Schluss mit dem Pessimismus!

Zukunft Der jungen Generation von heute wird das schwerste Schicksal der Nachkriegszeit attestiert. Doch der Blick auf die letzten 50 Jahre zeichnet ein differenzierteres Bild
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Als junger Mensch kann einem wahrlich Angst und Bange werden, wenn man die Äußerungen in Presse und Rundfunk vernimmt. In Südeuropa ist fast jeder zweite unserer Generation ohne Job, in Frankreich sieht es kaum besser aus und selbst in der geschonten Bundesrepublik erlauben die Zahlen und Prognosen keinen großen Optimismus. Wir sind die ausgebeutete Generation Praktikum, die verlorene Generation der Wirtschaftskrise, wir sind die Zweifelnden, die Enttäuschten, wir haben nicht einmal mehr die Kraft uns zu empören. Welch ein Unglück in diesen Zeiten jung zu sein. Wie wohl behütet war hingegen das Leben unserer Eltern in den seligen Boomjahren des Wirtschaftswunders. Wer, so wie ich, 25 Jahre alt ist, für den scheint nur noch eine Losung zu gelten: No future.

„Keine Zukunft, arbeitslos und zu Tode gelangweilt“, das sangen die Sex Pistols bereits in den 1970er Jahren. Schon damals war laut dem SPIEGEL die Jugendarbeitslosigkeit zu einer „weltweiten Katastrophe eskaliert“, welche nicht nur Großbritannien, sondern auch die Vereinigten Staaten und selbst Deutschland erreicht habe. In den Industriestädten Englands, wie Manchester, lebten viele Jugendliche ihre Perspektiv- und Lustlosigkeit als Punks besonders extrovertiert aus. Doch der Frust mündete immer seltener in Musik, dafür häufiger in Gewalttätigkeit und Drogenkonsum. Die Punks der ersten Stunde hatten mit den gepiercten, trotzigen Teenagern von heute wenig gemein. Sie waren aber der vermutlich sichtbarste Ausdruck der Jugendarbeitslosigkeit in den 1970er Jahren, die sich damals „zum schwersten sozialen Problem der westlichen Industrieländer“ entwickelte. Sie reichte allerdings weit über das Punk-Milieu hinaus und führte dazu, dass schon damals nicht selten Schülerinnen und Schüler nach der Schule froh sein mussten, „wenn sie überhaupt noch etwas bekommen“.

Doch auch vor der Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre machte man sich um die Zukunftsaussichten der Jugend Sorgen. Schon ein Jahr nach Gründung der Bundesrepublik klagte man 1950 in der ZEIT: „Tausende und aber Tausende sind arbeitslos, bevor sie noch Gelegenheit hatten, zu arbeiten, ja bevor sie überhaupt die Möglichkeit erhielten, eine Arbeit zu erlernen.“ Zwar besserte sich wenige Jahre später die Situation mit dem beginnenden „Wirtschaftswunder“, doch von diesen gut 15 Boomjahren abgesehen, begleitet uns die Frage der Jugendarbeitslosigkeit im Grunde beständig seit der Entstehung unseres Staates. Und selbst in den „vollbeschäftigten“ 1960er Jahren hörte man vom Problem der arbeitslosen Jugend. In den Vereinigten Staaten vermeldete man im Jahr 1963 – noch unter dem strahlenden Präsidenten John F. Kennedy – die bersorgniserregende Meldung, dass jeder sechste Jugendliche ohne Arbeit sei. Vor allem gemessen an der damaligen Arbeitslosenquote von 6 % waren diese 17 % Jugendarbeitslosigkeit enorm hoch. In Großbritannien war ebenfalls seit Mitte der 1960er Jahre bereits die Arbeitslosigkeit durch Massenentlassungen, insbesondere in Automobilwerken, wieder zurückgekehrt.

Die Ölkrise von 1973 und die anschließende Wirtschaftskrise brachten die Jugendarbeitslosigkeit dann endgültig wieder auf die Agenda. Und von dort verschwand sie seitdem nicht mehr. In den 1980er Jahren wurde die Situation besonders drastisch und die Zahlen von damals beweisen, dass – bei aller Schwere der heutigen Krise – schon früher die Jugend unter der Arbeitslosigkeit besonders litt: In Frankreich war im Jahr 1986 jeder vierte Jugendliche arbeitslos, in Spanien 1983 die Hälfte der spanischen Jugend „zum Gammeln verurteilt“. Auch in der Bundesrepublik war die Jugendarbeitslosigkeit höher als heute. Besonders betroffen waren schon damals Jugendliche ohne Hauptschulabschluss oder mit Migrationshintergrund, wie Kamil 1982 dem SPIEGEL berichtete: „Ich habe an zehn oder elf Firmen geschrieben und Absagen bekommen, kein Platz, danke.“ In den 1980ern gehörten meine Eltern zu besagten „Jugendlichen“ und suchten eine Arbeit. Und ihre Situation war nicht viel rosiger als meine heute. Haben sie das vergessen? Oder lügen die Statistiken und Reportagen dieser Zeit?

Ich wünsche mir heute von den Regierungen, dass sie uns junge Menschen bei der Suche nach einer Arbeit unterstützen. Eine Situation wie in Spanien und anderen südeuropäischen Ländern ist eine Katastrophe. Ein Skandal. Heute wie damals. Die Zukunft und die Hoffnungen einer Generation dürfen nicht dem Spardiktat zum Opfer fallen. Die Situation ist sehr ernst und ich danke den Medien für ihre schonungslose Abrechnung mit fehlgeleiteten und gescheiterten Beschäftigungsprogrammen. Aber ich wehre mich dagegen, dass meine Generation zum Fatalismus erzogen wird. Früher war nicht alles besser. Es wird nicht immer bergab gehen. Wir sind nicht das Ende. Meine Generation hat es auch selbst in der Hand, dass es von nun an wieder aufwärts geht. Es wird nicht einfach, so wie es schon früher nicht einfach war, aber wir werden es schaffen. Die Hilfe der erfahreneren Generationen nehmen wir dabei gerne entgegen und wir fordern sie auch ein. Doch euer Mitleid und euren Pessimismus könnt ihr gern behalten.

15:51 24.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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