Die groesste Korruptions-Demokratie der Welt!

Wahl in Indien? Indien wird gern als groesste Demokratie der Welt bezeichnet, als leuchtende Alternative zum autokratischen Regime in China gelobt. Doch haben Inder ueberhaupt eine Wahl?
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In der Zeit-Kolummne ueber die Wahl zum indischen Parlament, der Lok Sabha, titelte Theo Sommer, 83, "Indiens fragiler Tanz der Demokratie".

Er hoffe, schreibt Sommer, auf einen Freudentanz nach der Wahl, damit "das Land endlich eine Chance bekommt, im globalen Wettbewerb mit dem autoritären Kapitalismus Chinas mitzuhalten."

Man kann Herrn Sommer zu Gute halten, dass er ab naechstem Jahr demographisch zu den "Hochbetagten" zaehlen wird. Da darf man auch mal in der Zeitung traeumen.

Mit seinem Traum steht er aber nicht allein.

Darum zunaechst eine hochdramatische Information fuer alle Freiheitlichen-Demokratie-Liebhaber:

Es gibt nicht nur in China, sondern auch in Indien eine kommunistische Partei! Sogar zwei!

http://www.heartofmeditation.com/image-files/lenin-kodai-neu.jpg(Das Bild ueber dem Herrn Ambedkar (Hornbrille, Lippenstift, indischer Unabhaengigkeitskaempfer ) zeigt den Genossen Lenin. Der tamilische Text heisst so ungefaehr: Heraus, heraus zum ersten Mai!)

Tja. Und im Bundesstaat West Bengal koennte die KP Indiens demnaechst wieder an die Macht kommen!

Maoisten gibts auch noch. Die kann man nicht waehlen, weil die den bewaffneten Aufstand gewaehlt haben und als Naxaliten, den staatlichen Behoerden nichts als Scherereien machen. Und die Bauern unterstuetzen die auch noch, diese Nichtsnutze.

Das sollte reichen, um Herrn Sommer vorlaeufig vom Freudentanzen abhalten. Ist sowieso eher was fuer die Jungschen.

Nach diesem Paukenschlag einige zusaetzliche Wahl-Infos.

Die Zahl der Wahlberechtigten ist unbekannt weil niemand sagen kann, wieviele Inder es insgesamt gibt. Vermutlich sind's so ca. 1.2 bis 1.4 Milliarden. Davon kann man etwa 200-400 Mios zur Mittelschicht zaehlen. Fuer die verbleibende knappe Milliarde Menschen gilt, dass etwa 2/3 nicht (oder kaum) den eigenen (Vor)Namen schreiben kann. Hinzu kommt dass Kindersterblichkeit, Muettersterblichkeit, Saeuglingssterblichkeit, Verschuldung der Bevoelkerung etc. sehr hoch ist (verglichen mit anderen 3.Welt Laendern).

Das macht es einfach, vor Wahlen die Stimmen von Vierfuenfteln der Bevoelkerung durch doerfliche "Bosse" (gern der lokale Geldverleiher) aufzukaufen und dann meistbietend weiterzuverkaufen. Dafuer gibt's gut geoelte Kontakte, Netzwerke und Preisabsprachen in einer mehrstufigen Hierarchie, die letztendlich zu Parteien gerinnt. An der Spitze steht jemand aus einer Familie, die schon immer in der Politik und an der Spitze war.

(Um beim Kluengel mitzuspielen, muss jeder in die Familienkasse zahlen. Aus der wird dann die naechste Wahl finanziert. Durchdacht!)

In diesem System (das ich hier nur grob angedeutet habe) spielen Emotionen eine grosse Rolle, die, wie ueberall auf der Welt, oft zu Gewalttaetigkeit und Morden fuehren. Darum finden die Wahlen unter militaerischer Aufsicht statt.

Kastenzugehoerigkeit ist fuer die Wahl auch wichtig, obwohl drei Viertel der Inder zur Kategorie "keine/andere Kaste" gehoeren, die in sich aber in einige Untergruppen von "keine/ander Kaste" aufteilt. Ganz am unteren Ende der Pyramide steht die Stammesbevoelkerung (tribals) von ca. 70 Millionen Menschen. Eine Groessenordnung, die nur wichtig ist, weil tribals nach der Verfassung im Parlament vertreten sein muessen. Aber auch dieses "Recht" ist, wie alles in India, (ver)kaeuflich.

Das grosse Geld kommt natuerlich von oben, von der Oligarchie, die auch den moderaten Wechsel zwischen den dominanten Parteien unauffaellig regelt. Dieses Mal werden mal wieder die Hindu-Nationalisten (BJP) "gewinnen", mit einem Boss Namens "Modi" an der Spitze.

Ueber diesen Politik wird in den nicht-indischen Medien viel geraetselt, weil er als Premier Minister von Gujarat 2002 einige tausend Muslime in einem Zug verbrennen lies. Dafuer lieben ihn die Hindus seit Jahren. Die Oligarchie fand ihn ein bisschen ah-ah-bae-bae, aber jetzt 12 Jahre spaeter, ist der BrandGeruch verflogen.

Dieser Modi hat naemlich die Interessen der Mittel- und Oberschicht bereits in Gujarat zuverlaessig bedient. Mit billigen Arbeitskraeften in Indien zu produzieren, und die Waren und Dienstleistungen in die ersten Welt zu verkaufen ist bekanntlich das Geschaeftsmodell. Durch die Inflation gibt's damit aber jetzt Probleme.

Weil die Loehne gestiegen sind, koennen vor allem Klein-Unternehmer von den geringeren Gewinnen die Zinsen ihrer Kredite nicht mehr bezahlen. Und jetzt hungern die Arbeitskraefte schon wieder, sagen sie. Ein Teufelskreis...

Aber zurueck zur Wahl. Die Hindu Partei hat den Stimmenauf- und Verkaeufern die besten Angebote gemacht, Angebote, die man besser nicht ausschlug. Herr Modi wird daher der naechste PrimeMinister Indiens, sofern er nicht vorher, von irgend einem konkurrierendem Boesling, umgelegt wird.

Das Parlament hat dann wieder 521 Abgeordnete, von denen allerdings ca. 10-20 im Knast sitzen und nur vor wichtigen Abstimmung Hafturlaub kriegen muessen.

Achja, die unterschiedlichen Prozentpunkt der Parteien beim Wahlergebnis, mal in diese Richtung mal in jene, werden durch die 300 Millionen Waehler der Mittelschicht verursacht, die aber meist gar keine Lust haben zu waehlen.

Und Sie, Herr Sommer, haben Sie noch Lust zum tanzen?







10:11 09.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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