Eine alternative Geschichte der Türkei

Geschichte der Linken In einem bisher einzigartigen Werk wird die Entstehung und Entwicklung der Linken und Arbeiter*innenbewegung in der Türkei vom Osmanischen Reich aus nachgezeichnet.
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Buchrezension des Buches "Partisanen einer neuen Welt - eine Geschichte der Linken und der Arbeiterbewegung in der Türkei" von Nikolaus Brauns/Murat Cakir (Hg.)

"Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden." Wohl für keine andere Linke der Welt trifft dieser berühmte Satz von Karl Marx besser zu als für die türkische Linke. Dieser Satz betrifft dabei vor allem jene linken Organisationen zu Zeiten des Aufstiegs des Kemalismus Anfang der 1920er-Jahre.

Ursprünge der Linken in der Türkei

Es ist kaum vorzustellen, wie sehr der Kemalismus von Mustafa Kemal "Atatürk" die Linken in der Türkei geprägt und markiert hat. Doch gewiss liegt das nicht nur mit der Hegemonie des Kemalismus in der Türkei zusammen, sondern auch mit der Politik der Sowjetunion, welche den neuen türkischen Staat als Verbündeten brauchte und daher de facto die Arbeiter*innenbewegung unter den bürgerlichen Staat unterordnete.

Es war eine Anpassung sondergleichen, die nicht nur dazu führen sollte, dass die Interessen der unterdrückten Völker missachtet wurden; sondern auch, dass sich die türkische Linken an den Kemalismus anpassen und z.B. das Selbstbestimmungsrecht der kurdischen Nation missachten sollten. Es wurde dabei nicht nur mit der kemalistischen Bewegung zusammengearbeitet, z.B. in Form von Waffenlieferungen über die KP von Baku, sondern auch nationalistische Massenmörder in die neue “Kommunistische” Partei integriert. Mitte 1920 wurde diese TKP mithilfe Moskaus unter Führung Mustafa Suphis (bis heute wird fälschlicherweise oft angenommen, die revolutionär-sozialistische Bewegung beginne mit ihm) gegründet und das mit sehr zweifelhaften Verbündeten:

“Dass Suphi mit Kücük Talaat einen kommunistischen Sympathien gänzlich unverdächtiges vormaliges Mitglied des Zentralkomitees des jungtürkischen Komitees an der Spitze der ‘Kommission für Übersetzungsarbeiten’ beließ, hatte pragmatische Gründe. Wesentlich problematischer erscheint es, dass mit dem Tscherkessen Salih Zeki einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern in der Führung einer sich kommunistisch verstehenden Partei geduldet wurde. Unter Zeki als Gouverneur der Provinz Deir ez Zor wurden 1916 fast 200.000 Armeniern auf Todesmärschen und Konzentrationslagern in der mesopotamischen Wüste ermordet.” (S. 65)

Fürwahr, dergestalt war die Kommunistische Partei der Türkei! Innerhalb ihrer fanden sich viele Nationalist*innen, war es doch in dieser Zeit inmitten einer drohenden Aufteilung durch die imperialistischen Mächte besser “Bolschewik zu werden als Armenier”, um die türkische Unabhängigkeit zu verteidigen wie der linksnationalistische Journalist Dogan Avcioglu später bemerkte. (S. 65)

Dass dies aber möglich war, konnte nur durch Unterstützung der Komintern geschehen. Damit war der Grundstein für die kommende Degeneration der Komintern gelegt, während die TKP von Anfang an sich nicht an den revolutionär-sozialistischen Traditionen aus dem Osmanischen Reich unter Führung der Armenier*innen orientierte, sondern sich dem Kemalismus unterordnete mit schwerwiegenden Folgen für die nächsten Jahrzehnte. Wen verwundert es da noch, dass die Forderung nach der Anerkennung des Genozids von keiner linken Organisation in der Türkei erhoben wurde? Eine Forderung, die gleichzeitig den Gründungsmythos und die Staatsdoktrin der Türkei in Frage stellt, stellte doch der Genozid die Voraussetzungen für die Schaffung einer türkischen Bourgeoisie mit einem eigenen Staat.

