4 Thesen zur Realität

Diktatur Gesellschaft oder Wirtschaft, Demokratie oder Kapitalismus, Verantwortung oder Hierarchie, Freiheit oder Repression, Mut oder Gehorsam, Wirklichkeit oder Illusion ...
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Geht man ausnahmsweise von der Vernunft aus, die zumindest in der klassischen Philosophie der Griechen noch das Erkenntnisvermögen war, unterscheiden zu können was wahr und was falsch ist, muss man sagen, dass "die Wahrheit eine Beschaffenheit des Seins, der Wirklichkeit ist". Die Wahrheit ist also das, was wirklich ist. Daher ist diese Wahrheit ein positiver Wert, denn "Sein ist besser als Nichtsein".

Folgt man diesen Überlegungen Marcuses in seinem Hauptwerk "Der eindimensionale Mensch" (1964), wird deutlich, dass besagtes Nichtsein, die Falschheit, die Unwahrheit, die Lüge etc. eine potentielle Bedrohung des Seins darstellt. Er schreibt daher: "Der Kampf um die Wahrheit ist der Kampf gegen Zerstörung, für die Rettung des Seins."

Der in diesem Zusammenhang bemerkte Widerspruch bezüglich des Zerstörerischen eines Angriffs auf eine als "unwahr" entlarvte oder zu entlarvende, vermeintliche Wirklichkeit illustriert nicht nur den ständigen Kampf unserer Tage um die Deutungshoheit dessen, was wir als Wahrheit und Wirklichkeit erkennen können oder erkennen sollen, denn die Frage was wahr und wirklich ist wird uns nicht gerne selbst überlassen...., sondern er illustriert vor allem, dass das Bemühen um die Wahrheit im Wesentlichen der menschlichen Existenz verpflichtet ist. Es zeigt, dass wir nur dann im Einklang mit der Wahrheit handeln können, wenn wir erkennen können was wirklich ist. Damit allerdings wird zur Wirklichkeit : "Erkenntnistheorie ist an sich Ethik, und Ethik ist Erkenntnistheorie."

Man kann leicht folgen, wenn man im Umkehrschluss sagt : Ohne zu wissen was wirklich ist, kann es keine ethische Entscheidung, kein ethisches Handeln geben. Die Brisanz dieser Aussage bezieht sich nicht nur auf jeden möglichen ethischen Anspruch, sondern vor allem auf die Frage, ob angesichts der aktuellen Gemengelage ethisches Handeln überhaupt noch möglich ist. Zu weit klaffen ganz offensichtlich die Wahrnehmungen darüber auseinander, was aktuell Wirklichkeit ist oder entsprechend was ethisch ist, je nach vorausgesetzter Wirklichkeit. Man kann also nie von Ethik, ethischem Handeln reden, wenn man nicht die Wirklichkeit mitliefert, in der diese Handlung dann gegebenenfalls ethisch sein soll.

Die Wirklichkeit ist hart umkämpft. Das, was man glauben machen kann, ist die Wirklichkeit, scheinen die indirekt zu enthüllen, denen Unwahrheiten nachgewiesen werden konnten, die im Kampf um die Wahrheit Unterlegenen. Immerhin handelt es sich bei den bekanntesten Verteidigern einer Wahrheit immer häufiger auch um die angeblichen "Besitzer" dieser Wahrheit, und damit um die Besitzer der Wirklichkeit, was hier nicht mehr und nicht weniger heißen muss als die, welche Macht über Sein oder Nichtssein beanspruchen. Beispiele sind Legion.

