Thailändische Landarbeiter sterben in Israel

Tod auf Arbeit. Nepalis, die auf WM22-Baustellen in Quatar starben, haben weltweit Empörung ausgelöst. Gleich um die Ecke, in Israel, erleiden junge Thailänder ein ähnliches Schicksal.
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Landwirtschaft in Israel, war mal ein Mythos. Wie Moses, der Wasser aus den Felsen schlug, wurde die Negev Wueste bewaessert und furchtbar gemacht. Arbeitseinsatz im Kibbuz, tagsueber Orangen pfluecken, abends Hawa-Nagila als Rundtanz ums Lagerfeuer. Kein Privateigentum, Kibbuz-Eziehung, Freizuegigkeit... das alles war fuer Jugendliche aus dem piefigen Europa attraktiv. Viele machten sich damals auf den Weg.

Alles Vergangenheit. Heute fallen jungen Leute (wie meine Nichte) eher in Queensland, Australien, von der Leiter. Beim Mango-fruit-picking. Work and travel. Cool.

Und wer macht derweil die Arbeit in Isreal?

Nunja, die Kibbuz sind auch nicht mehr was sie mal waren.

Wie ueberall in der ersten Welt bestimmen auch in Israel nicht mehr Ideale aus dem 19. Jahrhundert den Alltag, sondern Geld, Pinkepinke, Kohle, usw.

Farmer wirtschaften in den Moshav-Gemeinschaften auf eigene Kosten und muessen sehen wo sie bleiben. Statt der Orangenfreiwilligen von anno dunnemals gibt's jetzt junge Knechte aus Thailand fuer die Drecksarbeit. Alles ohne Hawa Nagila und ohne Lagerfeuer. Stattdessen stirbt ab und zu mal einer der Thais. Tod auf Arbeit sozusagen.

Die Nepalis, die fuer die weltweiten Fussballfans in Qatar die Stadien bauten hatten skrupellose Menschenhaendeler von Asien in den Nahen Osten gebracht.

Eigentlich nicht dramatisch und fuer alle Beteiligten ein Gewinn, meinten die westlichen Mainstream Medien.

Arbeitskontraktvermittler werben die Leute an, sorgen fuer die Formalien, dolmetschen und kriegen dafuer eine Provision. Alles legal und freiwillig. Die Arbeitgeber kriegen billige Arbeitskraefte. Die jungen Leute verdienen mehr als zu Hause und koennen so ihre Familien unterstuetzen. Alles oK. Im Kapitalismus ist jeder seines Glueckes Schmied!

Ganz so wunderbar ist die Sache allerdings nicht.

Die angeheuerten Arbeitskraefte stammen nicht aus Afrika oder Osteuropa, sondern aus buddhistisch gepraegten Laendern. Sie sind daher eher friedlich, geduldig und an Strapazen gewoehnt. Dennoch sterben immer wieder einzelne auf Grund der unertraeglichen Arbeitsbedingungen, an ueberlangen Tagesarbeitszeiten, menschenunwuerdiger Unterbringung, schlechter Ernaehrung, mangelhafte medizinische Versorgung usw.
Hinzu kommt, dass die jungen Leute an ihren Arbeitgeber gebunden sind. Dafuer sorgt der Menschenhaendler, sorry, der Arbeitskontrakt-Vermittler.

Dies alles gilt, wie gesagt, nicht nur fuer Bauarbeiter in Qatar, sondern auch fuer die jungen Thailaender in der israelischen Landwirtschaft.
Human Right's Watch (HRW) hat die menschenunwuerdige Behandlung der Thais in Israel in einem detaillierten Bericht dokumentiert. Die BBC hat nachrecherchiert und den Bericht bestaetigt.

Erschrecken ist vor allem die Gleichgueltigkeit der Behoerden in Israel.

"Tja, wenn ein Farmer oekonomische Probleme hat, muessen die Thais eben mehr arbeiten", meinte ein Beamter der Arbeitsverwaltung.

Viele der 122 tote Thais (2008-2013) sind offizielle an einer "unerklaerlichen" Ursache gestorben, meist wurden sie gar nicht erst obduziert.

Ein Drittel, heisst es, sind an einem hoechst seltenen Syndrom (Sunds) gestorben, dass zum ploetzlichen Herzstillstand im Schlaf fuehrt. Das sei bei Thais genetisch bedingt, sagen die Polizei und andere Behoerden in Israel.

(Fuer weitere Einzelheiten bitte bei HRW weiterlesen oder die Kurzfassung auf BBC online. Links s. oben)

Vier Schlussbemerkungen:

1. Ich vergleiche die Behandlung der Thais in Israel nicht (auch nicht implizit) mit der "Vernichtung durch Arbeit" in den deutschen Konzentrations Lagern. Dort war der Tod das Ziel der Sklavenarbeit.
Der Tod eines thailaendischen Landarbeiters auf einer Farm in Israel ist ein toedlicher Arbeitsunfall. Sowas passiert ueberall auf der Welt, vielleicht nicht ganz so haeufig wie in Israel.

2. Der Menschenhandel mit billigen Arbeitskraeften wird (im Kapitalismus) systemimmanent gerechtfertigt, ist also formal kein Verbrechen. Auffaellig ist aber, dass die Arbeitssklaven im Nahen Osten nicht aus Afrika oder Osteuropa rekrutiert werden, sondern aus den buddhistisch gepraegten Laendern Suedostasiens. Warum?

3. Traditionelle Buddhisten sind bereit, sich fuer ihre Familien aufzuopfern, sie sind eher friedlich, gutglaeubig und vertrauensselig. Darum sind Buddhisten fuer die Menschenhaendler leichte Opfer.
Die Abnehmer im Nahen Osten wissen natuerlich auch, dass ihre Sklaven aus Thailand oder Nepal kaum Widerstand leisten und reiben sich die Haende.

4. Die Beispiele in Qatar und Israel zeigen aber auch, dass Menschen aus buddhistischen Laendern den zielstrebig-aggressiven Abrahamiten mental und materiell deutlich unterlegen sind. Auch ein clash of cultures.

01:58 01.02.2015
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Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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