Diesen Verrat und diesen Geburtsfehler adäquat herausgestellt und richtig kritisiert zu haben, ist eine der vielen Leistungen, welche die Autor*innen (in diesem Falle Nikolaus Brauns, der die Geschichte bis zum Militärputsch 1980 nachzeichnet) hier vollbringen. Vorweg: Es wird wohl schwerlich eine bessere Übersicht der Geschichte der Linken in der Türkei geben, die mit überzeugenden und richtig einordnenden historischen Kenntnissen die Sowjetpolitik kritisiert und den Chauvinismus der türkischen Linken wie der TKP anprangert.

Doch es gibt nicht nur eine marxistische Kritik an Positionen, welche die kurdische Frage gar nicht erst anerkannten oder sich der Bourgeoisie unterordneten, sondern auch eine Darstellung der zahlreichen Kämpfe, die hierzulande trotz einer starken türkeistämmigen Diaspora unbekannt sind. So ist z.B. eindrucksvolle Generalstreik der Istanbuler Arbeiter*innenklasse vom 15./16. Juni 1970 zu nennen, welches die Metropole am Bosporus paralysierte:

“Die Gewerkschaften rechneten mit 20.000 Teilnehmern. Doch dem Aufruf zum Ausstand folgten am 15. Juni in Istanbul und Izmit bis zu 150.000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Diese Wucht der Proteste erschreckte sogar die Gewerkschaftsführer. Vergeblich rief der DISK-Vorsitzende die zu Zehntausenden auf den Straßen von Istanbul protestierenden Arbeiterinnen und Arbeiter auf, wieder ‘an ihre Arbeitsplätze zurückzugehen’. Doch die Arbeitermassen, an deren Spitze demonstrativ Frauen marschieren, schoben die Sperren von Polizei und Militär einfach beiseite und protestierten weiter.” (S. 177)

Oder die Kommune von Fatsa, einer Kleinstadt an der Schwarzmeerküste aus dem Jahre 1980, wo basisdemokratische Elemente eingeführt wurden und deren Niederschlagung als Generalprobe für den Militärputsch vom 12. September diente:

“Am 11. Juli um 3.30 Uhr begann die sogenannte Ziel-Operation (Nokta Operasyonu) mit dem Einmarsch der in Erwartung von bewaffneten Widerstand mit starken Kräften aufgefahrenen Armee. Über 300 Einwohnerinnen und Einwohner […] wurden gleich in den ersten Stunden gefangen genommen. In Moscheen und Schulen wurden Folterzentren eingerichtet, in denen ein Großteil der Gefangenen misshandelt wurde. Maskierte Faschisten, die mit der Armee in die Stadt gekommen waren, terrorisierten die Bevölkerung, plünderten straflos deren Häuser und denunzierten Revolutionärinnen und Revolutionäre. Die Ziel-Operation diente nicht nur dazu, die revolutionären Kader festzusetzen, sondern zur Bestrafung der ganzen Bevölkerung und Brechung ihrer Moral.” (S. 228)

Die Entwicklung wird stringent dargelegt, sodass der*die Leser*in mit diesem Buch gleichzeitig und passend eine "alternative Geschichte der Türkei" bekommt, wie es im Vorwort heiß. Wie kennzeichnete sich jedoch die Entwicklung einer Linken, die so rückständige politische Wurzeln hat und ab Beginn der 1960er-Jahre gleichzeitig einer Periode verschärfter Klassenkämpfe auslöste? Einer Periode von 20 Jahren, in der die revolutionäre Linke so stark wie noch nie war, sodass der türkische Staat mithilfe faschistisch-islamistischer Banden ab Mitte der 70er einen regelrechten Bürger*innenkrieg (so gab es nicht einmal ein Jahr vor dem Militärputsch 2.500 Opfer faschistischer Übergriffe, S. 242) gegen die Linken entfesselte?

