Model Prison oder Meditation ist nicht nett!

Folter und Stille Menschen, die meditieren sind friedfertig wenn auch etwas gaga, sagt man. Wirkt Meditation pazifierend? Muslime, die nicht meditieren, gelten jedenfalls als gefaehrlich.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

(Achtung! Der folgende Beitrag enthaelt ironische Formulierungen! Nur im Sitzen lesen.)

Die von Christen dominierte CIA hat Jihadis (sowas wie Muslime auf dem Kriegspfad) monatelang gefoltert, um ihnen einige Infos ueber ihre hinterhaeltigen Kumpel zu entlocken. Viel ist dabei nicht herausgekommen.

Die Agency hatte fuer diesen Job keine Kosten gescheut und KZ-Gefaengnisse in Uebersee und auf Kuba eingerichtet. Es ging schliesslich darum, den mental bedrohlichen Fanatismus dieser nine-eleven-Moerderband zu brechen. Auch nicht erfolgreich, wie die Berichte zeigen.

Die Amis haetten das vorher wissen koennen. Haetten nur die Poms fragen muessen.
Die haben naemlich ab 1830 in Port Arthur, an der Suedspitze Tasmaniens, fast 50 Jahre lang ein damals sehr "fortschrittliches" Gefaengnis betrieben. Fuer die ganz harten Jungs, die Wiederholungstaeter unter den nach Australien deportierten britischen Dieben und Rumtreibern und so.

Um die Ordnung in Port Arthurs zu wahren, wurden die Insassen in den ersten 15 Jahren angekettet und oeffentlich ausgepeitscht. Wenn's sein musste, auch zwei- oder dreihundert mal. Wer das ueberlebte war leider nicht gelaeutert, sondern galt als Held unter den Kumpeln. Irgendwie kontraproduktiv.

Eines schoenen Tages kam der Gefaengnis-Geistliche (!) auf die glaenzende Idee, die Jungs statt zu peitschen einfach wegzusperren.

Statt Kette und Peitsche ne kleine, dunkle Einzel-Zelle, statt gebruellter Kommandos 23 Stunden Stille, kein Ton vor der Tuer, nichts. 1 Stunde draussen. Allein im Kreis laufen mit Kapuze ueberm Kopf. Sonst normales Essen: Brot, Wasser und eine Tasse Rum pro Tag.

Nach zwei, drei Monaten spaetestens, waren auch die haertesten Brocken handzahm. Einige so sehr, dass man sie gleich nebenan in Verrruecktenasyl brachte. Dort mussten sie dann Pflastersteine viereckig kloppen.

"Model Prison" nannte sich die aeusserst erfolgreiche Einrichtung mit den stillen Zellen. War aber bereits kurz nach der Aufloesung 1877 in Vergessenheit geraten. Seitdem Tasmanien und Port Arthur touristisch aufbereitet werden, ist auch das "Model Prison" wieder zu besichtigen. Bei Touristen beliebter als jede mittelalterliche Folterkammer. Vom Schrecken ist nichts mehr zu sehen. Die Massnahmen waren auch ganz soft. Die Opfer hatte keine Narben, keine Wunden. Waren nur ein bisschen verrueckt nach der Behandlung.

Die bundesdeutsche Justiz, mit einschlaegigen Erfahrungen aus der juengsten Geschichte, hat uebrigens durchaus aehnliche Methoden bei der widersetzlichen RAF-Bande eingesetzt. "Isolationsfolter" wurde das damals von den Unterstuetzern genannt. Die Justiz hat sich davon nicht beirren lassen, sondern in Stammheim die hardcore RAFler in einem deutschen "Model Prison" untergebracht. Aber lassen wir das.

Die CIA Folterer wussten offensichtlich wenig von Stammheim, Port Arthur oder buddhistischer Praxis. In Guantanamo gab's zwar auch Isolation aber lange nicht so ausgekluegelt wie 150 Jahre zuvor in Tasmanien. Wer von den Amis entlassen wurde, galt unter seinen Jihadi-Kumpeln nicht als Verrueckter sondern als Held, wie weiland die Ausgepeitschten von Port Arthur oder der Buddha.

Augenblick mal. Was hat der Budddhismus mit der ganzen Knast-Geschichte zu tun? Der Buddha war bereits seit 2400 Jahren im Nirvana, als das "Model Prison" auf Tasmanien gebaut wurde! Das muss jetzt mal erklaert werden.

Vorher eine kurze Zwischenbemerkung.

Die aktuelle US-Folterpraxis, wie auch die der Briten in der Mitte des 19. Jahrhunderts habe ich grob verkuerzt. Das Leiden und die Schreie der Opfer kann man ueberall hoeren. Wenn man das will.

Mir geht's hier um etwas anderes.

Den "Eingeweihten" ist bei den Stichworten Dunkelzelle, Stille und Schweigen sicherlich die unbehagliche Naehe dieses Settings zur Meditation aufgefallen. Und zurecht.

So wie die Briten die Peitsche aufgaben, hat der Buddha die schmerzhaften Uebungen der Hindu Asketen abgeschafft. Statt endlosem Fasten, tagelangen Yoga-Verrenkungen, "Nagelbrett" und lebendig begraben werden, nur noch Meditation im Lotussitz. Durch Sitzen in der Stille koenne man die gleichen Einsichten erlangen, wie durch Hunger und Muskelkater, lehrte der Buddha.

