COSMIC BANKING

Kultur der Gabe Ist der Mensch von Natur aus Kapitalist? Wird es jemals eine gerechtere Gesellschaft geben können? Kann Glauben auch ökonomische Berge versetzen?
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Ein Versuch zur Frage, warum ich an die Realisierbarkeit ökonomischer Alternativen glaube:

Cosmic Banking betreibt jeder, denn jeder macht mehr oder weniger oft etwas für andere, verschenkt etwas, tut Gefallen, gibt Rat, hilft aus etc. ohne dafür eine Gegenleistung zu fordern. Ganz im Gegenteil ist es meist so, dass man denjenigen, der so handelt, eher entwürdigen würde, wenn man ihm eine Gegenleistung anböte. Man nennt diese Handlung anthropologisch Gabe. Alle Kultur basiert auf der Gabe.

Fast jeder ist davon überzeugt, dass sich diese Art des Verhaltens schon irgendwie und immer ausgleichen wird. Und wenn man mal rumfragt ist diese Überzeugung einer der wenigen Aspekte des sozialen Lebens, der recht gut und konstant funktioniert, von allen positiv bewerten wird, zwar vertrauen fordert aber auch fördert, Freude macht, natürlich auch dem Gebenden. Denn sie ist immer freiwillig und zumindest als Geste sinnvoll in einer Weltordnung, in der es nur noch sehr wenig Sinn gibt.

Nun mag man einwenden, dass sich das ja auch nur auf einem bekannte Menschen beschränkt. Wenn man genauer hinsieht ist das aber gar nicht so. Und wenn man genauer überlegt besteht aller Grund dazu es auf möglichst viele Menschen, mit denen man direkt oder auch nicht so direkt zu tun hat, auszudehnen, denn es kommen nur positive Resultate dabei heraus. Am besten also, möchte man meinen, wir weiten das sogar auf globale Dimensionen aus. Daher der Begriff Cosmic. Übertreibung verdeutlicht. Ohne Sonnenwärme wären wir nicht da. Das Leben fangt immer mit der Gabe an.

Man könnte auch einwenden, dass aber unsere Wirklichkeit, die Welt und der ganze Kapitalismus doch ganz anders aufgebaut sind und funktionieren, und man sich daher auch nach der Decke strecken, mit den Wölfen heulen muss, also auch andere Übervorteilen muss damit man nicht selbst komplett Übervorteilt wird.

Aber warum sollte man das einwenden? An der Stelle gibt es ja offensichtlich gerade die besagte Freiwilligkeit, von der weiter oben die Rede war.

Was passiert ist folgendes: Es reiben sich zwei recht simple aber entgegengesetzte Überzeugungen aneinander. Die eine ist so wahr wie die andere, so mythisch wie die andere und man kann sich also quasi aussuchen, an welche man gerade glaubt. Tatsache ist, dass sehr viele Menschen leicht schizophren an beide gleichzeitig glauben - an die eine freiwillig, an die andere eher gezwungenermaßen. Da brauch man sich nicht lange fragen, welche uns wohl die Sympathischere ist.

Die erzwungene Variante des Bankings übervorteilt uns fast alle jeden Tag und ohne Gnade, ohne Unterlass. Sie treibt uns ins Elend, sie versklavt uns zu viel schwachsinniger und kontraproduktiver Arbeit, diese wiederum zu einem eigentlich unvorstellbaren Konformismus und einer sich steigernden Beschränktheit was die Freuden des Lebens anbelangt. Unsere Sinne werden nicht nur vom so konditionierten Denken und Meinen ausgehebelt, sondern das Sinnliche als Leben und Kultur wird dabei zur Ware degradiert, für die wir wieder arbeiten und zahlen sollen. Das Denken wird zu illusorischer Ideologie diskriminiert, wenn es nicht den instrumentellen Anforderungen und Funktionen dieses Übervorteilungssystems entsprechen will.

Früher hieß es : ora et labora, heute: plug and play, aber plug and pray trifft die Sache ironisch sicher am besten. Hamsterrad at it's best.

Diese erzwungene Variante des Glaubens wird mit fast unvorstellbarer Gewalttätigkeit und Gewaltandrohung durchgesetzt unter der Begründung, dass diese Drohung notwendig sei, damit keiner auf den Gedanken komme, dieses System des Betrugs zu betrügen, ändern oder beenden zu wollen, damit sich keiner anmaße dies elitäre Exklusivrecht des Übervorteilens in einer Art zu missbrauchen, die es aller Wahrscheinlichkeit gar nicht geben müsste, wenn es diese initiale Gewalttätigkeit nur nicht gäbe. Damit das alles stabilisiert und exekutiert werden kann, gibt es für alle gesellschaftlichen Klassen bestimmte pseudokomplexe Regeln und Gesetze, die die Art der "erlaubten" Übervorteilung anderer regelt. Zur nötigen Überwachung der einen werden andere Millionen Menschen institutionell abgerichtet. Der erzwungene Glauben veranlasst zudem fast alle höchstpersönlich mit darauf aufzupassen, dass bloss kein anderer in seiner Nähe sich etwa nicht an die "Spielregeln" hält und aus der Reihe tanzt. Das wird gewöhnlich schon als unerlaubte Vorteilsnahme gesehen oder zumindest als solche dargestellt. Unsere Medien sind voll davon. Es ist ganz großes Theater, und es ist grotesk und absurd zugleich.

