1968 — 2019

Rückblick 2019 symbolisiert wie kaum anderes Jahr bisher die organische Krise des Kapitalismus.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Schau dir Lateinamerika an — Mexiko und Brasilien stagnieren, Peru und Ecuador sind in einer tiefen politischen Krise und in diesem Kontext sieht Chile wie eine Oase aus, weil wir eine stabile Demokratie haben; die Wirtschaft wächst, wir schaffen Jobs, wir verbessern die Gehälter und wir halten die makroökonomische Balance…“ — Sebastian Piñera am 17. Oktober 2019

Nur wenige Zitate schaffen es im Nachhinein in die Annalen der Geschichte. Piñeras Interview mit der Financial Times vom 17. Oktober wird so ein Zitat darstellen, begann doch kurz danach der Massenaufstand in der „Oase“ Chile, der bis heute anhält und zusammen mit dem französischen Streik gegen die geplante Rentenreform das fortgeschrittenste Stadium des Klassenkampfes darstellt. Jenes Land, das vor über 50 Jahren ebenfalls im Zentrum der neuen Welle von Proteste war, als im Mai und Juni 1968 bis zu zehn Millionen Arbeiter*innen in einem Generalstreik das Land in eine revolutionäre Situation führten. Auch damals sollte im März ein heute berühmter Artikel in Le Monde erscheinen, der ähnlich wie bei Piñera anklingen ließ, als sei das Land und ihre Klassen im Schlaf. Der Titel dieses Artikels zwei Monate vor der sozialen Explosion?

„Wenn Frankreich sich langweilt“

Beginn einer neue Episode

Schon vor acht Jahren stellten die beiden marxistischen Theoretiker aus Argentinien, Emilio Albamonte und Matias Maiello, in einem Aufsatz fest, dass die kapitalistische Weltordnung drei Jahre nach Beginn der Weltwirtschaftskrise an den „Grenzen der bürgerlichen Restauration“ angekommen sei. Leitete ’68 zu Recht eine neue Welle der weltweiten Klassenkämpfe ein, so begann mit dem Jahr 1979 der Wendepunkt in der Geschichte, in der die Aufstände und Revolutionen eine Ende fanden und sich bis heute nicht mehr wiederholten, als dass eine Regierung durch eine revolutionäre Massenbewegung mit Elementen der Doppelmacht gestürzt wurde. Die Sandinistische Revolution in Nicaragua war die letzte dieser Art, als die Guerilla unter Führung der FSLN den langjährigen Diktator Somoza besiegen konnte.

Revolution und Konterrevolution im Iran 1979 verdeutlichen zutiefst die Momente des Klassenkampfes, wo Befreiung und Diktatur als die einzigen Alternativen erscheinen. Auch der Aufstand der Arbeiter*innen in Polen 1980, der sich gegen das stalinistische Regime richtete, verdeutlicht die Dialektik der Aufstände, die in eine revolutionäre oder reaktionäre Richtung einschlagen können. Die Gewerkschaft Solidarnosc, angeführt vom Arbeiter Lech Walesa, stellte zunächst berechtigte Forderungen der Arbeiter*innen der Lenin-Werft dar, bevor sie durch die restaurationistisch-klerikale Fraktion übernommen wurde und integriert in das kapitalistische Polen ab 1989 mitverantwortlich für Massenentlassungen und sozialen Niedergang wurde: die Gewerkschaft selbst ist heute so gut wie bedeutungslos, ihre einstige Hochburg der Lenin-Werft hat heute nur noch 700 Beschäftigte, während es 1980 15.400 waren.

Diese Beispiele zeigen aber auch, dass auch die heroischen Kämpfe dieser Zeit in einer Periode stattfanden, in der mit dem Neoliberalismus einen Gegenoffensive der Bourgeoisie stattfand, die auch andere Länder erfasste. Die Kämpfe jener Zeit gingen verloren, auch wenn sie wie beim britischen Bergarbeiter*innenstreik 1984/85 militant geführt wurden. Der Fall der Berliner Mauer schließlich und der damit einhergehende Untergang des Stalinismus stellten den Höhepunkt der kapitalistischen Weltordnung dar. Die bürgerliche Restauration hatte nahezu die gesamte Welt umfasst und der Kapitalismus galt als alternativlos.

