Nukleare Krieger beobachten den Cyber-Space.

Gefaehrliche Dummheit. In München debattierten "Sicherheits"-Experten, die Un(Möglichkeit) nuklearer Kriege. Die Gefahr, dass Atomwaffen bei Cyber-Angriffen eingesetzt werden, war kein Thema.
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Wenn ueber Krieg, zumal nuklearen Krieg, geredet wird, sollte man Politikern, ihren Helfershelfern und insbesondere den Medien gar nichts glauben. (Sonst auch nicht, aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Beispielsweise Herr Ischinger. Deutscher Diplomat und Organisator der Münchner Sicherheits-Konferenz. Er meint: "Wir haben noch nie seit dem Ende der Sowjetunion eine so hohe Gefahr auch einer militärischen Konfrontation von Großmächten gehabt".
Der Mann hat Recht. In den 90er Jahren hatten die USA Russland militärisch kastriert. Die USA konnten danach ungestört in West- und Mittelasien Kriege führen. Mit zehntausenden ziviler Opfer. Das ist heute anders. Russland ist wieder ein geopolitisch-nuklearer Konkurrent, der den militärischen Spielraum der USA begrenzt. Unangenehm für die GI's mit dem Lametta. Gefährlich ist das aber nur , wenn man unterstellt, Russland waere geopolitisch unzurechnungsfähig.

Die heutige Gefahr eines nuklearen Krieges ist mit der Situation in 90er Jahren also kaum zu vergleichen.

Ernest Moniz, hochrangiger Mitarbeiter Obamas fuer nukleare Kontrolle, verwendet einen anderen Vergleichszeitraum. Er meint, "the chance of nuclear use is higher than it’s been since the Cuban missile crisis”. Stimmt, die Parallelen zum Herbst 1962 sind tatsächlich verblüffend.

Damals wie heute fordert ein Kleinstaat mit "Atomraketen", unterstützt von einer Großmacht, die USA heraus. Beide Male fühlen sich die USA bedroht und wollen mit einem nuklearen Angriff diesen Kleinstaaten "weg pusten". Doch Präsident Kennedy wie auch Trump werden von ihren Generälen davon überzeugt, dass ein nuklearer Krieg auch die USA vernichten würde. Kennedy wollte das zuerst nicht glauben und setzte "die Maschine" in Gang, die dann noch rechtzeitig gestoppt wurde. Wenig später hat das militärische US-Establishment diesen "unsicheren Kantonisten" erschossen. (Vermutlich. Genaues weiß man nicht.)
Heute wird das anders gefingert. Um neuen Trump-Risiken vorzubeugen, hat das Militär ein paar eigene Leute ins Weise Haus abkommandiert. Seitdem ist Ruhe im Karton. Ziemlich.

Die Gründe für die Zurückhaltung der USA, einen nuklearen Krieg zu beginnen, sind nachvollziehbar.

Trotz aller westlichen Siegesmeldung war die Kubakrise nämlich eine herbe Niederlage fuer die USA. Die US-Mittelstrecken-Raketen in der Tuerkei und in Italien, die das Staatsgebiet der SU (vermutlich auch Moskau) haetten erreichen koennen, mussten abgebaut werden. Nur dann war die SU zum Raketen-Rückzug von Kuba bereit.

Im Konflikt mit NK geht's sicher auch um die aufgemotzten Schrottraketen aus sowjetischen Bestaenden, mit denen Jong-un medienwirksam herumschiesst. Gefaehrlich sind diese Dinger nicht, aber die USA haben keine militaerische Option, werden von Jong-un "vorgefuehrt" und koennen nur schimpfen.

Doch es gibt geostrategische Parallelen zwischen der Kuba- und der NK-Krise, die für die Welt weit gefaehrlicher waren bzw. sind.

In den 50ern und 60er Jahren hatten die USA aber den Eindruck erweckt, dass ihre nuklearen "Faehigkeiten" denen der "Russen" weit ueberlegen waeren.

Spaetestens der Sputnik-Schock 1957 zeigte aber, das russischen Interkontinental-Raketen deutlich weiter flogen und zuverlaessiger funktionierten, als die der USA. Das hatte u.a. Juri Gagarin bewiesen, der 1961 diverse Mal die Erde im Weltall umrundete. Die staerkste US-Rakete dagegen konnte den Astronaut Alan Shepard 1961 nur zu einen kurzen 15 Minuten Huepfer in den Weltraum befoerdern. Der technologische Rueckstand der USA gegenueber der SU war unuebersehbar. Den Interkontinental-Raketen der SU waren die USA "ausgeliefert".

Erst mit der Mondlandung hatten die USA und die SU in etwa gleichwertige interkontinentale Raketen.

Diese Form der Waffengleichheit hat sich bis heute nicht geaendert. 2011 haben die USA, mit der Einstellung der Shuttle Fluege, zwar ihre Dominanz im Weltraum verloren. Kommerziell entwickelte Nachfolge-Shuttle sollten ab 2015 bereit stehen. Es gibt sie bis heute nicht. So hat Russland hat das Monopol fuer den Transport von Menschen in den Weltraum.