Die “zweite” Geburt

“Der Sozialismus in der Türkei wurde zweimal geboren. Die erste Geburt erfolgte mit dem Rückenwind der Oktoberrevolution auf den osmanischen Trümmern; die zweite, als ob es die erste nie gegeben hätte, völlig unabhängig davon, in den fünfziger und sechziger Jahren in einem historischen Klima, das charakterisiert war durch nationale Befreiungskriege und die Erfolge des Sputniks.” — Demir Kücükaydin (S. 140)

Völlig zu Recht weisen die Herausgeber darauf hin, dass die Geschichte der Linken in der Türkei eine hervorragende Enzyklopädie für alle Linken weltweit darstellt: Alle Kampfformen vom Streik über Fabrikbesetzungen bis hin zum Guerillakrieg wurden und werden hier dargelegt. Die Arbeiter*innenklasse in der Türkei hat eine einzigartige Kampferfahrung aufzuweisen, die von Doppelmachtstrukturen wie der Kommune von Fatsa 1980 bis zum spontanen Gezi-Aufstand 2013 nahezu alles aufzuweisen hat.

Einen nicht unerheblichen Teil dieser Erfahrungen machten die Linken und Arbeiter*innen dabei vom ersten bis zum dritten Militärputsch. Während der erste Putsch sogar von einigen Linken begrüßt wurde und wohl die bis heute liberalste Verfassung mit sich brachte, endete der dritte Putsch mit der fast vollständigen Zerschlagung der revolutionären Linken und wird im Buch gar als faschistischer deklariert. So erklärte der MHP-Führer Alparslan Türkes: “Unsere Gedanken waren an der Macht während wir im Gefängnis saßen”, nachdem auch er zum Schein angeklagt worden war (S. 256). Doch es macht eben einen Unterschied, ob “nur” die Gedanken an der Macht oder auch die faschistischen Kader die Polizei, Armee und Justiz beherrschen. Gleichwohl markiert der Militärputsch unter Führung von Kenan Evren einen Bruch in der Geschichte der Linken und Arbeiter*innen und setzte dem Aufschwung bis hin zu einer sozialistischen Massenbewegung ein Ende. Es ist aber auch völlig richtig und notwendig, das “Versagen der Linken” zu analysieren, wie es im Kapitel ab S. 246 getan wird. Dazwischen waren 20 Jahre, von denen der damalige Präsident der Konföderation der Arbeitgebergewerkschaften der Türkei (TISK), Halit Narin, sagte: “20 Jahre lang haben wir geweint und sie [die Werktätigen, Anmerkung des Autors Alp Kayserilioglu] gelacht. Nun sind wir dran” (S. 412)

In der Mitte dieser historischen Periode liegt die 68er-Bewegung, die als ein internationales Phänomen auch die Türkei erfasste und zu einem Aufschwung der revolutionären Linken führte. Inspiriert durch den französischen Mai 68, in der ein Studentenführer mit einem zweiten Frankreich drohte, sollten “unsere Forderungen nicht erfüllt werden.” (S. 170)

