Wenn der Tod wichtiger ist als das Leben

Deeskalation. Es passiert täglich. Junge Leute töten sich mit Sprengstoff inmitten ihrer Feinde. Die Absicht ist, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. Immer Eskalation!
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Japanische Piloten steuerten ihre hochexplosive Kamikaze Bomber im Sturzflug auf feindliche Schiffe und Stuetzpunkte und toeteten Tausende ihrer amerikanischen Feinde.

Diese Form des militaerischen Angriffs wird heute vor allem in Buergerkriegen verwendet. In Bagdad, Kabul, Damaskus sind Suizid-Bomber unterwegs. Jetzt auch in Westeuropa.

Die medialen Verarbeitung dieser toedlichen Ereignisse als "War on Terror" ist Kriegsberichterstattung.

Die Angreifer sind ruecksichtslose Fanatiker oder Verfuehrte. Die eigenen Tote werden wie soldatische "Verluste" bis auf den letzten "Mann" genau gezaehlt. Je mehr, desto tueckischer der Gegner. Die Bilder zeigen, wie beim Militaer ueblich, nur Ueberlebende, nicht die Toten.

Polizei und Geheimdiensten filtern und dramatisieren alle Informationen , um Effizienz zu beweisen und um mehr Geld zu bekommen.

Politiker verkuenden Ihren "Abscheu" und versprechen dies und das.
Manchmal wird das "Zusammenstehen im Angesicht der schrecklichen Ereignisse" gefordert. Nach dem Charlie-Anschlag wurde gar ein 50m Trauermarsch der Weltelite fuer die Medien inszeniert.

Eingebetteter MedieninhaltFrau Merkel hat diese Peinlichkeit gerade unterboten, indem sie verkuendete, die "Taeter" in Bruessel seien "Feinde aller Werte, für die Europa heute steht".
Mitnichten, Gnae' Frau. Wir erinnern uns an Ihr Paktieren mit dem Diktator Erdogan vor ner guten Woche. Zynischer waren die Bomber in Bruessel auch nicht.

Schwamm drueber. Mir geht's nicht um die "Entlarvung" von maechtigen Damen&Herren.
Auch nicht um die vielfaeltigen Debatten ueber die Hintergruende, Ursachen und die Schuldigen der "Anschlaege".

Im Beitrag von Jakob Augstein , "Fatale Eskalation" in der FC, wurde das alles ausgiebig beschrieben und heftig kommentiert. Nur wenige dieser Kommentare beschaeftigten sich mit Deeskalation.

Darum geht es hier.

Die "Verarbeitung" der toedlichen Ereignisse durch Buerger, Frauen und Maenner, die mittelbar oder unmittelbar betroffen sind, ist mir wichtig. Aus dieser Trauer, Hilflosigkeit, Wut und Angst koennten m.E. Ansaetze zur Deeskalation entstehen.

Voraussetzungen dafuer sind Perspektivenwechsel und eine andere Sprache, die ich versuchen will.


Perspektivenwechsel eins: Tod und Trauer

Auf die vielen Toten in Paris und Brussel reagieren Exil-Arabern und die Mehrheitsbevoelkerung weniger unterscheidlich, als es auf den erste Blick erscheinen mag. Schliesslich lebten alle Toten in Europa, viele in der gleichen Region und waren deshalb zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

Die arabischen Toten waren meist in den Ghetto's der Vorstaedte aufgewachsen. Eine religioese Sinngebung ihres Todes als Martyrium haben nur die Hardcore-Militanten in Nahost versucht.
Das Trauerritual der Familie in Brussel, fuer den toten Sohn, den Enkel, den Onkel, verbindet sich vor allem mit Befuerchtungen. Wie werden die europaeischen Nachbarn, die Polizei, die Behoerden jetzt reagieren? Das Leben fuer arabische Familien in Europa wird bestimmt noch schwieriger werden. Nichts hilft gegen die Angst, die die Trauer verdraengt.

Auch fuer die anderen, die "eigenen" Toten in Bruessel gibt es keine sinnstiftende Interpretation. Die Toten sind unschuldige Opfer sinnlosen Toetens. Heisst es.
Nur reden, glotzen und sich aufregen reicht nicht. Mitgefuehl zeigen. Kerzen, Blumen, Stille, das alte, eigentlich laengst vergessene christliche Todesritual. Manchmal wird gar ein Kreuz errichtet.

Eingebetteter MedieninhaltDrumherum stehen die Menschen, wie frueher in den Kathedralen, schweigend. Doch die zelebrierten Rituale troesten nicht mehr, sind leer. Nur schoen im Fernsehen, schoen wie x-te Wiederholung von High Noon. Nichts hilft gegen die Angst, die die Trauer verhindert.

Perspektivenwechsel zwei: die "Seele" Europas

"Angst essen Seele auf" heisst der Film von Fassbender ueber Distanz und Naehe zwischen Einheimischen und Fremden.

Die "Seele" der europaeischen Zivilisation, in Jahrhunderten entstanden und immer wieder bedroht, wird von den unbetrauerten Toten in Paris und Bruessel aufgefressen. So wie in der griechischen Tragoedie oder in einem Zombi-Film.

