Braucht die Berliner SPD Parteimitglieder?

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Es gibt diverse dusselige Sprüche über Sinn oder Unsinn von Statistik. Nichtsdestotrotz feiert sie in Wahlzeiten Hochkonjunktur. Je nach individueller Kassenlage vergibt man Aufträge an Forsa, Emnid, Infratest Dimap und wie die modernen Wahrsageinstitute alle heißen.

In Berlin haben auch Amateure eine Chance. Denn das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg gibt Jahr für Jahr „Die Kleine Berlin-Statistik“ heraus.1 Auf 64 schmalen Seiten finden Berlinerinnen und Berliner die verschiedensten Angaben über das Zahlenleben ihrer Stadt.

Momentan nötigen die bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus die Wissensdurstigen geradezu, direkt die Seite 49 aufzuschlagen und sich über die Parteienlandschaft der Stadt zu informieren. Feinsäuberlich ist dort für jeden der 12 Stadtbezirke aufgelistet, wie viele Menschen in welcher Partei Mitglied sind. Das reicht von 82 Grünen im Stadtbezirk Spandau bis zu 2298 SPD-Mitgliedern in Charlottenburg-Wilmersdorf. Auf der nächsten Seite sind wiederum die Wahlergebnisse der letzten Abgeordnetenhauswahl 2006 aufgelistet. Diese beiden Übersichten sind bestimmt nicht zufällig einander gegenübergestellt worden. Was mögen sich die Herausgeber gedacht haben?

Die Lösung liegt auf der Hand: Links die Ursache – rechts die Wirkung, hier die parteilichen Akteure – dort die Ernte ihrer Aktivitäten. Also ran ans statistische Werk! Stellen wir die Parteimitglieder (relativ zur Bezirkseinwohnerzahl in Promille) dem erreichten Stimmenanteil (bei den Zweitstimmen in Prozent) in jedem Stadtbezirk gegenüber. Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Jedes Quadrat bedeutet einen Stadtbezirk für die entsprechende Partei (erkenntlich an der Farbe). Die großen Kreuze zeigen den jeweiligen Berliner Mittelwert. Zusätzlich sind Linien eingetragen. Sie geben den Trend für die jeweilige Partei an. Für die Grünen sind die Verhältnisse klar. Alle Stadtbezirke lassen sich entlang einer Geraden aufreihen. Aus der Steigung kann man ablesen: Für jedes Promille zusätzlicher Mitglieder im Stadtbezirk steigt das zu erwartende Wahlergebnis um über acht Prozent. Daraus lässt sich das Ziel einer jeden grünen Bezirksparteigruppe ableiten: Steigert euren Anteil an der Bevölkerung im Stadtbezirk auf 10 ‰, also 1 %, dann bekommt ihr alle Stimmen! Für die absolute Mehrheit reicht schon ein halbes Prozent…

Zugegeben, das ist mathematischer Übermut. Aber etwas anderes, eigentlich ganz Banales wird durch diese Gegenüberstellung der einzelnen Parteien sichtbar: Je mehr Parteimitglieder es prozentual im Stadtbezirk gibt, desto höher fällt das Wahlergebnis aus. Das gilt für alle Parteien, ob groß oder klein – mit Ausnahme der SPD! Für das Wahlergebnis der SPD 2006 spielte es keine Rolle, ob der Anteil von SPD-Mitgliedern im Stadtbezirk hoch oder niedrig war. Es lag immer so um die 30 %.

Da stellt sich doch die Frage: Was machen die SPD-Genossen in Wahlkampfzeiten? Bzw. genau genommen stellt die sich eben nicht, denn es ist schlichtweg egal.

Also bitte: Wozu braucht die Berliner SPD Parteimitglieder?


1 www.statistik-berlin-brandenburg.de/produkte/kleinestatistik/kBEst_2010.pdf

22:41 05.09.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

HVGR

Rentner (ehm. Lehrer), Berlin
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