„Kein harmloser Apfeldiebstahl!“

Raubkopie Die Debatte um Urheberrechte im Internetzeitalter wirkt oft wie ein Streit zwischen digitaler und analoger Generation. Ein Blick zurück in die Geschichte der Raubkopie

Gratis-Mentalität, Kostenloskultur und fehlendes Kostenbewusstsein! So oder so ähnlich klingt es, wenn eifrige Beschützer des Urheberrechts über die so genannte „Generation Kostenlos“ schimpfen. Im Supermarkt muss ich für einen Apfel schließlich auch bezahlen! Die Antwort der zumeist jungen urheberrechtskritischen Community kommt meist prompt zurück: Kriminalisierung, Überwachungwahn und mangelndes Verständnis für das Internet. Was häufig wie ein Generationenstreit zwischen den Digital Natives und der analogen Elterngeneration wirkt, ist in Wirklichkeit eine viel ältere Debatte, die am Anfang rein gar nichts mit dem heutigen Streitmedium Internet zu tun hatte.

Die Verbraucher und ihr „urheberrechtliche[r] Mundraub“, so schimpfte der Bundesverband der Phonografischen Wirtschaft schon 1980, brächten die Musikindustrie um ihre Kräfte. Nur für 2,2 Milliarden statt 3,5 Milliarden Mark habe der Handel Tonträger verkauft, all das wegen der großen Kopierfreude der Kunden. Der fleißige Einsatz des Kassettenrekorders gefährde so mittelfristig bis zu 20.000 Arbeitsplätze. Eine Reform des Urheberrechts, zu Gunsten der Plattenfirmen, sei daher dringend notwendig. Knapp zwei Jahrzehnte vor dem Aufkommen von MP3 und Peer-to-Peer tobte also bereits der große Streit um die Raubkopie. Auch die Argumente der Gegenseite klingen im 21. Jahrhundert seltsam vertraut: die Schallplattenfirmen würden zwar jammern, machten zugleich aber Jahr um Jahr neue Verkaufsrekorde und außerdem verschaffe eine Erhöhung der Einnahmen „allein einer kleinen Gesellschaftskaste [gemeint sind die Topstars der Musikbranche] zusätzliche Millioneneinnahmen“, wie die SPD damals argumentierte.

Auch die Filmindustrie litt in den frühen 1980ern unter den Angriffen der Raubkopierer: in Videotheken gingen Filmkopien in tausenden illegal über die Ladentheke, zum Teil sogar noch vor dem offiziellen Kinostart, wie beim Star-Wars-Streifen „Das Imperium schlägt zurück“. Der Grund für den großen Hang zur Raubkopie war nicht nur der günstigere Preis, sondern vor allem die Nachfrage nach einem besseren Angebot. Nur illegal konnte man sich damals die aktuellen Topfilme besorgen und so auch eine Auswahl jenseits von so „klangvollen“ Namen wie „Flotte Teens und heiße Jeans“ oder „Das Schwert des gelben Tigers“ zu Hause schauen. Die Filmindustrie realisierte entsprechend, dass man allein mit Strafverfolgung dem Problem nicht Herr werden würde, sondern auch das Angebot verbessern müsse. Sie brachte die Filme nun schon wenige Monate nach der Kinopremiere als Videofilm in den Handel. Außerdem versuchte sie mit unsichtbaren Codes Originalkassetten von Fälschungen besser unterscheidbar zu machen, in gewisser Weise also einen Urahn des heutigen DRM zu schaffen.

