Australien und Jakarta – Feuer und Fluten

Neues von der Feuerfront Die australischen Waldbrände "genießen" noch immer viel Aufmerksamkeit. Die Überschwemmung Jakartas etwas weniger. Die Klima-Katastrophe beginnt im Süden der Welt
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Inzwischen kennt man die Gesichter und Stimmen der Oberfeuerwehrleute in den schmucken Uniformen. Die "patenten" Politiker. Die atemlose Hilflosigkeit der Betroffenen. Viele Haeuser der Einheimischen sind verbrannt, viele Caravans und Camper in den Feuergebieten bedroht.

Viel "Stoff" fuer dramatische Medien-Berichte auch in D. Darum zuerst die facts.

Statistik:

Feuer brennen auf einer Flaeche, die der Groesse Belgiens entspricht (ca. 4.9 Mio Hektar, 500.000 qkm)
Es brennt die Suedoestliche Kuestenregion Australians. d.h. der Norden Viktorias und der Sueden von NSW (New South Wales).
Ca. 7000 Feuerwehrleute, zumeist Freiwillige der Land-Feuerwehren.
ca. 50 Tote bisher und ca. 30 Menschen noch vermisst.

ca. 2000 Haeuser verbrannt.

ca. 1 Million tote Tiere, davon ca. 100-300.000 groessere Tiere (vor allem Marsupials und andere Saeuger, Reptilien, Schlangen, auch 25.000 Koalas)
Die Brandwolken steigen bis auf 6.000m hoch und werden bis ins 2000 km entfernte Neuseeland geweht.


Meterologie

Ich bin kein Meterologe darum drei Videos die den Zusammenhang zwischen der gegenwaertigen Hitze in Australien und dem Klimawandel verdeutlich. (Achtung Klimaleugner! Augen zu!)
Der "dipole" ueber dem Indischen Ozean, der die fruehe Erwaermung Australiens ausgeloest hat, ist inzwischen abgeschwaecht. Die Hitze ueber Australien bleibt.

Australien erlebt gerade den heissesten Sommer seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen.

Sie suedliche Windzone (SAM) hat sich einige tausend Kilometer nach Norden verschoben, sodass die heisse Luft nicht abfliessen kann.

Inzwischen gab's den ersten Sandsturm. Die grossen Feuer bilden oft ein lokales Mikro-Klima, dass zusammen mit suedlichen Winden Sand in den Wuesten aufwirbeln und davontragen kann. (sowas wie Mistral in Europa).

(Klima-Leugner aufwachen.)


Tourismus

Jeden Tag kommen zwei bis drei Kreuzfahrtschiffe nach Sydney, mit jeweils zwischen 2000 bis 6000 europaeische und/oder US-amerikanische Touristen an Bord. Sie bleiben nur einen Tag. Trotzdem bringt's Umsatz, Tag fuer Tag.
Zu Sylvester gab's darum das uebliche Feuerwerk. Bewunderung around the world. Son Feuerwerk macht doch richtig Lust auf Sydney!!

So schlimm kann es in Australien also gar nicht sein. Das war die Botschaft. Trotzdem ist der auslaendische Jahresend-Tourismus eingebrochen.

Im Sueden, wo die Feuer brennen campen vor allem Familien und "grey-nomades" (aeltere Menschen mit Luxus-Caravan) aus andere Gegenden Australiens. Viele Camping-Plaetze haben private Betreiber, die an den Jahresend-Besuchern gut verdienen. Durch die Feuer mussten viele Leute frueher abreisen oder in Evakuierungs-Zentren fluechten. Keine gute Reklame.

Die Besitzer der Camping-Plaetze versuchten, die zurueck gelassenen Caravan vor dem Feuer zu schuetzen. Beim Radio-Interview appelliert ein Besitzer, die Besucher moechten sich doch ncht abschrecken lassen und im naechsten Winter wiederkommen.

Das Great-Barrier Reef ist eine Attraktion fuer schnorchelnde Touristen aus aller Welt. Durch Schutt aus den Kohlegruben, die hohen Wassertemperaturen und jetzt die Feuer ist das Oekosystem des Reefs schwer geschaedigt und weniger attraktive Die Regierung hat bisher erreicht, dass das Reef auf der UN-Liste der "Naturwunder" bleibt. Ob das nach den Feuern noch klappt?

Politik

Die australische Politik ist unter internationalem und nationalem Druck, ihre Klima-Politik zu aendern. Will aber nicht. Braucht auch nicht, meinen die USA. Darf auch nicht, sagen die Kohle-Konzerne.