Bei all diesem Horror, fragt man sich wie das Cosmic Banking, dass es für meine Begriffe schon immer gab, überhaupt überleben konnte. Man muss hier einräumen, dass das "systematische Denkmodell" natürlich mit allen Mitteln versucht auch diese Oase der Menschlichkeit auszubeuten und damit wohlmöglich zu eliminieren zB. durch organisierte und kapitalisierte Tauschbörsen im Internet, sei es Ebay, Mitfahrzentrale, Wohnungssuche und Wohnungstausch, work and travel usw. … alles mittlerweile hauptsächlich kostenpflichtig. Ein Glück aber, dass der Spass- und Freudefaktor sich nicht wirklich meistbietend versteigern lässt, und der exaltierte Goldrush einer kommerziellen Idee dieser Art meist nach fünf Minuten abklingt. Selbst das größte Schnäppchen vom Grabbeltisch und auch der noch so "geilste" Börsengang lassen sich eben nicht ganz und gar freiwillig und jederzeit reproduzieren.

Die Praxis des Cosmic Bankings aber bleibt für jeden eine jederzeit verfügbare Quelle der Freude und Zufriedenheit. Hier ist keiner der Beherrschten darauf beschränkt sich in einer komplett korrupten, kriminellen und morallosen Welt als guter Mensch nur zu bezeichnen. Nur hier kann man den eigenen moralischen Anspruch auch in die erfolgreiche Tat umsetzen. Und also tun es die Menschen, und zwar jeden Tag und immer wieder.

Die Potenz dieser menschlichen Neigung sich über freiwillige Taten und Gaben zu artikulieren, zu positionieren und sich vor allem zu definieren und zu identifizieren sollte nicht unterschätz werden.

Wir leben alle in einem auf Gegenseitigkeit beruhenden Zusammenspiel von Respekt voreinander. Während die Regeln des erzwungenen "Bankings" uns den Respekt ihm selbst gegenüber aufzwingen, ihn uns untereinander aber nicht nur abgewöhnen, sondern ihn uns tendenzielle auch kollektiv aberkennen, uns quasi bis zur Nacktheit der Konformität entwürdigen, bleibt uns mit dem Cosmic Banking eine Form der ständigen Genesung und also Wiederherstellung und Erhaltung des gegenseitigen Respekts und der Würdigung des Anderen erhalten, sowie die lebenswichtig zu nennenden Möglichkeit der Selbstachtung.

Aber vor allem sind es eben diese Gesten des Wohlwollens, die das Leben lebenswert machen und die Welt zu einer, in der man trotz allem noch immer davon ausgeht, das Vertrauen grundsätzlich der bessere Weg ist. Keinem Kind würde man je anderes beibringen als Vertrauen und Misstrauen genaustens abzuwägen. Im besten Fall schränkt man Misstrauen auf nur wenige explizite Fälle in Bezug auf persönlich schlechte Erfahrungen ein. Verlorenes Vertrauen lässt sich mit Engagement auch wieder herstellen.

Das Vertrauen in einen sozialen Zusammenhang im Gegensatz zur kapitalistischen Isolierung des Einzelne durch gnadenlose Konkurrenz am vermeintlichen Futtertrog ist also Grundlage und Ziel des Cosmic Bankings zugleich. Ohne das Vertrauen, dass sich alles schon in einer Art kosmischen Gerechtigkeit ausgleichen wird, würden wir nicht geben. Wir würden nicht an Fremde geben, wenn wir nicht drauf vertrauen würden, dass die Gabe schon den Richtigen erreichen wird. Ohne die Gaben und die Großzügigkeit, die Freiwilligkeit, das Vertrauen könnte es weder Sorglosigkeit geben noch irgendeine ausgleichende Gerechtigkeit, die intuitiv und freiwillig vom Menschen als sinnliches Wesen noch ausgeht.

Wir wissen es vielleicht nicht, aber wir alle haben schon immer ein Konto bei dieser universellen Bank aller. Wir wissen nicht und wollen nicht wissen was darauf bereits eingegangen ist und wir wissen auch nicht was wir alles selber eingezahlt haben. Ich denke, dass es bei fast jedem sehr viel ist. Fest steht: Das Konto ist immer ausgeglichen. Und es hat immer dazu beigetragen, aus dieser Welt doch noch einen halbwegs erträglichen Ort zu machen und sogar ein paar der allerschlimmsten Auswirkungen des anderen, uns alle verschuldenden Bankingsystems zu mildern.

Bei dieser durchweg positiven zwischenmenschlichen Bilanz, die sicher jeder nachvollziehen kann, der nicht ein psychopathischer Adept des Übervorteilungsmonopols ist, kann man nur anregen, diesen uns gegebenen, freiwilligen Glauben dem Erzwungenen vorzuziehen wo immer es geht. Je wirtschaftlichere Dimensionen er eines Tages annehmen wird, desto resistenter wird er den Menschen gegen die Übervorteilungskulte- und spiele machen, die uns beherrschen. So wie jede Rettung aus der Not nur durch Cosmic Banking möglich ist, wird jede wirklich alternative, gerechtere Gesellschaft jenseits abstrakter und abstruser und vor allem kostenpflichtiger Herrschaftsansprüche auf Cosmic Banking basieren müssen.

Cosmic Banking ist der Rote Faden, der unsere kranken Gesellschaften überhaupt noch irgendwie zusammenhält. Wir sollten ihn stärken. Er ist alles was wir haben.

Ein auf spezielle Anfrage eines Users geschriebener Artikel, demgegenüber ich einmal das Cosmic Banking als einzige potenzielle Chance des Menschen erwähnte, da das kapitalistische System keine Lösungen zu globalen Problematiken anbieten kann, es sein denn für ein mehr oder weniger schnelles, barbarisches Ende der Menschheit.

Mit Erinnerungen an meinen alten Freund Karl, den ich vor über 20 Jahren den Begriff zum ersten Mal benutzen hörte.
22:26 02.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

iDog

Wem nützt eigentlich die Staatsgewalt ?
iDog

Kommentare 23

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