Die halbtoten und die linken Christenmenschen

Berufskatholiken Die FC wird seit einiger Zeit von dogmatischen Christen heimgesucht, denen sich entschlossene Aufklaerer, Materialisten, Atheisten etc. entgegenwerfen. Worum geht's?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

@JR und @Delloc und andere haben auf diese Phaenomen bereits mit viel-kommentierten, intelligenten Beitraegen reagiert. Wenn ich ein weiteres Mal darauf eingehe, dann mit einem Perspektivenwechsel. Seit dem ersten Blog von @Aussant habe ich mich naemlich gefragt, welchen christlichen "Typus" Fantomass, Aussant und Paul eigentlich repraesentieren? Sind sie katholisch-christliches Urgestein, "Mainstream" oder nur Sektierer? Und ausserdem: was gibts sonst noch zu sagen ueber heutige Christen? Einige Ueberlegungen und Erfahrung dazu moechte ich hier mitteilen.

Fuer den eiligen Leser will ich meine Antworten vorwegnehmen: Nein, die drei genannten Beitraeger sind weder Sektierer noch "Mainstream", sondern versteinerte Leitfossile des 19. Jahrhunderts. Ihre Version des Christentums findet man heute fast nur noch in Europa. Intellektuell, theologisch und praktisch ist ihre Dogmatik seit ca. 50 Jahren ueberholt. (Stichwort fuer Eingeweihte :): zweites Konzil)
Heute gibt es ein voellig anderes, "linkes" Christentum, vor allem in der dritten Welt. Aber der Reihe nach.

Der polnische Event-Papst und sein bayuwarischer Knappe haben mit einigem Erfolg versucht, das Rad der Kirchen-Geschichte in die fuenfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurueckzudrehen. Das hatte fatale Konsequenzen.

Erstens. Die katholische Kirche praesentiert sich heute wesentlicher reaktionaerer, als ihre Praxis tatsaechlich ist.
Zweitens. Das langsame Sterben der Kirche in Europa wird vom pompoesen Getue der kirchlichen Hierarchie und ihrer Claque uebertoent. (Zu dieser Geraeuschkulisse gehoeren auch die Beitraege der drei christlichen Blogger der FC).

In der dritten Welt ist die Situation der Kirche anders. In Lateinamerika wirkt die Theologie der Befreiung nach und in Asien die Begegnung mit asiatischen Religionen. In beiden Weltgegenden muessen sich die Berufskatholiken, die "sister", "brother" und "father", um die Belange der "kleinen Leute" kuemmern. Von verantwortungsbewussten aelteren Geschwistern und Vaetern muss man schliesslich erwarten, dass sie sich um andere Familienmitglieder kuemmern. Und diese "anderen" sind die Armen, Unterdrueckten und Ausgebeuteten, die Menschen in den Slums, die entrechteten LandarbeiterInnen.
(Die in Deutschland ueblichen lateinischen Titel des katholischen Personals in und der abgewetzte Begriff "der Naechste" verdecken den eben genannten Zusammenhang. Darum habe ich die Begrifflichkeit gewechselt.)

Die "Armen-Option" der Kirche in der dritten Welt ist unter den Professionellen nicht unumstritten, weil einige meinen, dabei komme der seelsorgerische Aspekt zu kurz. Ok, ok. Wichtig ist, dass praktisch gemacht wird, was gemacht werden muss. "Sister" verteilen Kondome an Landarbeiterinnen und organisieren Mikro-Kredit Gruppen. "Father" spielen mit den Kindern im Slum Fussball und gewinnen so auch das Vertrauen der Erwachsenen, die mit Aussenstehende sonst nur schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wenn ein 13jaehriger als Pimp arbeitet oder eine 14jaehrige auf der Strasse lebt und schwanger wird interessieren den "brother" vor allem die praktischen Konsequenzen. Wie kann man verhindern, dass der Junge sich mit HIV infiziert? Braucht das Maedchen eine Abtreibung oder kann sie das Kind kriegen und wer sorgt dann dafuer?

Ich habe jetzt etwas schwarz-weiss dramatisiert, um den christlichen "Paradigmenwechsel" nach "links" in der dritten Welt zu verdeutlichen. Christen in diesen Gegenden der Welt kuemmern sich ganz bewusst um die realen Probleme der Menschen. Und oft sehr erfolgreich. Das liegt auch daran, dass Christen, die dort "an der Basis" arbeiten, meist weniger korrupt sind, als die Mitarbeiter staatlicher oder privater Hilfsorganisationen.

Selbstverstaendlich gibt's in der dritten Welt auch katholische Hierarchen, gibt's Priester, denen es nur ums Geld geht und Nonnen, die nur ein angenehmes Leben wollen. Und es gibt auch Christen, die hauptsaechlich am Missionieren und weniger an Menschen interessiert sind: amerikanische Evangelikale beispielsweise. Und natuerlich gibt's auch in Europa sozial engagierte Christen (die, nach meinen Erfahrungen, oft irgendwann, in die dritte Welt uebersiedeln).

Das heutige "linke" Christentum in der dritten Welt hat eine lange europaeische Tradition:

von den franziskanischen Spiritualen und den Beginen im 13.und 14.Jahrhundert, ueber die Jesuiten der Indianerstaaten in Lateinamerika im 17.und 18.Jahrhundert, bis zu den franzoesischen Arbeiter-Priester im 20. Jahrhundert.


Und auch die autoritaeren Reaktionen der Hierarchie haben Tradition: Inquisition, Verbot, Unterdrueckung, Ex-Kommunion.
Kardinal Ratzinger hat 2000 versucht, mit der paepstlichen Erklaerung "Dominus Jesus" auch die Christen in der dritten Welt "auf vatikanischen Vordermann" zu bringen. Das ist ihm aber kaum gelungen.

Um es zusammenfassend und pointiert zu formulieren: in der dritten Welt gibt es heute ein praktisches und erfolgreiches "linkes Christentum". In Europa dagegen werden immer noch die Schlachten des 19. Jahrhunderts wiederholt: innerhalb der Kirche die Kaempfe zwischen Traditionalisten und Reformern, nach aussen die Auseinandersetzungen mit den Aufklaerern, Atheisten, Materisten etc.

Nur die Themen wurden etwas modernisiert. Im 19. Jahrhundert gings um die Legitimitaet politisch-sozialer Freiheitsrechte. Heute geht es um die Legitimitaet sexueller Freiheitsrechte, fuer die es im 19. Jahrhundert noch keine oeffentliche Sprache gab. Mehr hat sich in Europa nicht veraendert.

Zu den anachronistisch Diskutierern gehoeren auch die drei christlichen Provokateure, die in der FC ihr Unwesen treiben.
Darauf mit Argumenten einzugehen bedeutet, tote Fische zu erschlagen.


P.S. Ich habe mich auf die katholische Kirche konzentriere, weil ich da eigene Erfahrungen habe. In einigen protestantischen Kirchen gibt's aehnliche Stroemungen und Diskussionen.

07:52 25.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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