Viele Tote - viel Gier, viel Geld und Klagen

Sterben heute. Oeffentliches Sterben ist immer eine Sensation. Je mehr Tote desto besser. Gibt's ein perverses Vergnuegen am massenhaften Tod? Was steckt dahinter? Ist es Schadenfreude?
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Ist es die angstluesterne Identifizierung, der Kick: es hat einen Anderen getroffen, nicht "little me"?

Reportagen ueber Flugzeugabstuerze und Erdbeben, ueber eine Fabrik, in der Frauen verbrennen, Buergerkriege oder militaerische Strafaktionen: Tote haben immer Konjunktur. Mehr, mehr, mehr, schreit der kleine Haewelmann vor dem TV-Set.

Was steckt hinter dieser Sucht? Mal etwas genauer hinsehen: von Null bis Drei.

Null: Die Politik des Todes.

Kein einziges Wort dazu. Nichts. Schnellstes Schweigen. Aber dalli.


Eins: Die pekuniaere Seite des Todes

Hinter der duemmlich-duennen Kulisse medialer Lust und Gier geht's gar nicht um die lieben Toten, sondern ums liebe Geld.

Ganz wie im richtigen Leben. Bei aller Trauer um den tote Erbonkel - wichtiger ist, dass der Enkel durchs selige Absterben vorm Konkurs gerettet wurde. Beispielsweise.

Auch bei Flugzeugabstuerzen gibt's ganz schoen was zu erben. Man nannte das frueher Blutgeld. Pro toter Nase zwischen 175.000 und einer Mio US-Dollar.

Bei 200 Toten und mehr kuemmern sich Ami-Anwaltsfirmen darum, moeglichst viel Geld fuer die trauernden Hinterbliebenen rauszuschlagen. Gegen 30% Provision natuerlich. Natuerlich.

Auch wenn's mal weniger Entschaedigung gibt, nur vier oder fuenf Tausend Dollar pro verbrannter Fabrikarbeiterin in Bangladesch oder Pakistan, sind die Provisionen bei 500 oder 1000 Toten hoch genug, um Anwaelte zu interessieren.


Auch tote Afghanen koennen selbstverstandlich mit Geld rechnen, wenn sie aus Versehen von der Bundeswehr umgebracht wurden. Selbstverstaendlich.

Fuer tote Palestinenser gibt's dagegen kein Blutgeld, keine Entschaedigung, keine Anwalts-Provision. Diese Leute sind einfach nur tot. Selbst Schuld. Fuer die toten Zivilisten in Irak, Syrien, Somalia, Nigeria, die irgendwelchen Kaempfern in die Quere kamen, gibt's auch kein Geld. Waren eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Jetzt tot. Kismet. That's life.

Soweit so gut, oder eher nicht. Aber Geld ist bekanntlich nicht alles auf dieser Welt.


Zwei: Die Totenklage

Damit ein Toter Geld bringt, muss man ihn nicht vorzeigen. Normalerweise reicht der Totenschein.
Trotzdem gibt es ein unstillbares Verlangen von Angehoerigen nach der Leiche, den Gebeinen ihres Toten.

Den eigenen Toten zurueckzubekommen ist aber oft schwierig, weil die Toten nicht selten in Einzelteilen durcheinander liegen, nach Flugzeugabstuerzen oder Volltreffern der schweren Artillerie beispielsweise. Trotzdem wollen und bekommen die Angehoerigen einen Sarg mit ihrer Leiche. Warum? Wegen der Totenklage natuerlich. Fuer's Klagen braucht man die eigene Leiche und nicht eine fremde.

Und dann geht's los. Im Morgenland ist die Totenklage deutlich expressiver und farbiger als im Abendland. Um dieses mitteleuropaeische Defizit auszugleichen, wurde die Totenklage frueher outgesourced. An professionelle Klageweiber. Gegen ein kleines Aufgeld haben diese Damen auch gern Teile ihrer Oberbekleidung zerrissen.

Inzwischen ist dieses Taetigkeit fuer ungelernte, aeltere und weibliche Arbeitskraefte (eine Problemgruppe jeder Arbeitsargentur!), wie viel anderer Formen des traditionellen Gelderwerbs, ausgestorben. Heute wird darum im Abendland nur leise weinend, im stillen Kaemmerlein geklagt.

Doch, 'helas, auch in dieser schoene Brauch ist heute von Betrug unterwandert. Im Sarg, der den Angehoerigen uebergeben wird, sind oft genug nur Wackersteine, oder -fast noch schlimmer - die zusammengestoppelten Koerperteile eines Leichenfeldes. Da koennten sich die Angehoerigen schon freuen, wenn sie auch nur einen Zeh ihres lieben Verblichenen im Sarg finden wuerden!

Ueberlassen wir diese makaberen Geheimnisse der forensischen Praxis und wenden uns wieder der Klage um unsere lieben Toten zu.

Hm. Warum das denn das schon wieder? Oder geht's jetzt endlich um Religion&Tod?


Drei: Die Antwort ist, (wie alles heute) "made in China"

In einer alten chinesischen Story kommt ein taoistischer Meister etwas verspaetet zur Totenzeremonie fuer einen Kollegen. Die Schuelerinnen und Schueler des Verblichenen heulen und wehklagen, jammern und schluchzen. Rotz und Wasser wohin das Auge reicht.
Da schreit der taostische Meister drei Mal, ziemlich laut, unueberhoerbar und geht.

Verblueffung in der Trauergemeinde. Schliesslich rafft sich einer der Leidtragenden auf, rennt dem Meister hinterher und fragt hoeflich (ja, so sind die Chinesen, selbst in Ausnahmesituationen!) was es denn, bitteschoen, mit dem Geschrei auf sich habe.
"Hat euer Meister gesagt, dass ihr seinen Tod beklagen sollt?"
"Nein, aber, aber", stottert der Schueler, "das gehoert sich doch so!"
"Ha, ha, ha", lacht der Meister und geht seiner Wege.

14:13 22.07.2014
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Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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