Die Folgen dieser neoliberalen Offensive bestanden nicht nur aus einem Rückgang des Klassenbewusstseins und einer einsetzenden Demoralisierung, sondern auch mit einer Schwächung der materiellen Kräfte des Proletariats: ihre Organisationen und Gewerkschaften hatten immer weniger Mitglieder und Mittel zur Verfügung. Damit ging aber auch ein Paradox mit ein: Das weltweite Proletariat wuchs quantitativ und wurde zum ersten Mal in der Geschichte zur absoluten Mehrheit, während vorher die Welt mehrheitlich aus Bäuer*innen bestand. Alleine in China wuchs die Arbeiter*innenklasse um mehrere hundert Millionen Proletarier*innen in der „Werkbank der Welt“ an.

Das Proletariat war allerdings geköpft. Es hatte keine brillanten Theoretiker*innen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es eine Rosa Luxemburg, einen Wladimir Lenin und Leo Trotzki hatte, die zwar nicht alle eine siegreiche Revolution anführten, aber alleine mit ihrer theoretischen Akkumulation die „Intelligenz des Proletariats“ darstellten.

Doch das war durchaus auch der Tatsache geschuldet, dass jene Anführer*innen der letzten Welle der Klassenkämpfe, 1968, selbst nicht zum Format aufstiegen, um das theoretische Wissen des Proletariats zu füllen oder gar Revolutionen anzuführen. Sicher, Figuren wie Angela Davis, Ernest Mandel, Tariq Ali, Daniel Bensaid oder Rudi Dutschke fehlte es nicht an Wissen über den Marxismus und die Arbeiter*innenklasse; doch ihre Praxis fand in einer Zeit statt, in der sie durch ’68 aufgestiegen waren und nur phasenweise überhaupt ein Gespür hatten, in was für einer Zeit sie lebten. Am ehesten gelang das noch Mandel und Bensaid, deren Werke bis heute eine Aktualität besitzen.

Bevor aber das Jahr 2019 ein ähnliches Gewicht wie 1968 bekommt, muss es die Aufstände zu Revolutionen vertiefen. ’68 bedeutete nicht nur den französischen Mai/Juni, sondern auch der Widerstand Vietnams gegen die imperialistische Aggression der USA, die portugiesische Nelkenrevolution 1974/75, der Zusammenbruch des Franquismus sowie der Prager Frühling und zuletzt die erwähnte Sandinistische Revolution, um nur die wichtigsten Ereignisse zu nennen. Sie alle hatten gemeinsam, dass sie eine höhere Qualität der Massenbewegungen hatten, da sie fähig waren, Elemente der Doppelmacht aufzubauen, die sich in Form von Räten, Streik- und Aktionskomitees manifestierten.

Diese Qualität besitzen die heutigen Aufstände (noch?) nicht, zumal die Massen hinter sich Jahrzehnte der neoliberalen Verwüstung haben. Das liegt allerdings nicht nur an der Gegenoffensive der Bourgeoisie, sondern auch an dem Versagen der (ehemaligen) revolutionären wie gewerkschaftlichen Kader, das Proletariat auf diese Phase der Defensive einzustellen. Die Krise der Subjektivität der Arbeiter*innenklasse ist auch Resultat des Versagens ihrer Führungen. Oder um es mit Trotzki zu sagen: „Die weltpolitische Lage in ihrer Gesamtheit ist vor allem gekennzeichnet durch die historische Krise der Führung des Proletariats.“

Die heutigen Arbeiter*innen nehmen daher in der heutigen Phase nicht so sehr als Arbeiter*innen in ihren Gewerkschaftswesten (wenn sie überhaupt noch welche haben) und im Streik an den Protesten teil, sondern als zivile Bürger*innen — und das, obwohl alle diese „zivilen Bürger*innen“ ihrer Lohnarbeit in Industrie und Dienstleistung nachgehen. Diese „staatsbürgerliche Mobilisierung“, wie es Matias Maiello nannte, ist aber gleichzeitig Ausdruck der Weiterentwicklung und Stagnation des Klassenbewusstseins. Eine Weiterentwicklung, weil die Menschen nach langen Jahren zumindest an den Protesten gegen ihre plündernden Regierung teilnehmen — ein Hemmnis, weil dadurch die strategische Macht der Arbeiter*innen nicht offensichtlich wird.

Die Wende im Wendepunkt?