Brauns analysiert dabei die vielfältige Entwicklung dieser revolutionären Linken, die zwar immer noch vom Kemalismus beeinflusst war, aber wie z.B. in Form der maoistischen TKP/ML begann, die kurdische Frage anders zu behandeln. Im Buch wird dabei die Rolle von Ibrahim Kaypakkaya betont, der sich mit der nationalen Frage in der Türkei beschäftigte und die leninistischen Prinzipien in der Nationalitätenpolitik stärker hervorhob: “Die marxistisch-leninistische Bewegung erkennt jederzeit und bedingungslos das Selbstbestimmungsrecht der, von der türkischen Bourgeoisie und Grundherren unterdrückten kurdischen Nation, d.h. das Recht auf Lostrennung und Bildung eines unabhängigen Staates an und verteidigt es. Die marxistisch-leninistische Bewegung ist auch in der Frage der Bildung eines Staates gegen jedes Privileg. […] Auch die bisher beispiellose nationale Unterdrückung der nationalen Minderheiten in der Türkei durch die türkische Bourgeoisie und Grundherren erfordern dies, denn wenn die türkischen Arbeiter und Werktätigen den türkischen Nationalismus nicht zerstören, wird für sie die Befreiung unmöglich sein” (S. 189)

Kaypakkaya führte seine Gedanken weiter und konkretisierte sie z.B. in der Forderung nach autonomen und sich selbst verwaltenden Gebieten. Für die maoistische TIIKP, die vom türkischen Chauvinismus durchsetzt war, war dies eine “offene Kriegserklärung”, wie es im Buch heißt: “Es folgte der Beschluss von Führungskadern, Kaypakkaya ermorden zu lassen.” (S. 190) Dies ist nur ein stellvertretendes, aber deutliches Beispiel, wie sehr die Verteidigung der türkischen Staatsdoktrin in der DNA der türkischen Linken verankert war.

Die nationale Frage in Nordkurdistan wird gleichwohl in dieser Zeit (Mitte der 1970er) immer wichtiger, da Krieg und Ausnahmezustand an der Tagesordnung sind, aber gleichzeitig mit der kurdischen Freiheitsbewegung ein leuchtendes Beispiel des emanzipatorischen Widerstandes existiert. Nikolaus Brauns und Murat Cakir überzeugen mit ihren Ausführungen zum türkischen Besatzungsregime, indem sie auch dabei zu Recht darauf hinweisen, dass die Haltung zur kurdischen Frage der Lackmustest der Linken in der Türkei darstellt.

Es ist fortan auch die kurdische Befreiungsbewegung, welches mit dem seit 1984 begonnenen Guerillakrieg gegen das türkische Besatzungsregime die Avantgarde der emanzipatorischen Kämpfe darstellt. Der türkische Staat entfachte dabei besonders in den 90er-Jahren einen gnadenlosen Krieg gegen das kurdische Volk, der bis heute mit allen Mitteln geführt wird.

Die AKP-Ära

Volkan Yarasir bezeichnet in seinem Aufsatz die AKP als die “militanteste Partei des Finanzkapitals”. Dabei wird an dieser und anderer Stelle im Buch (S. 423ff.) auf die Gefahr der “offenen Faschisierung” der Türkei hingewiesen. Es bliebt leider unklar, was diese Definition konkret aussagen soll: Ist die Türkei derzeit “verdeckt” faschistisch? Oder ist die türkische Republik seit Beginn ihrer Existenz ein faschistischer Staat, wie es andere Linke darstellen? Die Nähe der AKP zum Finanzkapital in Verbindung mit ihrer Tendenz besonders seit den Gezi-Protesten eine fanatische, zu Teilen auch paramilitärische Basis herangezüchtet zu haben, lassen dies nur vermuten.

Es gibt viele Parallelen zu faschistischen Regimen und die anhaltende scharfe Repression inklusive der Implementierung des Ausnahmezustandes in die Verfassung weisen darauf hin, dass die Fassade der bürgerlichen Demokratie in der Türkei von Erdogan niedergerissen wurde. Die Autor*innen weisen zu Recht auf die Gefahr einer offenen Faschisierung hin, meiden aber die analytische Charakterisierung eines Bonapartismus in der Türkei:

“Die Regierung, erhaben über der Nation, hängt jedoch nicht in der Luft. Die reale Achse der heutigen Regierung geht durch Polizei. Bürokratie und Militär. Wir haben eine Militär- und Polizeidiktatur vor uns, noch leicht bedeckt mit den Dekorationen des Parlamentarismus. Doch eine Regierung des Säbels in der Eigenschaft des Schiedsrichter der Nation, das ist eben Bonapartismus.

