Das Massengrab in meinem Kopf

Flüchtlingsdrama Da wird munter debattiert, argumentiert, Verantwortung bestritten und der Fokus auf Schlepper und deren Bekämpfung gerichtet. Währenddessen sterben Menschen, Tag für Tag.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Massengrab in meinem Kopf

Fast zwanzig Jahre lang habe ich mit meinen Eltern zusammen den Sommerurlaub in Kroatien verbracht. Seesterne, schillernde Fische, Korallen, Muscheln in vielen Variationen, glasklares Wasser, Sonne und Wind – das Mittelmeer, die Adria, war ein Urlaubsparadies.
Es ist dasselbe Mittelmeer, an dessen Ufern wenige Jahre später, mitten im befriedeten Europa, ein brutaler Krieg stattfand. Es ist dasselbe Mittelmeer, in dem seit Jahr und Tag Tausende Menschen auf der Flucht ihr Leben verlieren.

Heute habe ich mich erinnert an einen schönen Familienausflug. Wir saßen zu viert in einem Schlauchboot und paddelten auf die gegenüberliegende Seite eines Meeresarmes der Halbinsel Istrien, um dort frittierten Tintenfisch zu essen. Die ganze Familie paddelte, es war ein Abenteuer, wir hatten Spaß. Während ich mir diese Situation ins Gedächtnis rief und in Gedanken auf die Wellen sah, blitzen aus der Tiefe silbernfarbene Fischleiber auf. Und plötzlich schnellte erst eine Hand und dann der dazugehörige Arm aus dem Wasser hervor. Die Hand krallte sich an einem der Griffe unseres Gummibootes fest. Und ich starrte in ein völlig erschöpftes, nasses Gesicht, gezeichnet von Todesangst. Zwei Augen sahen mich an, die mir das eine entgegen schrien, das in jeder Sprache für jeden verständlich ist: Helft mir!

Sie persönlich können denken, was auch immer Sie für richtig halten, wie und was auch immer Ihnen Ihr Gewissen sagt. Sie können argumentieren, diskutieren und debattieren in welche Richtung auch immer Sie Ihre Überzeugung führen will. Ich sage: Stellen Sie sich einfach vor, Sie säßen in diesem Schlauchboot auf dem Mittelmeer und würden Ihr Gespräch, Ihre Argumentation, Ihr Für und Wider genau mit diesem einen Menschen, der da im Wasser um sein Überleben kämpft, führen müssen.
Manchmal sind die Dinge sehr kompliziert. Manchmal sind sie aber auch nur eines – nämlich sehr einfach. Und manchmal lässt auch die Konsequenz aus unseren Entscheidungen nur wenig Spielraum.
Wie hier, wo die Antwort auf alle Fragen nur lautet:
Leben.
Oder Tod.

Neulich fragten meine Eltern, ob ich nicht wieder einmal Lust hätte mit ihnen nach Jugoslawien zu fahren. Also vielmehr nach Kroatien, denn dieses Jugoslawien gebe es ja nicht mehr. Vieles sei noch ganz so, wie früher, erzählt meine Mutter. Aber es habe sich auch sehr vieles verändert, sei moderner, wohlhabender und auch teurer geworden, sagt mein Vater.
Ich habe kurz nachgedacht und dann abgelehnt. Allein die Vorstellung, Meersfrüchte mit Ausblick auf ein Mittelmeer genießen zu wollen, in dem zur gleichen Zeit kleine Kinder, ihre Mütter, ihre Väter, ihre Großeltern um ihr Leben kämpfen, weil wir ihnen die Menschenpflicht verweigern, sie zu retten, allein diese Vorstellung lässt mich an jedem Bissen würgen.

In meinem Kopf wird das Mittelmeer mehr und mehr von einem Urlaubstraum zu einem Massengrab. Das Paradies meiner Kindheit trennt arm von reich. Es ist eine riesige, tiefe, drei Kontinente berührende natürliche Grenze. 2,5 Millionen Quadratkilometer Wasseroberfläche und eine durchschnittliche Wassertiefe von rund 1.720 Metern bieten sich an, konzentriertes menschliches Leid aufzulösen bis hin zu einer nicht mehr nachweisbaren Potenz. Allein in diesem noch jungen Jahr fanden dort bereits mehr als 3.000 Menschen den Tod, insgesamt sollen es laut Schätzungen von Pro Asyl seit dem Jahr 2000 mindestens 23.000 tote Flüchtlinge sein.
Tote, die das Meer an seine Küsten und Strände spült, werden anonym bestattet. Keine Namen, keine Gesichter, keine Geschichten über das Weshalb und das Warum. Nicht so in meinem Kopf, wo ich jedem einzelnen von ihnen zugestehe, was auch ich mir wünsche, nämlich leben zu dürfen.

Über Ihren Kopf und was darin vorgeht, entscheiden freilich Sie selbst.

22:25 24.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Heike Pohl

Freie Autorin - Gedankenspielerin - Quasselstrippe - Gärtnerin und Photographin aus Leidenschaft. Hätte der Tag doch nur mehr Stunden ...
Heike Pohl

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Der Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community