systems und der größte Alptraum einer Menschmaschine, die überhaupt denkbar ist.

Aber zurück zum Datentransfer: Das Bewusstsein, und damit die eigentliche Existenz, erfährt bei Williams eine Konversion: Sie wird zur Datei. Der Wissensaustausch, das Logbuch des Selbst. Die Welt wird virtuell, wiel der Geist es wird. Der Wissensdiskurs des Netzes ist eine Konversion des Realen, der Existenzen, er wird zum Wunschtraum, der sich als der eigentliche Existenzzustand herbeisehnen lässt. Und im Endeffekt (man mag es konservativ nennen), bleibt es ein Alptraum: Die Ungewissheit, ob es sich noch lohnt, ewig zu leben, unter diesen Umständen.

Die Schattenmenschen des Netzes sind die einzigen Menschen. Es können Reale an den Tastaturen sitzen, die Kameras bedienen, die Regler drehen: Die Produkte sind immer konvertierte Datenpakete, Minimierungen des Realen.

Das Netz ist eine konvertierte Komprimierung des Lebens.

Das mag so neu nicht sein, aber es bewegt sich immer stärker in dieses Nichtsein hinein, das letztlich zum neuen Sein wird.

Wissen in der Form, wie sie im Netz auftaucht, ist entweder vollkommen real oder eine absolute Lüge, dazwischen gibt es nur Scheinwelten.

Das hat Konsequenzen für den Wissenstransfer, den Journalismus, die Wissenschaft, denn sie werden entweder ganz oder gar nicht mit dem Netz kooperieren müssen. Wissen findet entweder im Realen pder Virtuellen statt, um als Wissen zu gelten. Es kann nicht in den Scheinexistenzen bestehen, denn dort wird es keine Anerkennung finden.

Ganz praktisch: Entweder der Artikel findet Resonanz im Netz oder in der "realen" Welt. Der Versuch, beide zu verknüpfen, gelingt nur durch die Überwindung oder die Radikalisierung seiner Virtualität. Andersherum wird analoges Wissen nur in einer der beiden Welten bestehen können.

Darin besteht die Geburt der ScienceFiction: Die Konstitution des Wissens in der fiktion der ihr eigenen Welt. Anders lässt sich Wissen heutzutage gar nicht mehr denken.

Vondaher ist Williams Werk die letzte Geburt der ScienceFiction, die die Grenzen zwischen dem setzt, was das Reale und das "Andere" ist. Die Aufgabe des einen oder anderen wird mit dem Tod des Bewusstseins bezahlt: Entweder stirbt der Körper (das Reale) oder das System (das "Andere").

Besonders aus diesem Grund ist der Tod des Wissens wie wir es kennen nur eine Frage der Zeit. Die einzige Wissensform, die überhaupt noch dem realen und anderen Wissen nahe kommt, ist die ScienceFiction. Allein deshalb kann auf dieses genre im Wissensdiskurs immer weniger verzichtet werden. Umso erstaunlicher, dass dies, wie im Falle Williams, dennoch der Fall ist. es ollte sich dennoch lohnen.

16:26 15.08.2009
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Geschrieben von

holstebro

Sagen Sie, sind Sie nicht der.. nein? Sie sehen ganz anders aus, also im Fernsehen...
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