Der wichtigste Aufstand im Rahmen der internationalen Klassenkämpfe im Jahr 2019 ist der langanhaltende Streik in Frankreich, der jene strategischen Sektoren der modernen bürgerlichen Gesellschaft erfasst — zu allererst der Transportsektor, wo die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF und die Pariser Nahverkehrsgesellschaft RATP am heftigsten von den Streiks betroffen sind. Interessanterweise sind es auch diese nicht wenigen migrantischen Arbeiter*innen, die an vorderster Front stehen und deren Demonstrationen einen hochentschlossenen, festivalartigen Charakter annehmen wie es sie sonst nur bei Fussball-Derbys gibt. Der Streik, der am 5. Dezember begann, ist der längste in der Geschichte der SNCF und paralysiert das ganze Land.

Auch der Streik bei der RATP ist treffend für die heutigen bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Metropolen, wo die Ballungszentren teilweise die Hälfte der Bevölkerung umfassen. Der Streik in der Hauptstadt verdeutlicht zudem die Rolle von Paris als Metropole der Unruhen, wie es sie schon bei der Gelbwesten Woche um Woche zu sehen war. Seit Wochen wird nun der Verkehr im Protest gegen die Rentenreform lahmgelegt und seit Wochen kommt es zu selbstorganisierten Demonstrationen und Blockaden der Depots. Hier protestieren die Arbeiter*innen als lohnabhängige Beschäftigte und sind daher auch in der Lage, andere Sektoren der Arbeiter*innen wie bei den Krankenhäusern mitzureißen.

Wenn allerdings Frankreich als Mittelpunkt des Wendejahres 2019 dargestellt wird, weil die Arbeiter*innenklasse dort organisiert auftreten kann, so heißt das nicht, dass die Aufstände in den anderen Ländern wie dem Irak, Libanon, Ecuador oder dem Iran minder bewertet werden, wo teilweise ein organisierter Auftritt seitens des Proletariats gar nicht möglich ist — im Iran kam es so zu einem Massaker mit über 1500 Toten; der Kampf dort (und in vielen anderen Ländern) nimmt gezwungenermaßen einen konspirativen Charakter an. Zum anderen ist es durchaus nicht ausgeschlossen, dass sich dieses Zentrum im Laufe der Zeit hin zu den peripheren Ländern verschiebt, wo Chile und der Iran mit Ansätzen von Arbeiter*innenräten besonders zu erwähnen sind. Schon Rosa Luxemburg stellte in ihren Beobachtungen der revolutionären Ereignisse im Zarenreich 1905 fest, dass es gerade jene unerfahrenen, jungen Arbeiter*innen aus den (halb-)kolonisierten Gebieten sind, die wild entschlossen streikten und demonstrierten. Die Passivität der Arbeiter*innenklasse in Deutschland, bestens organisiert und auf einem höheren kulturellen Niveau, stand dazu in starkem Kontrast. Selbst innerhalb des Zarenreiches gab es wesentliche Unterschiede zwischen der eher ruhigen Hauptstadt St. Petersburg und dem rebellischen Warschau, das voller Enthusiasmus den Kampf annahm.

Wenn wir die Menschen in den peripheren Ländern wie dem Iran, Ecuador, Haiti oder Bolivien sehen, dann können wir dem auch heute zustimmen. Die rebellischen Massen in Rohjalat (Ost-Kurdistan) oder El Alto heute sind die polnischen Arbeiter*innen von 1905 und sie verdeutlichen, dass die Arbeiter*innen in den imperialistischen Ländern (vor allem Deutschland, Japan und den USA) noch viel, unendlich viel von diesen kämpfenden, aufopferungsvollen Massen lernen können.

Damit deutet zunächst alles darauf hin, dass das neue Jahr so beginnen wird, wie das alte Jahr endet: Mit anhaltenden Aufständen, wo weder die eine noch die andere Seite es vermag, das Gleichgewicht der Kräfte auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Die Kräfte des Proletariats mögen heute noch zu schwach, zu sporadisch und zu schwankend sein, als dass sie es schaffen könnten, das Gleichgewicht dauerhaft auf ihre Seite zu ziehen. Doch mit jedem „2019“ werden seine Kräfte stärker und stärker —das Zeitalter des Zorns, wie es die Wochenzeitung Die Zeit passend sagte, hat gerade erst begonnen.

11:31 31.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community