Eine Rettung der "Seele" durch quasi-religoese Rituale oder sozial-humanistische Deutungen zu versuchen, ist aussichtslos. Daran zu glauben naiv.
Nicht alle europaeischen Muslime werden einen nur friedfertigen Islam akzeptieren. Nicht alle Europaer werden zu den Idealen der Aufklaerung oder in den "Schoss der Kirche" zurueckzukehren.

Aehnlich aussichtlos waere es, die guten Geschaefte aller Oel-und Waffen-Konzerne, die von den Buergerkriegen im Nahen Osten profitieren, zu stoppen (wie auch immer).

Auch Re-Education und die Erziehung der Jugend zu Toleranz und Mitmenschlichkeit zwischen unterschiedlichen Kulturen ist ein Langzeit-Projekt, das wie fruehere bereits, scheitern wird.

Diese und aehnliche Vorhaben koennen die "Seele" Europas vermutlich nicht mehr retten.

Wege der Deeskalation

Die Konsequenzen des Freund-Feind Denkens zeigt bereits der antike Mythos von Kreon, dem Koenig von Theben. Er verbietet Antigone, ihren Bruder Polineikes zu begraben. Der hatte die Stadt attackiert und lag seit Tagen tot vor den Mauer. Antigone hat ihren Bruder trotz des Verbots begraben und Kreon laesst sie einmauern. Sie toetet sich selbst, danach sterben auch Kreon's Ehefrau und sein Sohn von eigener Hand.

Sophokles zeigt damit, gleich zu Anfang der europaeischen Zivilisation, dass ohne Trauern und das Begraben der Toten, Menschen nicht leben koennen.

Zum zweiten macht er deutlich, dass Kreon's Verlangen nach Vergeltung nicht zu mehr Sicherheit fuer Theben fuehrt, sondern geradewegs in den Untergang.

Diese Einsichten, habe ich als "Perspektivenwechsel" auf die Gegenwart bezogen. Es sind unverzichtbare Voraussetzung von Deeskalation, sind "vertrauensbildende Massnahmen", die kriegserstarrten Diskurse ueber den "Terrorismus" aufweichen und Gesprache ermoeglichen koennen.

Dazu sollte jede und jeder beitragen. Brecht hat uns daran erinnert, dass nicht Kreon, sondern wir alle das siebentorigen Theben, die europaeische Zivilisation, aufgebaut haben, dass wir dafuer Verantwortung tragen, ob uns das passt oder nicht.

Konkrete Schritte der Deeskalation muss die Zivilgesellschaft solange fordern, bis Politikern und Diplomaten dazu bereit sind.

Im ersten Schritt muss man klaeren, welche Absichten, die jeweils andere Seite verfolgt.

Geht es den Djihadis tatsaechlich darum, moeglichst viele "Unglaeubige" zu toeten? Oder wollen sie nur maximale Aufmerksamkeit fuer ihre Sache erreichen und setzen dafuer medienwirksam ihre Suizid-Bomber ein?

Und auch die Europaer muessen sich fragen lassen, ob sie wirklich alle "IS-Terroristen" bestrafen, vorzugsweise toeten wollen? Geht's vielleicht nur darum, moeglichst ungestoert den Geschaeften im Nahen Osten nachzugehen?

In diesen Gespraechen werden sich Ueberschneidungen zeigen, die meist eine fuer beide Seiten vorteilhafte Deeskalation ermoeglichen.

(Wie transparent oder vertraulich solche Gespraeche sein muessen oder sollten, dazu will ich hier nichts sagen.)

Die praktische Umsetzung ist immer schwierig. Es gibt markante Beispiele fuer das Scheitern (Israelis - Palestinenser) aber auch, gerade in den vergangenen Jahren, erfolgreiche Deeskalationen, in Syrien und in der Ukraine beispielsweise.

Deeskalation loest keinen Konflikt, sondern strukturiert ihn und macht Loesungen denkbar.

Im Konflikt zwischen Europa und dem Djihad koennte die Deeskalation der Bomben-Kampagne der IRA in London ein Vorbild sein. Nach vielen Opfern auf beiden Seiten wurde vermutlich Ende der 80er Jahre ein "heisser Draht" vereinbart, ueber den der Ort der Bombe kurz vor der Explosion mitgeteilt wurde. Diese Zeit reichte meist aus, um den Tod von Menschen weitgehend zu vermeiden. Die IRA hatte trotzdem die volle mediale Aufmerksamkeit fuer ihren Anschlag.

Die Deeskalation zwischen IRA und UK bewirkte letztendlich, dass der Konflikt politisch geloest werden konnte.

Es geht natuerlich auch anders.

Die USA haben die Kamikaze Angriffe 1945 durch die nuklearen Zerstoerung japanischer Gross-Staedte beendet. An dieser martialischen Erfahrung orientiert sich der amerikanische "War on Terror" bis heute. Die Europaer muessen diesem "Vorbild" nicht folgen.





21:34 28.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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