Sind Buddhisten die besseren Menschen?

Wunder im Himalaya. Bhutan ist ein Umwelt-Paradies: Das halbe Land ist Naturschutzgebiet. Ausschliesslich Öko-Tourismus. 80% Wald. 80% Buddhisten. Friedliche Leute, aber auch ökologisch?
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Fuer Ross Jeffree, Professor an Sydneys Technischer Universitaet, ist das keineFrage. Er hat die Umweltsituation in Bhutan untersucht. Verglichen mit den Nachbarstaaten Indien und Nepal ist Bhutan tatsaechlich ein Umwelt-Paradies.

Das Land absorbiert doppelt soviel CO2 wie es produziert. Negativer CO2 footprint, wo gibt's das sonst? Der umweltschonende Tourismus ist teuer fuer die Besucher: 200$ pro Tag kostet allein das Visum. Mit diesen Einahmen werden u.a. Bauern entschaedigt, deren Yak ein Schnee-Leopard (nein, nicht der von Apple, ein richtiger) gefruehstueckt hat. Jeder Bhutanese ist im Gegenzug verpflichtet seine Umwelt zu schuetzen. Und das scheint zu klappen.

In den Nachbarstaaten dagegen, wird die Umwelt gedankenlos zerstoert.
Die Bergsteiger- und Trekking-Industrie in Nepal fordert nicht nur Menschenopfer, sondern ruiniert auch die fragile Oekologie des Himalaya.

Indien und China haben im Himalaya ihre strategisch wichtigen Militaerstuetzpunkte ausgebaut und streiten um das Wasser, das aus dem Himalaya abfliesst.

In der Mitte diese oekologischen Infernos: Bhutan. Die spirituelle Tradition ist die Voraussetzung der beispielhaften Oekologie Bhutans, schreibt Prof Jeffree. Die buddhistisch-shamanistische Religion Bhutans achtet naemlich die Gleichwertigkeit alles Lebendigen, der Pflanzen, Tieren und Menschen.

Die Hindus in Nepal und Indien dagegen glauben an eine "Pyramide des Lebens". Wer als Mensch versagt, wird auf einer der unteren Stufen des Lebens wiedergeboren, als Wurm oder Ziege beispielsweise.

Diese - etwas vereinfachte - spirituelle Differenz zwischen Buddhisten und Hindus scheint das oekologische Wunder Bhutan und die Differenz zu den hinduistischen Nachbarn gut zu erklaeren.

Sind Buddhisten also die besseren Oekologen?

Vielleicht in Bhutan nicht aber in anderen Buddhistisch gepraegten Staaten Suedostasiens.
In Sri Lanka beispielsweise (ca. 70% Buddhisten), ist der Ur-Wald weitgehend abgeholzt. Die tropische Baeume wurden vermarkte und stattdessen lukrative Tee-Plantagen angeleget.
Die Resultate sind nicht ueberraschend: Bodenerosion, Ueberflutungen, eine zunehmende Zahl gefaehrdeter Pflanzen und Tiere.

In Myanmar (Burma) sind beinah 90% der Bevoelkerung Buddhisten. Waehrend der Militaerdiktatur fehlte das Kapital, um die wertvollen Baeume des Landes zu faellen und zu exportieren. Nach der Demokratisierung kamen auslaendische Investoren, um den tropischen Wald gegen gutes Geld ausser Landes zu bringen. Buddhisten haben sich den Generalen wiedersetzt, nicht aber dem Raubbau an der Natur.

Das oekologische Wunder Bhutan mag eine Ausnahme sein. Den Bhutanesen wird aber auch nachgesagt, dass sie friedlicher und freundlicher sind als ihre Nachbarn. Das ist doch ein grosser Vorzug des Buddhismus!

Sorry, wenn man genauer hinsieht, sind auch ueberwiegend buddhistische Staaten gewalttaetig.
Vor allem nicht-buddhistische Minderheiten werden unterdrueckt oder vertrieben: Hindus in Bhutan, Muslime und Tamilen in Sri Lanka, Muslime in Myamar und Thailand.
Und in Japan haben Zen-Buddhisten den chauvinistischen Militarismus wahrend des Zweiten Weltkriegs aktiv unterstuetzt. Auch nicht sehr menschenfreundlich.

Buddhisten sind also oekologisch unzuverlaessig und nicht sonderlich friedfertig, scheint es. Aber ich will nicht verallgemeinern.

Es gibt selbstverstaendlich die oekologisch interessierten, friedensfreundlichen Buddhisten, die sich jeden Dienstagabend zum Rezitieren von Sutras und zum Meditieren in der lokalen Volkshochschule treffen und hinterher eine Runde Yogi-Tee trinken.

Apropos. Nein, nicht Yogi-Tee und auch nicht rezitieren, apropos meditieren.
Es gibt naemlich, wie unterschiedlich die Buddhisten auf der Welt auch sind, eine Gemeinsamkeit: alle meditieren.

Die Instruktionen sind unterschiedlich, die Dauer und die Rituale auch. Im Grunde aber gehts bei allen Formen der Meditation immer um das Gleiche:

Man setzt sich irgendwo hin und tut nichts, gar nichts.

Alles abgeschaltet. Das Buch weggelegt, Smartphone, Fernseher und Videoplayer auf standby. Rumsitzen also, bis der Geist aus lauter Langeweile Unterhaltung produziert. Dieses geistige Programm soll man als Meditator sanft abbrechen, mental wegschieben und stattdessen wieder langweilig rumsitzen, bis der Geist erneut Unterhaltung produziert. Und so weiter. Nicht sonderlich attraktiv fuer Menschen des 21.Jahrhunderts.

Diese primitiv anmutenden Form geistiger Beschaeftigung ist auch schon 2500 Jahre alt und wurde damals vom Buddha seinen indischen Juengern als Weg zur Erleuchtung empfohlen.

Heute sind es Neurologen, Psychiater, Chirurgen, Muettern, Priester, Management-und Fussball-Trainer, Stressberater und andere Menschenfreunden, die ihren jeweiligen Klienten nahelegen, taeglich zu meditieren . Weils gut ist fuer die Psyche, heisst es, entspannend und ueberhaupt.

Ist die wohltuende Wirkung der Meditation wieder nur ein Mythos, wie die Friedlichkeit und das Umweltbewusstsein der Buddhisten? Sind Buddhisten gar keine besseren Menschen?

Ja und nein.

In Bhutan fuehlt sich die Buddhistische Bevoelkerung tatsaechlich fuer die Umwelt verantwortlich, das hat dieser australische Professor ja nicht erfunden.

Und Buddhisten, welcher Richtung sie auch angehoeren, gehen meist friedlich miteinander um, was man von Muslimen, Juden und Christen ja nicht sagen kann.

Aehnliches gilt fuer Meditation. Wenn man ernsthaft und regelmaessig (taeglich 10 Minuten oder so) meditiert, ist dasnach einiger Zeit sicher hilfreich. Man kann's ja ausprobieren. Richtig schaedlich ist Meditation jedenfalls nicht.

Nachsatz:
Es war eine langen Tour: von Sydney zur unberuehrten Natur Bhutans und weiter durch oekologische und menschliche Disaster im buddhistischen Suedost- und Ostasien sind wir jetzt wieder in der lokalen Volkshochschule angekommen. Es ist Dienstagabend. Setzen wir uns doch dazu und meditieren eine Runde vor dem Yogi-Tee.





07:28 04.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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