Lohn der Angst oder Befreiung?

Euphemismus Arbeitsmarkt Arbeit, Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit: Ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse beherrschen die gesellschaftliche Gesamtsituation.
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Arbeitsplätze: ein Zauberstab, die universelle Peitsche, ein Passe-par-tout für alle politischen Gelegenheiten?

Arbeitslosigkeit: der mehrheitliche Maßstab der wirtschaftlichen Situation als zynische Zahlenmystik?

Arbeit: eine Lebensnotwendigkeit, eine Tugend gar oder nur methodische Steigerung der herrschenden Privatvermögen?

Der berühmte Ökonom Keynes sagte voraus, dass wir eines Tages nur noch 2 Stunden am Tag arbeiten würden. Das ist lange her und nicht eingetreten. Er ging davon aus, dass die Produktivität der Gesellschaft sich durch moderne Techniken und Fortschritt enorm steigern und die Arbeitszeit sich dabei immer weiter würde verringern können. Der Fortschritt sollte die Menschen befreien. Wohlstand und Freizeit der Gesellschaft sollten sich gleichermaßen erhöhen und alle sollten davon profitieren. Er war von einer Wirtschaft ausgegangen, die der Versorgung und der Existenz aller dient. Er hat sich geirrt. Immer weniger Menschen profitieren von diesem Fortschritt. Immer mehr Menschen verhungern jeden Tag. Keynes war also Idealist?

Die Produktivität steigerte sich wie vorausgesagt, aber nicht die Arbeitszeit verringert sich, sondern ab einem bestimmten Moment nur noch die Arbeitsplätze. Heute arbeiten sehr viele Menschen jeden Tag daran immer mehr Arbeitsplätze überflüssig zu machen. Die effektivste Arbeit im Kapitalismus ist die Roboter und Algorithmen zu erfinden, die menschliche Arbeitskraft komplett überflüssig machen. Das geht so weit, dass nach der fast totalen Automatisierung der Industrie auch die Serviceleistungen zunehmend davon erfasst werden. Es gibt bald keinen Bereich, keine Aufgabe mehr, die nicht auch von Automaten, Robotern, Computern in weniger Zeit und vor allem kostengünstiger erledigen werden wird, angefangen von der Kindererziehung bis zur Alten- und Krankenpflege. Gleichzeitig wird so gut wie nichts mehr repariert oder es kann und soll auch nichts repariert werden. Servicepersonal wird also ein sehr ähnliches Schicksal bevorstehen wie den Industriearbeitern in den letzte 50 Jahren. Die noch nicht obsolet gewordene Arbeit wird da vergeben, wo sie am billigsten zu haben ist oder es werden Menschen genötigt für immer weniger Lohn zu arbeiten. In einem ökonomischen System, das auf der profitorientierten Ausbeutung von Arbeitskraft basiert, ist das nicht erstaunlich.Was Keynes nicht berücksichtigt hatte, war also, dass die vom arbeitenden Teil der Gesellschaft erbrachten Leistungen nicht der Gesellschaft auch voll zu Gute kommen, sondern hauptsächlich privatisiert werden.

Der politische Mythos von der Vollbeschäftigung ist demgegenüber eine Reminiszenz an eine Zeit, als der Kapitalismus noch auf menschliche Arbeit angewiesen war. Sie wird in diesem Wirtschaftssystem nie mehr erreicht werden können und will auch nicht erreicht werden von denen, die produzieren oder Service anbieten. Die wollen, selber unter ökonomischem Druck der kapitalistischen Konkurrenz stehend, mit möglichst wenig Arbeitskraft möglichst viel produzieren und umsetzen. Die Arbeitslosenquote steigt dabei und wird weiter steigen. Wer dann die Waren kaufen soll, den Service sich noch wird leisten können ausser der profitierenden Oberschicht, ist eine noch unbeantwortete Frage während die Löhne der noch vorhandenen Arbeitsplätze auf Grund der steigenden Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt weiter sinken. Wenn es Arbeitskraft im Überfluss gibt, ist der sogenannte Arbeitsmarkt keiner mehr, sondern ein Heer von Abhängigen. Die Zeiten der mächtigen Gewerkschaften sind längst vorbei. Arbeitende haben jeden Einfluss auf die Wirtschaft verloren und haben sich schlicht anzupassen in ihrer Abhängigkeit, ein Paradies für Industrie und Investorinnen. Der ökonomische Glaube, dass sich der freie Markt auch auf dem Arbeitsmarkt realisieren soll, gehört zur ideologischen Propaganda der ”freien Markwirtschaft” wie die Vollbeschäftigung auch.

Wegen des ständigen Mangels an Lohnarbeit gibt es wohl kein Thema, das die Politik ideologisch mehr missbraucht, als das der Arbeitsplätze. Trotz der beschriebenen realwirtschaftlichen Situation versprechen die Politiker den Arbeitssuchenden jeden Tag neu Arbeitsplätze. Das sind meistens nur zweistellige Mengen, die als Argument für unsinnige, strukturelle Projekte herhalten sollen oder für großzügige Subventionen zu Gunsten industrieller Investorinnen, was letztlich auf dasselbe hinausläuft. Geholfen wird dabei niemandem ausser den Industriellen, denn gleichzeitig gehen durch ”Rationalisierung” ungleich größere Mengen, meist tausende von Arbeitsplätzen auf einmal verloren, ohne dass die Politik daran etwas ändern könnte. Im vollem Bewusstsein der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Bürger von Arbeitsplätzen nutzt man diese ökonomische Realität politisch aus, um die Herrschaft zu stützen, der die politische Klasse ihre Macht verdankt.

