Das schweigende Mädchen

Theateraufführung Die Inszenierung des neuen Jelinek Stücks "Das schweigende Mädchen" von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen, ist geprägt von bayerischer Gemütlichkeit.
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Da kommt Elfriede Jelinek mit einem gewaltigen Text. Sie selbst würde von enormer Sprengkraft sprechen und täte sich dabei sicherlich nicht Unrecht. Sie übergibt diesen Text an ihren Münchner Stammregisseur Johan Simons (zuletzt FaustIn and out 2014, Die Straße. Die Stadt. Der Überfall 2012) und hofft, dies behaupte ich jetzt, dass etwas Grossartiges passiert.

Was dann zwei Stunden in den Münchner Kammerspielen geboten wird, ist leider alles andere als grossartig.

Wir erinnern uns; München 2013, der NSU Prozess führt die angeblich einzig Überlebende einer rechtsradikalen Terrorzelle vor den Richter. Hier schweigt sie, die Angeklagte Beate Zschäpe, bis zum heutigen Tage. Sie umgeht damit einer Aussage und verweigert den Hinterbliebenen der Opfer den nötigen Respekt. Ihr machen es V-Männer und Polizisten gleich. Die Richter und Staatsanwälte wirken lethargisch und schauen nur zu, weil es nichts zu hören gibt.

Jelinek bastelt aus diesem Stoff eine Bombe. Aus Prozessprotokollen, Wirtschaftsprognosen und Bibelstellen, nämlich, die der Regisseur als „nicht spielbar“ begreift und deshalb seine Schauspieler und Schauspielerinnen von Klavier und Violine eingerahmt, den Text vorlesen lässt. Dabei fängt das Stück vielversprechend an. Stefan Hunstein schreit aus dem Publikum heraus in den ausgeleuchteten Saal. Seine Wut und Irritation von denen „die nichts hören, nichts sehen, aber alles wissen“ trifft uns und niemanden sonst. Dann lässt uns Simons alleine, mit auf der Bühne sitzenden Propheten, Engeln, einer Christusfigur und einen Richtergott. Letzterer, auf einem Auge blind, steigt ein mit einer Begrüßung, welche ohne Erwiderung im Nichts verhalt. Hätte hier das schweigende Publikum antworten müssen? Signale? Fehlanzeige. Ohnehin, in dieser Aneinanderreihung von Monologen kommt keine Kommunikation zu Stande. Abwechselnd stehen die Darsteller auf, drehen sich weg und reden, nuscheln und brabbeln vor sich hin, als gäbe es uns nicht. Der Regisseur macht uns zu Zuschauern und nicht zu Beteiligten. Und das bei diesem Text und einem Thema, wo das Publikum jeden Tag eine Mitschuld trug und trägt. Lethargie schützt vor Schuld nicht. Genau das haben andere Jelinek Regisseure (Nicolas Stegmann "Ulrike Maria Stuart") in der Vergangenheit vermittelt, haben das Publikum teilweise aggressiv einbezogen und sind somit den anspruchsvollen Texten gerecht geworden. Die Figuren aus sich zu heben, auf das Publikum zu werfen und die Entscheidungsträger des Alltags, nämlich das Publikum, mit einzubeziehen. In den Münchner Kammerspielen hingegen, zieht sich derweil der Abend zur Endlosigkeit hin. Annette Paulmann singt den Jelinek Text zur Abwechslung und die in blauen Röcken gekleideten Propheten steigen zum Sprachrohr der Tätereltern empor und konfrontieren uns mit irgendwelchen Rechtfertigungen. Zum Ende des langen Abends, sitzt der Richter alleine gelassen auf seinem Stuhl und ruft uns, seinem Publikum, nochmals fragend: „Guten Morgen“ zu. Keine Antwort, dass Licht geht aus und das Publikum atmet auf.


Das schweigende Mädchen
von Elfriede Jelinek
Uraufführung
Regie: Johan Simons, Musiker: Gertrud Schilde, Salewski, Sachiko Hara, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Carl Oesterhelt, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Risto Kübar, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Steven Scharf, Thomas Schmauser.
Dauer: 2 Stunden, ohne Pause

www.muenchner-kammerspiele.de




00:20 09.10.2014
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Geschrieben von

Martinus Oktobre

Moral, Moral ist wer moralisch ist, versteht er?
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Martinus Oktobre

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