Der Premierminister fuhr vor einigen Tage leutselig in eine Kleinstadt, wo einige Haeuser abgebrannt waren. Er wollte medienwirksam den Einwohnern Trost zusprechen. Die wollten nicht mal seine Hand anfassen und beschimpften den PM. Keine guten Medien-Bilder fuer den PM.

In der naechsten Kleinstadt, am naechsten Tag, standen die "richtigen" Leute vor der Kamera und lobten die Regierung. Nutzte aber nichts mehr. Der erste Besuch dominierte die Medien und die sozialen Netze.

In Canberra, der australischen Hauptstadt, hat derzeit die hoechste Rauchbelastung des Landes, den staerksten Smog der Welt, 200fach ueber den "gesunden" Werten. Derzeit ist das Parlament in der Sommerpause und die Buerokraten sind noch im Kurzurlaub.
Statt Bedauern gibt's ausser in Canberra "reine" Schadenfreude. "Die da", "die Regierung" hat den Rauch verdient.

Die Kommunikations-Netze in den Feuer-Zonen sind oft zusammengebrochen. Keine Informationen, ausser vom Batterie-AM-Radio, das die lokale ABC-Radio Station empfangen kann. (ABC ist sowas wie BBC, also mit oeffentlichen Mittel gefoerderter Rundfunk.) Ca. 50 kleine ABC-Stationen gibt es im Land, die den "Privaten" die Hoerer klauen.
Darum hat die Regierung Mitte 2019 durch die neue Chefin des ABC verkuenden lassen, dass alle lokalen ABC-Stationen geschlossen werden, weil sie nicht mehr notwendig waeren. Private Sender, Internet und soziale Netze wuerden reichen. Alle Proteste waren umsonst.

Durch die Feuer sind die kleinen Stationen ploetzlich wieder die einzige Informationsquelle fuer die Bevoelkerung in den Feuerregion. Die Moderatoren der allgemeinen ABC-Programme betonen das ziemlich deutlich in den Nachrichtensendungen. Mal sehen, was daraus wird.


Miltaer

In Milacoota hatten sich an Neujahr 4000 Menschen ans Meer gerettet. Die Marine wurde gerufen, um die Leute zu evakuieren. Es dauerte 4 Tage bis das erste Schiffe kam. Kein Wunder.

(Die chinesische Marine dagegen hoert sicherlich gern, das die australische Marine gut drei Tage brauchte, um in die "Poette" zu kommen.)

Die Australische Navy ist aber auch ueberbeansprucht. Einerseits muessen die Schiffe die Seegrenzen vor Indonesien gegen die sau-gefaehrlichen people smuggler verteidigen. Andererseits kreuzt die Marine in der Strasse von Hormuz, um die Freiheit des Westens gegen die sau-gefaehrlichen Iraner zu verteidigen. Da werden zu Hause nicht nur die Schiffe knapp. Zuerst durften naemlich Familien mit kleinen Kinder nicht mit-gerettet werden. Keine Kinder-Rettungswesten an Bord. Im zweiten Schiff durften aber alle mit.

Zum ersten Mal im "Frieden" hat das AU-Verteidigungsministerium auf Anweisung des PM 3000 Reservisten einberufen, um bei der Versorgung von Fluechtenden und der Bekaempfung der Feuer zu helfen. Leider waren unter den Reservisten diverse Freiwillige der Feuerwehren, die heftig gegen ihre Einberufung protestierten. Dumm gelaufen. Wurde aber geaendert. Die Freiwilligen duerfen im Wald bleiben .

Einen Tag spaeter sagt der Feuerwehr Chef von NSW, dass er mit den Reserve-Soldaten nichts anfangen kann. Der PM hat offensichtlich niemanden informiert, dass er 3000 Reservisten schicken will. Schon wieder Scheisse.

Jetzt hat auch das Militaer auf einigen seiner Stuetzpunkt im Sueden Evakuierungs-Zentren eingerichtet. Warum erst jetzt wird ein General von den Medien gefragt. Der Brigadier weiss keine Antwort.

Inzwischen hat sich die Marine "gerappelt" und einen Hubschrauber-Traeger nach Malacoota beordert, wo seit 6 Tagen noch 200 Leute abgeholt werden wollen.

Infrastruktur

Durch die Feuer wurden einige "tower" umgelegt. Keine Digitale Kommunikation mehr. Keine Handys, keine soziale Netze . Niemand kann seine Verwandten ("loved ones") mehr erreichen. Auch Landline Telefone Netze sind voellig ueberlastet.

