Liebe Jana Hensel

Ein besseres Land Die Ostdeutschen sind nicht Schuld! Aber sie haben uns nicht die Chance gelassen "rüber" zu gehen.
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Liebe Jana Hensel,

Ihr Schreiben an die Westdeutschen hat mich auch traurig gemacht. Die Einlassung von Christoph Schröder ist macht mich sogar wütend. In einem hat er aber Recht.

Wir hatten ein Land, das besser war, als das Land in dem wir alle zusammen heute leben. Ihr, liebe Ostdeutsche, habt es uns aber nicht genommen. Die Welt in der wir lebten hat gut funktioniert, solange es mit Eurem System eine Alternative gab. Damit meine ich nicht, dass wir uns in Eure DDR gesehnt hätten. Wir wollten keinen totalitären Staat. Obwohl man uns Linken ja gern nahegelegt hat „doch rüber zu gehen“, wenn wir für eine gerechtere Welt eintraten oder das kapitalistische System für Umweltzerstörungen verantwortlich machten. Nein, Euer Land hätten wir auch nicht gewollt!

Aber unser heutiges System aus Gier und Profitstreben konnte sich erst nach dem vollständigen Zusammenbruch Eures Systems zu seiner vollen Blüte entfalten. Das meine ich, wenn ich sage, dass wir damals ein besseres Land hatten als heute. Und das würden z.B. die Franzosen bestimmt ähnlich sehen, ganz ohne dass es Ostfranzosen gäbe.

Für Demut gibt es bestimmt keinen Grund. Aber wisst Ihr, was ich Euch übel nehme? Dass Ihr den ganzen schönen Reden von den blühenden Landschaften geglaubt habt, dass Ihr Euch habt kaufen lassen. Nein, das war jetzt böse. Ihr konntet es wirklich nicht wissen, dass die Welt, die Ihr aus dem Westfernsehen kanntet, nicht immer so nett war wie in der Rama-Werbung. Dass wir auch kämpfen mussten - wenn auch nicht so wie heute.

Ja, und jetzt haben wir eine ehemalige FDJlerin, die Demokratie nie gelernt hat und denen in die Hände spielt, für die demokratische Strukturen nur ein weiteres nichttarifäres (´tschuldigung, blödes Wort, aber so heißt das nun mal) Handelshemmnis sind. Das tut sie wahrscheinlich nicht mal aus bösem Willen, für sie erscheint das „alternativlos“.

Und was Euer zwölfjähriges Abitur angeht, da muss ich Euch enttäuschen: Das haben wir nicht von Euch übernommen. Das haben wir weil es Kosten spart. Und gerade so viel Bildung hervorbringt, wie für die wirtschaftliche Verwertbarkeit in der „marktkonformen Demokratie“ nötig ist. Selbständig denkende Bürger sind heute genauso wenig gefragt wie damals bei Euch im „real existierenden Sozialismus“.

Wisst Ihr, was ich mir von Euch gewünscht hätte? Dass Ihr einen anderen Weg versucht hättet. Einen Weg, bei dem Gerechtigkeit nicht mit faschistischen Mitteln erzwungen wird, bei dem aber trotzdem die Starken die Schwachen stützen anstatt über sie hinwegzutrampeln auf dem Weg in eine noch reichere, mächtigere Zukunft. Einen Weg in dem der Wert eines Menschen nicht an seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit gemessen wird und auch nicht an seinem Bankkonto. Einen Weg, in dem asoziale Blutsauger sich nicht als die Gewinner der Geschichte fühlen dürfen. Ich wäre bestimmt rüber gekommen!

18:29 07.11.2014
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