Der Säbel an sich hat kein selbständiges Programm. Er ist das Werkzeug der «Ordnung», ausersehen, zu schützen was besteht. Politisch über den Massen erhaben, war und bleibt der Bonapartismus wie sein Vorgänger der Cäsarismus, im sozialen Sinne stets die Regierung des stärksten und gefestigtsten Teils der Ausbeuter; der heutige Bonapartismus kann also nichts anderes sein als eine Regierung des Finanzkapitals, das die Spitzen der Bürokratie, der Polizei, der Offiziers und der Presse lenkt, beseelt und besticht

Die «Verfassungsreform», von der während der letzten Monate so viel die Rede ist, hat zur einzigen Aufgabe, die staatlichen Einrichtungen den Erfordernissen und Wünschen der bonapartistischen Regierung anzupassen. Das Finanzkapital sucht legale Wege, die ihm ermöglichen sollen, der Nation immer den angemessensten Schiedsrichter vorzusetzen mit erzwungener Zustimmung des Scheinparlaments.” (Leo Trotzki, Bonapartismus und Faschismus)

Vor diesem Hintergrund ist es heute richtiger, von dem Bonaparte Erdogan zu sprechen, der gleichwohl — besonders wenn die wirtschaftliche Krise sich noch weiter zuspitzt — seine faschistischen “Reserven” bereits in der Hand hat: Es ist nicht nur die Koalition mit der ultranationalistischen MHP, nicht nur die offene Aussage Erdogans, den Ausnahmezustand zur Verhinderung von Streiks eingesetzt zu haben, sondern mit der Partei AKP das Potenzial eine fanatisierte und wildgewordene kleinbürgerliche Basis zu besitzen, die tatsächlich eine faschistische Massenbewegung mit offenem Terror gegen Linke und Arbeiter*innen werden könnte. Eine Partei, die fast 10 Millionen (!) Mitglieder hat und bereits in der Putschnacht vom 15. Juli 2016 auf den Straßen mobilisiert werden konnte.

Ausblick in die künftige Strategie und Taktik der Linken

Gewiss können nicht alle Darstellungen so ausführlich sein und genauer den (bonapartistischen) Charakter des AKP-Regimes umfassen, aber die Definition und Charakterisierung der Türkei als abhängiges, halbkoloniales Land ist richtig, und enthält aber gleichzeitig die korrekte Analyse, dass Nordkurdistan eine Kolonie ist und das Recht auf staatliche Lostrennung hat.

Es ist auch dem Konzept des Buches zu verdanken, dass der Stil in kritisch-solidarischem Ton gehalten ist, der nicht nur die Fehler der Vergangenheit aufzeichnet, sondern gleichzeitig die hohe Aufopferungsbereitschaft würdigt, welche die Linken in der Türkei über Jahrzehnte bewiesen haben.

Eines der interessantesten Punkte im Buch ist das Nachwort, wo sich auch kritisch mit der PKK auseinandergesetzt wird. Die beiden Marxisten setzen sich dabei vor allem mit dem Konzept des “Demokratischen Konföderalismus” auseinander, nachdem aber auch die Paradigmenwechsel der PKK von Joost Jongerden vorgestellt wurden.So heißt es etwa über die Frage des Staates und der Position, die Revolutionär*innen dazu einnehmen sollten:

“Öcalans These, dass ‘jenseits von Staat, Macht und Gewalt mehr Gesellschaft und weniger Staat möglich’ sei und ‘kommunale Selbstverwaltungen gleichzeitig mit und unabhängig von Zentralregierungen das Gewaltmonopol innehaben’ könnten, um so ‘den Nationalstaat ohne die Aufhebung der vorhandenen nationalen Staatsgrenzen’ zu überwinden, muss hinterfragt werden.