Die Nachfrage war es auch, die bei einem dritten Medium die Kopierraten in die Höhe trieb: der Computersoftware. Während Mitte der 1980er Jahre immer mehr Jugendliche einen Computer hatten, war die nötige Software, um mit dem Gerät auch etwas anfangen zu können, zu oft unerschwinglich teuer, vor allem für das knappe Taschengeldbudget der Kids. Die Folge war ein regelrechter Handel mit raubkopierten Computerspielen. In den gängigen Fachzeitschriften wie „CHIP“ oder „Happy Computer“ boten 15-, 16-, 17-jährige ihre Software-Kopien an und versendeten sie an Interessenten. So ließ sich für die Einen eine kleine Spielesammlung finanzieren und für die Anderen etwas Geld verdienen um neue Software im Laden zu kaufen. Letztlich profitierte die Computerindustrie auch selbst davon, denn ohne Spiele waren die Geräte wertlos und zum üblichen Ladenpreis war die Software für die jugendlichen Kunden schlicht unbezahlbar. Die Polizei warnte zwar: „Der Programmklau ist kein harmloser Apfeldiebstahl!“, doch selbst die Justiz zeigte sich – aus heutiger Perspektive – erstaunlich verständnisvoll mit den jungen Piraten: so kritisierte ein Richter die „Panikmache“ der Industrie und verhängte gegen einen Jugendlichen, der um die 2.000 Mark Umsatz mit einem Raubkopien-Versandhandel gemacht hatte, eine Strafe von gerade einmal 150 Mark. Bei der heutigen Aggressivität, mit der die Justiz gegen Urheberrechtsverletzungen vorgeht erscheinen diese Zustände beinahe paradiesisch.

Berichte aus einer anderen Zeit, die zum Teil über 30 Jahre zurückliegen und dennoch klingen Vokabular und Kritik – bis auf die veraltete Technik – ganz wie die Begriffe der Debatten von heute. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die „Generation Kostenlos“ des 21. Jahrhunderts sich gar nicht so sehr von den Generationen der 80er und 90er aus dem vergangenen Jahrhundert unterscheidet. Verändert hat sich die Technik mit der kopiert wird, vom Kassetten-, Videorekorder und Diskettenlaufwerk zu Stream, Torrent und Brenner. Ebenso ist auch die Unterhaltungsindustrie mit ihrer Lobby heute mächtiger als je zuvor und dadurch erfolgreicher bei der Durchsetzung ihrer Interessen als damals. Wenig geändert hat sich an der Motivation der Piraten: heute wie damals liegt die Ursache in einer hohen Nachfrage nach sehr hochpreisigen Medien. Unsere MP3-Player versprechen einen Speicherplatz für bis zu 40.000 Songs, für die man aber bei aktuellen Marktpreisen fabulöse 40.000 Euro bezahlen müsste; jedes moderne Smartphone verspricht das Abspielen von Videos in HD-Qualität, zugleich verbietet uns der Kopierschutz Filme überhaupt in ein smartphone-kompatibles Format zu übertragen; alle paar Jahre kommt eine neue Version teurer kostenpflichtiger Software auf dem Markt, von Microsoft Office bis Adobe Photoshop, bei der sämtliche Arbeitgeber voraussetzen, dass sie schon jeder unbezahlte Praktikant beherrscht und besitzt – doch woher diese teuren Programme nehmen, wenn nicht stehlen?

Die Wurzeln der Raubkopie liegen keineswegs in einer verzogenen Generation, die nicht gelernt hätte, dass man für etwas das man haben möchte auch bezahlen muss. Sie liegen in schlicht nicht zeitgemäßen Verkaufsmodellen der Unterhaltungsindustrie, die Bedürfnissen und Nachfrage der Konsumenten nicht länger entsprechen. So wie die empfindliche Schallplatte nicht gegen die immer wieder neu bespielbare Audiokassette bestehen konnte, so wie die Kunden den zeitnahen Verkauf von Topfilmen auf Video erzwangen, so wird auch heute die Unterhaltungsindustrie ihr überholtes Beharren auf den Pro-Stück-Verkauf von CD, DVD und MP3 nicht auf Dauer verteidigen können. Statt dessen wird sie sich neuen Verkaufsmodellen öffnen müssen um eine faire Bezahlung für Urheber und Rechteverwalter zu gewährleisten. Vielleicht weist das noch recht junge und dennoch erfolgreiche Musikstreaming einen möglichen Lösungsweg: nicht mehr besitzen müssen, um Medien abzuspielen, dennoch überall fast jedes Musikstück anhören und das zu bezahlbaren fairen Preisen. Man darf in jedem Fall gespannt sein, wie sie weitergeht die Geschichte der Raubkopie...

Die Zitate und Angaben stammen aus Ausgaben von DER SPIEGEL aus den Jahren 1980 bis 1985.

18:59 06.08.2012

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