Der Krieg der Worte ist zu einem propagandistischen Gebrüll auf niederster Ebene geworden, bei dem die angebliche Wahrheit und Wirklichkeit sich logisch nur mehr von vorherigen, vermeintlichen Wirklichkeiten ableiten lassen soll, zurück bis in ein meist nebulöses, von interessengeleiteten Rückprojektionen, purer Ideologie oder blankem Unsinn und Unwissenheit bestimmten Historienbild. Tendenziöse Interpretationen des Vergangenen sind zur Inflation der Erklärungsmuster und der instrumentalisierten Logik geworden, weil ohne diese ebenfalls vermeintlich logischen Begründungen keine Wirklichkeit sich verteidigen ließe.

"Was sieht schon der Mensch, der sich über die Vergangenheit nicht im Klaren ist?" (Béla Hamvas)

In diesem Krieg, der in den Köpfen tobt, der uns jederzeit und von allen Seiten umgibt, um uns in der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu leiten oder zu verleiten, eine distanzierte Ruhe zu bewahren wird von Vielen nicht nur als schwer, sondern zuweilen als so unangenehm empfunden, dass manch einer sich angewidert abwendet. Man meint sich abzuwenden, nur um dort, wo man sich hinwendet ebenso aber unmerklicher manipuliert zu werden. Es gibt keine harmlosere Wirklichkeit, auch wenn man das nur schwer ertragen mag. Ein vermeintliches "Ausserhalb" ist bereits die absolute Verkennung der Wirklichkeit und somit auch ethischem Handeln nicht mehr zugänglich.

1. Perikles

Perikles war ein griechischer Staatsmann von historischer Bedeutung, wenn man den Quellen folgt. Er ist durch eine Reihe deutlicher Aussagen zur Demokratie - in der griechischen Polis - in die politische Ewigkeit eingegangen.

Eins der bekanntesten seiner Zitate ist: "Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut."

Das spricht für sich, möchte man meinen. Er war getreu der damaligen demokratischen Wirklichkeit ein Vertreter der politischen Verantwortungen des Einzelnen. Also sagte er : "Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt,
ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger."

Ihm wurden ausserordentliche rhetorische Fähigkeiten nachgesagt, aber auch der Niedergang des demokratischen Athens im Peloponnesischen Krieg zur Last gelegt, der einem erneuten imperialen Anspruch durch Alexander vorausging.

Der Mann hatte also unzweifelhaft politische Erfahrung, war mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit, deren strategischen Potenzialen und dem Scheitern derselben vertraut.

Seine hervorragendste Wahrheit ist für mich dieses Zitat:

https://dl.dropboxusercontent.com/u/21944733/_Freitag/Perikles.jpg

"Nur weil du dich nicht für Politik interessierst, heißt das noch lange nicht, dass die Politik sich nicht für dich interessiert."

2. Ökonomie

Seit der Einführung der sogenannten "freien Marktwirtschaft" ab dem Ende des 18ten Jahrhunderts glauben Viele, dass diese Garant der Freiheit des Individuums sei. Oft wird sie mit der Entstehung der Demokratie in einem Atemzug genannt und auch als deren Garant bezeichnet. Beides ist bei näherer, historischer Betrachtung unhaltbar.

Dass vielmehr diese Marktwirtschaft die Verhältnisse der Gesellschaft schlicht auf den Kopf stellte - Polanyi hat das gut erläutert, kann sich kaum jemand vorstellen, dass sie keinesfalls Freiheit für alle bedeutet, sondern Herrschaftsstruktur ist, die an Subtilität die Vorangegangene bei weitem übertrifft, spricht sich hierzulande nur sehr langsam herum.

Erst in der wiederkehrenden und impliziten Krise dieses Konzepts fällt auf, dass diese Form der Wirtschaft die Gesellschaft totalitär bestimmt, und nicht etwa umgekehrt die Gesellschaft etwa selbstständig wirtschaften würde.