Auch der Absprung ins Nirwana, den Hindu-Gurus erst nach vielen karmischen Schmerzen erreichen koennen, wurde demokratisiert. Jeder Buddhist hat ne Buddhanatur, die man lediglich in der Meditation erkennen muss, schon ist die Glueckseligkeit erreicht.

Hoert sich gut an. Wenn man aber Meditation im Lotussitz mal ausprobiert, schlafen nach 10 Minuten die Beine ein, und nach weiteren 10 Minuten, spaetestens, will man nur noch aufstehen. Meditations ist zum Verrueckt werden. Irgendwann faengt jeder an, zu halluzinieren. Schoene Gruesse aus dem Asyl in Port Arthur.
Gluecklicherweise sind selbst die lange Meditations-Kurse nach ner Woche vorbei.
Einige Tage spaeter sind die Teilnehmer wieder normal.

Doch warum soll man sich das antun?

Das "Projekt der Aufklaerung" und sein Konsequenzen, Umweltgefahren, nachhaltiges Leben und NGOs bieten genuegend Raum fuer aktives (manchmal quasi-religioeses) Engagement. Wem das "too much" ist, der kuemmert sich eben nur um leichte oder Anspruchsvolle Unterhaltung. Auch gut.

Wem's einem trotzdem mal an Nahrung fuer die Seele hapert, fuer den gibt's an der Volkshochschule den "Tiefentspannungs-Meditations-Kurs mit anschliessendem Austausch und Yogi-Tee umsonst".

Man kann sich in der lokalen Kirchengemeinde nuetzlich machen, oder seinen privaten Glauben pflegen. Auch der newsletter der erleuchteten Eso-Web-site oder ne Reise zu den Saddhus in Rishikesch, India helfen spirituell weiter. Selbst Trekking in Nepal, heisst es im Katalog, staerkt die Seele.

Bei Meditation geht's nicht um's Streicheln der Seele, sondern um die "Verlangsamung" der Gehirnfunktionen. Das ueblicherweise "herumwandernde", "herumhuepfende" Geist soll mal ne Pause einlegen.

Nur dann hat man naemlich eine Chance, dem Geist schon vor der Verfertigung von Gedanken gemaechlich zuzugucken. Das ist schliesslich das Ziel der Meditation.

Die Methode: sensorische Deprivierung.

Tagelang in einem halbdunklen Raum mit ca. dreissig Unbekannten 7 oder 10 Stunden bewegungslos rumsitzen, das ist das Setting. Keine sozialen Kontakte. Der Rest ist Schweigen.

Folter durch sensorisch Deprivierung erzeugt ziellose Bewegungen des Geistes und Halluzinationen, die Menschen nach einiger Zeit mental zerbrechen und/oder in den Wahnsinn treiben.

Um dieser Gefahr beim Meditieren auszuweichen wird gefordert, den Geist auf ein Thema oder einen "Gegenstand" zu fokussieren.

Christen verwenden oft das Jesusgebet, bei dem der Name Jesus als "Mantra" permanent wiederholt wird. Derartige Mantras gibt es in vielen Buddhistischen und Hinduistischen Schulen. Das bekannteste ist die "heilige" Silbe "OM".

Doch gerade die eintoenige Wiederholung des gleichen "Matras" kann Halluzinationen beguenstigen. Dieser Effekt wird oft als "religioese" Erfahrung interpretiert, die die Wirksamkeit religioesen Meditations-Praxis bestaetigt. Ein durchsichtiger Kurzschluss.

Zen Meditation fokussiert den Geist auf die Atmung und auf paradoxe Raetsel, die Koans. Halluzinationen werden Makyos genannt und sollen nicht beachtet werden. Naja.

Welcher Schule oder Richtung man auch anhaengt, was immer man macht oder glaubt, die "Verlangsamung" des Geistes durch haeufiges Meditieren tut weh. Darum ist Meditation alles andere als "nett".

Schmerz ist sehr real, zeigt mir ziemlich genau, wo ich gerade bin. Mein Knie, mein Ruecken, meine Schultern, alles schmerzt in der Meditation.

Diesen Schmerz nicht als Stoerung zu bekaempfen, sondern als Realitaet langsam zu akzeptieren, ist das Grundmuster der Meditation.

Nein, man muss nicht Masochist werden. Der Schmerz hoert nach einigen Monaten Meditation weitgehend auf.

Doch es gibt viele andere Probleme, Krach im Beruf, Armut, Unzufriedenheit, Angst, Tod etc. die uns das Leben vergaellen und so die Meditation beeintraechtigen koennen.
Auch diese "Stoerungen" kann man nach und nach akzeptieren. Dennoch, ein Weg ohne Ende.

Meditation ist das "Model Prison" des Buddha. Er hat gemeinerweise auch empfohlen hat, einen mittleren Lebensweg einzuschlagen, ohne genau zu sagen was das ist. Durchlavieren ist jedenfalls nicht gemeint, sondern eine ernsthafte, oft verzweifelte Suche.

Wirkt Meditation pazifierend? Wer weiss.

20:54 04.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

Kommentare 169