Die Würde der Arbeit ist bei all dem längst auf der Strecke geblieben. Oft müssen Arbeitslose jede angebotene Arbeit annehmen, um den sonat drohenden sozialen Abstieg zu verhindern. Oft sind es mehrere Aushilfsjobs gleichzeitig oder Arbeiter werden auf Zeit über Agenturen verliehen wie Maschinen. Es geht kaum noch um Kompetenz und Erfahrung. Es geht mittlerweile auch nicht mehr um die Höhe des Lohns. Es ist der Mindestlohn, wenn es einen gibt, und es werden ständig Wege gefunden, um diesen zu umgehen je weiter die Arbeitslosigkeit steigt.

Welchen Ausweg gibt es aus dieser Misère, der Abhängigkeit von Lohnarbeit? Wie kann man den hohlen Versprechungen der Politik zumindest bei diesem Thema entgehen? Warum brauchen wir Projekten und politischen Programmen nicht mehr zustimmen, die angeblich 25 oder 50 Arbeitsplätze schaffen werden und bei denen sich lachende Politiker selbstzufrieden auf die Schulter klopfen, weil sie die Privatisierung vorantreiben?

Es gibt in der akuten Situation nicht viele Möglichkeiten. Entweder man schafft sich in Eigeninitiative einen unabhängigen Arbeitsplatz, was aber nicht jedem möglich sein wird, denn es gehört heute ein Minimum an finanzieller Sicherheit oder Eigentum dazu. Oder man bemüht sich um ein solidarisches Projekt, in dem Menschen sich in Selbstverwaltung eine ökonomische Existenz aufbauen. Zu beiden Methoden gehört eine Portion Phantasie und auch unternehmerischer Mut, zu der letzteren auch Vertrauen und das, was bei jeder Anstellung auch gefordert wird, Wille zur Kooperation.

Gerade diese solidarischen Projekte, ob nun in ländlicher oder städtischer Umgebung, haben das größte Potenzial auf lange Sicht die Ökonomie nachhaltig zu verändern, sie von einer durch Abhängigkeiten bestimmten globalen zu einer selbstbestimmten lokalen zu machen. In Regionen, wo die Situation durch schrumpfende Realwirtschaft, Wirtschaftskrisen und Austeritätspolitik bereits noch schwieriger ist, sieht man diese Art der Projekte, die aus der Not eine Tugend machen, schon viel häufiger und ein Austausch von Information ist für Interessierte sicher möglich und wichtig. Da es nicht anzunehmen ist, dass diese generelle politisch-ökonomische Entwicklung uns verschonen wird, ist es besser früh mit alternativen Ansätzen zu beginnen, um der kommenden Situation vorausschauend etwas entgegenzusetzen. (Es gibt bereits aus der politischen Situation entstanden Großprojekte, die praktischer Beweis sind, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist. Die Millionenstadt Havana auf Kuba versorgt sich heute zu 90% innerstädtisch autark.)

Ein Witz der Menschheitsgeschichte, den Keynes nicht kannte, ergibt sich aus den jüngeren Forschungen der Anthropologie, die besagen, dass Naturvölker im Durchschnitt nie länger als 2 Stunden pro Tag und Person gearbeitet haben bzw. arbeiten müssen, und dass sich diese Tendenz in vielen Regionen bis in die späte Subsistenzwirtschaft fortgesetzt habe. Natürlich muss berücksichtigt werden, dass je nach Klima die Lebensbedingungen sehr unterschiedlich sind. Um sich eine angenehme Existenz zu ermöglichen hat der Mensch immer entsprechende Techniken entwickelt. Ohne diese hätte er unter extremeren Bedingungen nicht leben können und wollen. Mehr Potenzial für ein ökonomisch relativ sorgenfreies Leben als durch moderne Technik und den heutigen Wissensstand ist jedoch kaum vorstellbar.

Man fragt sich unwillkürlich wie die Welt aussähe ohne Gewaltherrschaft und konkurrierende Sklavenheere, die sich nicht aus der Abhängigkeit der Privatisierung zu Gunsten der Eliten zu retten wissen. Man fragt sich, ob unsere nur all zu menschliche Neigung zum Müßiggang uns eines Tages alle vor der existenziellen Not und ökonomischem Stress retten wird, wenn wir diese Abhängigkeit endlich beenden haben werden. Es ist die irrationale, jede Ethik ermangelnde Maßlosigkeit der konkurrierenden Eliten, die das Heer der von ihnen Abhängigen zu immer neuen Versuchen der Befreiung nötigt.

14:17 02.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

iDog

Wem nützt eigentlich die Staatsgewalt ?
iDog

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