Das alles ist aber nicht mehr entscheidend, weil der technologische Wettlauf nicht mehr im geographischen "Space", sondern im elektronischen Cyper-Space der Grossrechner und Clouds stattfindet. Schon jetzt sind alle grossen und kleinen Organisation der Welt von ihren Computern abhaengig. Die Automatisierung weiterer gesellschaftlichen Bereiche, vom Verkehr, ueber Medizin, Verwaltung, Kommunikation, Aktienhandel, Polizei und Militaer erfordert zunehmend groessere HPC, High-Performance Computer, als Rueckgrat des Cyber-Space.

Im Grunde geht's nur um Daten, die gesammelt und verarbeitet werden. Teilweise sind die Daten aber auch fuer andere Akteure wichtig bzw. "erstrebenswert". Das hat eine neue Form des Krieges generiert, der wie "konventionellen Kriege" asymetrische gefuehrt wird. Staatliche und nicht-staatliche Kombatanten sind kaum zu unterscheiden. "Hacker" und "Sicherheits-Experten" verwenden wie andere "Krieger", ganz aehnliche "Waffen": Grosscomputer und Programmiersprachen.

Die Informations-Technologie, die den Cyber-Space "aufspannt" ist ein Milliarden Dollar Markt, der bisher von US-Konzernen dominiert wird. Die Konkurrenten Russland und China sind kommerzielle weniger erfolgreich. Im Cyber-Krieg werden jedoch nicht nur materielle Interessen verfolgt. Oft geht's um "Unterwanderung", Zerstoerung oder Stoerung konkurrierender Systeme. (Um es mal neutral zu formulieren.)

Die vielen aggressiven Aktivitaeten im Cyber-Space haben eine gefaehrliche Nebenwirkung.

Der oben zitierte Obama Berater fuer nukleare Abruestung, Ernest Moniz meint, dass ein Cyber-Angriff auf die lebenswichtige Infrastruktur eines Landes, einen nuklearen Angriff auf die "Hacker", bzw. deren Auftraggeber ausloesen koennte. [He] "added that widening the conditions of nuclear use to include cyber-attack was particularly worrisome as it is rarely absolutely clear who was responsible for such attacks. "

Das Beispiel des Irak-Krieges zeigt, das den USA bereits vage Hinweise auf eine moegliche "nukleare" Bedrohung ausreichen, um militaerisch loszuschlagen. Die Aufregungen des US-Establishments ueber die "russischen" Hacker, die die "Demokratie unterhoehlen", zeigen einerseits die diffusen Bedrohungsaengste, die vom Cyber-Space ausgehen. Andererseits wird schnell ein potentielles "Ziel" definiert, um die Angst (moeglichst militaerisch) "bewaeltigen" zu koennen.

Die "russischen" Hacker-Hype, wie auch die oeffentlichen Hinweise von Moniz muessen daher als militaerische Drohung der USA an die geopolitischen "Konkurrenten" gelesen werden. Sollten die Grossrechner der strategischen Infrastruktur der USA, der FED, des Weisse Hauses oder gar die Steuerung der verbunkerten Atomraketen, aus dem Cyber-Space angegriffen werden (von wem auch immer) wird losgeschlagen. Vermutlich mit "kleinen" nuklearen Sprengsaetzen, wie Moniz andeutet. ("The use of a new class of submarine-launched smaller weapons seems to us to just add to the issues of miscalculation,” Moniz said.)

Wellcome im Cyber-Krieg. Der ist im Grunde nicht gefaehrlicher ist als die nukleare Abschreckung im kalten Krieg. Doch nach der Kuba-Krise wurden bekanntlich Absprachen getroffen, die einen zufaelligen oder irrtuemlichlichen "Zweitschlag" der USA oder der SU fast 40 Jahre lang verhindert haben. Solche Absprachen zum Krieg im Cyber-Space gibt es bisher nicht. Dort kann es jederzeit zu einer Eskalation kommen, die eine nukleare Reaktion ausloesen koennte.

Die Vorstellung, dass schon wieder ein "Spiel mit dem nuklearen Tod" begonnen hat, ist beaengstigend.

PS

Ich habe die Analyse bewusst auf Bedrohungen, die von den USA ausgehen, beschraenkt. Das Land ist eine Grossmacht im Niedergang, ein "Koloss", der zunehmend unvorhersehbar agiert. Ironischerweise sind es US-Generaele, die noch in gewisses Mass an Rationalitaet herstellen. Auf Dauer wird das nicht ausreichen.

Die Rolle der Big-Money-Akteure im Kalten Krieg wie im Cyber-Krieg habe ich vernachlaessigt. Die agieren derzeit ziemlich widerspruechlich. Sie wollten einen Golem machen, aber es wurde ein Zauberlehrling daraus, den die Koch's und Mercer, die Zuckerbergs et al., kaum noch unter Kontrolle kriegen.

21:26 01.03.2018
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Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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