Zwischen Familienliebe und Schwulenhass

Frankreich Etwa 100.000 Demonstranten protestieren in Paris gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und offenbaren, wie erschreckend weit Homophobie verbreitet ist
Zwischen Familienliebe und Schwulenhass
"Ein Papa, eine Mama für alle Kinder" fordern die Demonstranten. Sie beziehen sich auf gleichgeschlechtliche Elternpaare und tun so, als gäbe es keine alleinerziehenden Mütter und Väter

Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Seit 40 Jahren ist die Ehe in Frankreich auf dem Rückmarsch, Tendenz weiter fallend. Doch seitdem Präsident François Hollande die Absicht hat, die Heirat auch gleichgeschlechtlichen Paaren zu ermöglichen, entdecken hunderttausende Franzosen ihre plötzliche Leidenschaft für das traditionelle Familienmodell.

In Paris waren es vor gut einer Woche ganze 70.000 bis 100.000 Menschen, die durch die Pariser Straßen zogen, um gegen die gleichgeschlechtliche Ehe zu demonstrieren, wie die konservative Tageszeitung Le Figaro frohlockte. Nach außen gab man sich betont apolitisch und wollte die Demonstration nicht als Protestzug gegen die sozialistische Regierung verstanden wissen. Man sei desweiteren auch überreligiös und sogar – das überrascht sicher am meisten – gegen Homophobie. Die Fotos der Demonstration zeigen Familien mit Kindern und Menschen aller Generationen, die friedlich Plakate in die Höhe strecken auf denen es heißt „Papa + Mama – Es gibt nichts besseres für ein Kind“ oder auch „Ja zur Familie“. So wollen sich die Demonstranten besonders tolerant zeigen. Doch hinter den harmlosen Parolen steckt das typische Credo aller modernen diskriminierenden Bewegungen: Wir haben nichts gegen diese Menschen, aber wir wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Man könnte auch sagen: Die Homos sollen unter sich bleiben, dann können sie machen was sie wollen.

Der homophobe Hintergrund

Schaut man sich die weiteren Plakate an und die Slogans und Bilder, mit denen auf Facebook gegen die „mariage gay“ getrommelt wird, dann wird der homophobe Hintergrund besonders deutlich. Dort erzählt man dann zum Beispiel die Geschichte eines kleinen Jungen, der ganz verstört aus dem Schlafzimmer von „Papa 1 und Papa 2“ herauskomme, weil er seine beiden Eltern beim „sodomisieren“ beobachtet habe und sich nun frage „Wozu brauchen wir eigentlich Mädchen, Papa?“

Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht besonders repräsentativ: Erstens geht es in diesen Wochen fast ausschließlich um männliche Homosexualität, während die Vorstellung von zwei Müttern viel weniger zu verstören scheint. Dahinter stecken zum einen die klassischen Rollenbilder, die Frauen eine besondere Kompetenz bei der Erziehung von Kindern zusprechen, und zum anderen der traditionell besonders virulente „Schwulenhass“. Zweitens wird die gleichgeschlechtliche Ehe fast durchgehend auf die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare reduziert und auch hier ganz besonders auf männliche Paare.

Die Lebensrealität ist längst weiter

Nun ist es durchaus erlaubt, dass über Erziehung durch gleichgeschlechtliche Paare auch kritisch nachgedacht wird. Die bisher durchgeführten Studien scheinen bislang eher keine großen Unterschiede zu Kindern von Heterosexuellen feststellen zu können, aber Studien kann man kritisch diskutieren. So weit, so gut. Doch darum geht es den Demonstranten nicht. Besonders unglaubwürdig macht sich der Einsatz für die traditionelle Familie nämlich dadurch, dass die Lebensumstände von Kindern schon heute nahezu alle „Schreckensvisionen“ der Demonstranten abdecken. Das Adoptionsrecht in Frankreich erlaubt schon heute auch Einzelpersonen, ein Kind zu adoptieren, wodurch auch ein gleichgeschlechtliches Paar ein Adoptivkind aufziehen kann. Bislang kann allerdings immer nur ein Elternteil offiziell Vater oder Mutter des Kindes sein. In Zukunft könnte das faktisch zweite Elternteil auch offiziell zweites Elternteil sein, was zahlreiche Situationen des täglichen Lebens für homosexuelle Eltern einfacher machen würde. Und auch die zweite große Sorge der Demonstranten, dass Kinder in Zukunft keine Mutter oder keinen Vater haben könnten, ist längst Realität: Immer mehr Kinder wachsen bei alleinerziehenden Müttern oder (seltener) alleinerziehenden Vätern auf. Die Lebensrealität in Frankreich ist also schon längst an dem Punkt angekommen, den die Demonstranten so unbedingt verhindern möchten.

Die Ehe wird immer unbeliebter

Auch die Ehe und die klassische Familie – die nun so eifrig von zahlreichen Demonstranten verteidigt wird – ist in Frankreich immer unbeliebter. Das wird besonders deutlich, wenn man sich die Zahl der abgeschlossenen zivilen Solidaritätspakte (PACS) anschaut. Der PACS wird in Deutschland oft als Gegenstück zur eingetragenen Lebenspartnerschaft beschrieben, er ist allerdings weitaus mehr, denn er ist keine Ehe zweiter Klasse für Homosexuelle, sondern eine Alternative zur Heirat, die allen offen steht – Homo- und Heterosexuellen. Die Heterosexuellen wählen sogar den PACS überproportional oft als Lebensmodell: 95% der PACS werden zwischen Heterosexuellen geschlossen. Es erscheint angesichts der Zahlen nur eine Frage der Zeit, bis der flexible zivile Solidaritätspakt die Ehe als bevorzugte Partnerschaft ablöst: 2000 gab es etwa 20.000 PACS und 310.000 Ehen, 2010 waren es bereits 200.000 PACS und nur noch 250.000 Ehen. Die französische Gesellschaft ist gerade dabei vollendete Tatsachen zu schaffen und die Ehe als „klassisches“ Familienmodell durch andere Formen der Partnerschaft abzulösen.

Betrachtet man all diese Zahlen und Entwicklungen, dann wird umso klarer, dass es bei den Demonstrationen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe unmöglich nur um das traditionelle Familienmodell und Kindeswohl gehen kann. Vielmehr ist erschreckend vielen Menschen in Frankreich die Vorstellung einer Partnerschaft zwischen zwei Männern, die dann auch noch Kinder erziehen können sollen, ein Ekel – allen Bekenntnissen gegen Homophobie zum Trotz. Das ist zugleich das Traurigste am Gesetzesentwurf von François Hollande: Denn auch wenn sich der Präsident durchsetzt und die Heirat auch Homosexuellen eröffnet, wird er damit die weit verbreitete Homophobie in der Gesellschaft nicht beenden können.

14:18 26.11.2012
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