Rastplatzbilder

Ausstellung Die Künstlerin Yto Barrada ist nicht nur auf der Biennale in Venedig vertreten, sondern mit der Schau "Riffs" mit Arbeiten über Tanger auch in der Berliner Guggenheim

Wer an Tanger denkt, denkt an früher, an William S. Burroughs, Tennessee Williams oder Henri Matisse. Wer aber Tanger sieht, heute, bekommt den Eindruck einer verwahrlosten Stadt, mehr Transitlager als attraktives Touristenziel. Tanger ist ein Ort zum Rasten – mehr noch als für die Touristen für die Flüchtlinge, die so genannten "Irrgäste", die sich aus Hoffnung und Verzweiflung auf den Weg nach Europa machen. "Irrgäste", erklärte die marokkanische Künstlerin Yto Barrada, ist ein ornithologischer Begriff für wandernde Vögel, die unterwegs nach anderswo nur kurzfristig an einem Ort bleiben. Geboren 1971 in Paris wuchs Barrada in Marokko auf. Mit doppelter Staatsangehörigkeit durfte sie schon immer zwischen Afrika und Europa reisen. Tanger ist ihr Zuhause.

In diesem Jahr ist Barrada zur „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank gewählt worden, weshalb ihre Einzelausstellung Riffs in der von der Bank finanzierten Deutschen Guggenheim in Berlin gezeigt wird. Barrada arbeitet mit vielen Medien, mit Film, Fotografie, sie macht Publikationen und Installationen. In ihren Kunstwerken setzt sie sich mit der postkolonialen Geschichte, der Migration und dem Zukunftsglaube ihrer Heimat ausauseinander.

Riffs umfasst eine Reihe von Barradas älteren und neuen Werken, in denen ihre persönliche Geschichte sowie die Tangers eng miteinander verwoben sind. Bilder der Flora und Fauna der Region werden denen zerfallener Gebäude und unbekannter Menschen gegenüber gestellt. In den Fotografien von ihrer Serie Iris Tingitana (2007) nimmt sie die Außenbezirke Tangers unter die Lupe – einen Raum der sich über die Peripherie in die unendliche Weite der Wüste erstreckt und von der Stadt eingenommen werden zu droht. In A Life Full of Holes: The Straight Project (1998/2006) setzte sich Barrada mit der post-kolonialen Geschichte Tangers auseinander. In dieser fotographischen Serie blicken marokkanische Jugendliche auf die Straße von Gibraltar, die Grenze zwischen Afrika und das Versprechen eines anderen – vielleicht auch besseren – Lebens in Europa.


Das wiederkehrende Motiv der Ausstellung bilden Bäume, die Widerstand, Schutz, generationsübergreifende Wissensvermittlung und Tourismus symbolisieren. In dem Bild Radeau dans figuier étrangleur (Ficus Macrophylla) (Raft in Strangler Figtree) (2005/2010) verbinden zwei Leitern die offen liegenden Wurzeln einer Würgefeige zu einem verformten Gebilde aus Ästen, Zweigen und trägen Blättern, in dessen Mitte ein notdürftig zusammengebautes Holzfloß gestrandet ist.

Weiterhin begegnet man in der Schau der Skulptur Palm Tree von 2010, einer künstliche Palme gefertigt aus Blech und verziert mit bunten Lampen, die an die hellen Lichter einer Stadt erinnert. Das Exotische, das Fremde erscheint in dieser Anordnung nur mehr als kommerzieller Kitsch, der zu einem Problem von Stadtplanung geworden ist: Hohe Immobilieninvestitionen bringen eine rapide Entwicklung und Modernisierung von Tanger mit sich, bewirken aber zugleich ein Ringen um Vorherrschaft zwischen Kultur und Ökonomisierung in einer Zeit des Wandels.

Was man an Barradas Arbeiten bemängeln kann, ist die letztlich schöne Bearbeitung von Oberflächen aktueller Diskurse. Henri Matisse sagte einst, dass „seine Kunst wie ein guter Lehnstuhl sein soll, in dem der erschöpfte Mensch ruhen kann“ In diesem Sinne ist Barrada eine risikolose Investition für die Deutsche Bank in der Berliner Guggenheim-Filiale.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 12.06.2011
Geschrieben von

Helen Whittle

Communiqué BERLIN
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Ausgabe 42/2021

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