Die Behauptung, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen des kapitalistischen Nationalstaats, ohne das Antasten von dessen Gewaltmonopol sowie ohne eine grundsätzliche Veränderung der herrschenden Macht- und Eigentumsverhältnisse der Aufbau und Aufrechterhalten von ‘nichtstaatlichen, kommunalistisch-ökologisch-ethischen Selbstverwaltungsstrukturen innerhalb der gegebenen nationalstaatlichen Grenzen’ möglich sei, ist illusorisch. Es ist an sich ein unlösbarer theoretischer Widerspruch, dass ein Konzept, welches jeden Staat als Teil der ‘kapitalistischen Moderne’ betrachtet und als Unterdrückungsinstrument ablehnt, diesem ein ‘System’ entgegenstellt, das den Anspruch erfüllt, den Kapitalismus überwunden zu haben und gleichzeitig die ‘friedliche Co-Existenz’ des kapitalistischen Nationalstaats und innerhalb seiner Grenzen einer ‘nicht-staatlichen, demokratisch-autonomen’ Struktur als Übergang zum ‘Paradigma der demokratischen Zivilisation’ verteidigt.” (S. 498)

Mithin wird also in diesen sperrigen Sätzen die Ablehnung der Existenz selbstverwalteter Strukturen innerhalb des kapitalistischen Systems zum Ausdruck gebracht. Brauns und Cakir beziehen dabei ihre Kritik auch an den unterschiedlichen Erfahrungen in Nordkurdistan und Rojava. Während in ersterem Fall das Überleben Rojavas eben auf faktisch-staatliche Zusammenhänge zurückgeführt wird, die auch kriegsbedingt sind; drückt die Niederschlagung des kurdischen Aufstands und der Ausrufung der Selbstverwaltung infolge des einseitig aufgekündigten Friedensprozesses durch Erdogan 2015/16 durch den exzessiven Einsatz der türkischen Armee deren Scheitern aus.

Dabei wird zu Recht darauf hingedeutet, dass die nationale Frage auch immer von einem Klassenstandpunkt aus betrachtet werden muss und damit auch die Frage nach dem strategischen Verbündeten der kurdischen Nation: die Arbeiter*innenklasse in der Türkei.

Die Herausgeber weisen dabei auf eine markante wie interessante Pointe während des Krieges hin, die für sich spricht: “Es war kein Zufall, dass während der massiven Angriffe der türkischen Militärmaschinerie auf den Stadtbezirk Sur in Diyarbakir in den ärmeren Stadtvierteln zahlreiche Protest- und Solidaritätsaktionen stattfanden, aber in jenen Stadtteilen, in denen kleinbürgerliche und reiche Kurd/innen wohnen, das Alltagsleben so weiterlief, als ob nichts Besonderes geschehen war.” (S. 501)

Bezüglich der Kritik an Abdullah Öcalan weisen sie jedoch richtigerweise darauf hin, dass dieser sich seit fast 20 Jahren im Gefängnis befindet und nur schwerlich Zugang zu Informationen hat. Eine Tatsache, die gerade dieser Tage, wo es ein sechsmonatiges Anwaltsverbot seitens des türkischen Staates gibt, an Bedeutung gewinnt.

Abschließende Würdigung

Und so lässt sich auch schließen, dass das gesamte Buch Solidarität und Kritik vereint und ein Muss für jeden Interessierten darstellt, der die heutigen Entwicklungen in der Türkei nachvollziehen will. Es ist aber gleichzeitig eine wichtige Stütze, um die zahlreichen türkischen wie kurdischen Vereine und Organisationen in der deutschen Diaspora besser zu verstehen. Denn es sind jene, die zuvorderst auch vom deutschen Staat hier verfolgt und kriminalisiert werden. Seite an Seite müssen auch die Linken in Deutschland gegen diese Unterdrückung kämpfen.

16:57 24.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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