In den kleineren Staedten haben die Supermaerkte kaum noch Waren. Milch ist als erstes ausverkauft. Lebensmittel muessen hereingeflogen werden.

Viele Leute mussten ihre Haeuser verlassen, weil der Notstand ausgerufen wurde. Das Getreide ist verbrannt. Tiere mussten getoetet werden. Durch diese Massnahmen gab es in der vergangenen Nacht keine weiteren Tote, aber sind 200 bis 300 Haeuser in NSW verbrannt. Prioritaeten.

Manchmal sind einige Strassen offen. Lange Auto Kolonnen fluechtender Menschen, vor allem Touristen. Benzin-Tanker kommen nicht durch. Duerfen nicht. Benzin wird rationiert. Leute mit spritfressende SUVs kommen nicht weit.

In einer Kleinstadt wurde ein Ersatz-Tank mit zwei Tonne Trinkwasser geoeffnet. Ging schief. Die Hauptstrasse war ueberschwemmt.

Durch die Feuer regnet es Asche und der Himmel ist dunkel. Kein Strom aus den Solaranlagen. Raucchgeschmack im Mund. Apokalyptische Aengste, ueber die nicht berichtet wird.

Jakarta - ein anderes Desaster

Die indonesische Hauptstadt, im Nordosten Australien gelegen, hat seit Wochen massive Regenfaelle. Die Stadt ist ueberflutet, vor allem die niedrig gelegenen Slums. Hunderte Tote.

Die Ursachen sind eindeutig.

Durch die starke Zunahme der Bevoelkerung (jetzt 13 Millionen) wird zunehmend mehr Trinkwaser gebraucht und aus den unterirdischen Frischwasser"blasen" abgepumpt. Durch diese Trinkwasser-Gewinnung (ver)sinkt Jakarta alle 10 Jahre um ca. 1m. Heute liegt die indonesische Hauptstadt bereits 5m naeher am Meeresspiegel als 1970.

Die Folgen, die Ueberschwemmungen, treffen zunehmend mehr Stadteile und Slums. Mehr Haeuser werden zerstoert, mehr Menschen getoetet.

Doch die Regierung hat einen Plan. Eine neue Haupstadt wird gebaut. Die ist dann auch nicht mehr so gross, weil sich nicht jeder den Umzug leisten kann.

Ein "klassisches" Beispiel, wie unterschiedlichen Prozesse der Klimawandels (Bevoelkerungswachstum, Trinkwassermangel, Ueberflutungen, materielle Ungleichheit) zusammen"spielen" - bis zur Katastrophe. Noch ist es in Jakarta nicht ganz so weit. Die "Eliten" hoffen aber, dass ihre sichere "Zuflucht", die neue Hauptstadt, vorher fertig wird.

Profiteure

Die Feuer werden noch zwei bis drei Monate brennen. Queensland und Suedaustralien sind bisher nur wenig oder noch kaum betroffen. Und irgendwann, spaetestens zu Beginn des Winters, sind alle Feuer geloescht. Dann wird das "Gerede" ueber den Zusammenhang mit dem Klimawandel aufhoeren und die neue Kohlegrube kann ausgeschachtet werden.

Die Versicherungs-Einschaetzer sind bereits vor Ort und werden demnaechst Geld ueberweisen. Fuer den Wiederaufbau der Haeuser reicht's bei ca. 50 der Leute. Fuer 25% reichts nicht, leider unterversichert. 25% der abgebrannten Haeuser waren gar nicht versichert...

Die Politiker werden viele Dollars spendieren, damit Strassen repariert, Schulen neu gebaut, zerstoerte Bruecken erneuert werden. Und viele Leute werden ihre Haeuser ausbessern oder neu Bauen. All in all ein Investitionsprogramm.

Nicht nur in den jetzigen Feuerregionen wird die Bauwirtschaft und damit auch die Oekonomie boomen. Und die Regierung wird sich fuer ihre wunderbare Wirtschafts-Politik schwer loben. Die Murdoch-Presse singt dann das Hohe Lied fuer den PM, Scott Morrison, den Guten.

Darauf verwette ich einen Schuh.

Zum Schluss.

Nach den Erfahrungen in Indonesien und Australien ist es klar, dass die bevorstehenden Klima-Katastrophen in vielen Teilen der Welt, von Politikern und staatlichen oder freiwilligen Hilfsorganisationen nicht zu bewältigen sind. Weder in der ersten noch in der dritten Welt.

12:55 07.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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