Der prinzipiell zerstörerische und daher falsche Aspekt ihrer Wirklichkeit ist den Bürgern zumindest der industrialisierten Staaten erst recht spät aufgefallen. Selbst heute wird nicht gerade wenig unternommen, um den katastrophalen Aspekt dieser Wirtschaftsform zu kaschieren. Zur Not werden die ebenso falschen Interessen dieser Wirtschaft mit Gewalt verteidigt und erzwungen. Aber in der Regel genügt ein reines Glaubensbekenntnis, das auf profundes Unwissen baut, um die ideologischen Vorraussetzung der ökonomischen Herrschaft zu sichern.

Das privatisierte Geldsystem spielt dabei eine herausragende Rolle. Damit werden Herrschafts -und Eigentumsverhältnisse betoniert. Theoretisch, so das Narrativ, könnte jeder zu Wohlstand und Reichtum, also Freiheit und Glück damit kommen, aber praktisch ist es so eingerichtet, dass es eine penetrante Eigentümer- und Herrschaftselite vor jedem Angriff schützt, und das hauptsächlich mit Hilfe der Staatsgewalt.

Zur Erklärung dieses Hebels der Herrschaft reicht dies:

https://dl.dropboxusercontent.com/u/21944733/_Freitag/oekonimie.jpg

Die Finanzkrise für Dummies ... : Es ist gar nicht kompliziert: Das, was ich verliere, ersetzt Du mir, und das, was ich verdiene ... verlierst Du!

3. Kriege

Krieg ist heutzutage ein kapitalistisches Geschäftsmodell wie jedes andere auch. Der Höhepunkt der Falschheit und also der Wirklichkeitsbeugung ist erreicht, wenn ethische Gründe für einen Krieg vorgelegt werden. Meistens geht es um simple Markterweiterungen oder Ressourcenraubzüge. Krieg ist das genau Gegenteil politischer Verantwortung. Aber man ist es nicht anders gewöhnt.

Wir sollten aufhören uns dümmer zu stellen als wir sind. Das ist der wichtigste Aspekt zu Wahrheit und Wirklichkeit, den Zizek gewöhnlich mit dem umschreibt, von dem wir angeblich nicht wissen, dass wir es wissen.

Kinder verdienen konkrete Antworten auf konkrete Fragen :

https://dl.dropboxusercontent.com/u/21944733/_Freitag/war.jpg

"Warum gibt es Kriege ?"

"Weil wir von einer elitären Gruppe von Psychopathen regiert werden, denen die Banken gehören, die die Regierungen und die Medien kontrollieren. Sie unterstützen wegen der Profite beide Seiten im Krieg und stellen die Zustimmung der Öffentlichkeit durch die Propaganda ihrer Medien her."

4. Menschlichkeit

Charles Chaplin gehörte ohne Zweifel zu denen, die im Laufe ihres Lebens bemerkt haben, dass das repressive System überall lauert. Er hat diese Wahrheit in nicht wenigen seiner Arbeiten verewigt und auch am eignen Leben erfahren.

Widersinn und Absurdität des sogenannten Fortschritts oder der totalitären Verklärung der Gewalt durch Propaganda sind da nur die bekanntesten Themen, über die er sich lustig machte. Er sagte über das Lustigmachen : "Alle elementare Komik gründet sich darauf, dass der Mensch in einer lächerlichen und peinlichen Lage handeln muss."

Ein mutiger Mann, der es gewagt hat die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihm weltweit zu Teil wurde, im Sinne von Wahrheit und Wirklichkeit zu nutzen.

Er wusste, dass wir das Paradis durch phantasielosen Aktivismus zur Hölle machen.

https://dl.dropboxusercontent.com/u/21944733/_Freitag/chaplin.jpg"Das Leben könnte Wundervoll sein, wenn die Leute einen in Ruhe ließen."

Gesellschaft oder Wirtschaft, Demokratie oder Kapitalismus, Verantwortung oder Hierarchie, Freiheit oder Repression, Mut oder Gehorsam, Wirklichkeit oder Illusion ???

Noch haben wir die Wahl.

18:13 31.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

iDog

Wem nützt eigentlich die Staatsgewalt ?
iDog

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