Verschwörungspraxis und fiktive Wirklichkeit

Ideologie: "Verschwörungstheorie" heißt: hier gibt es keine Verschwörung. Was sagt man aber, wenn eine Verschwörung real ist ? Nichts ? Oder kommt es darauf an wer sie veranstaltet?
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Ein Artikel zu den vermeintlichen Ursprüngen von Verschwörungstheorien brachte hier neulich leider wenig Neues zum Thema. Die gesuchten Ursprünge wurden allein in individuellen Kompetenzdefiziten und als psychisches Syndrom in Form von Ängsten und Persönlichkeitsstörungen vermutet. Der Autor wollte damit erklären "warum Verschwörungstheorien entwickelt werden… , und wie man sie erkennen und aushebeln kann".Sein Versuch zu zeigen "warum wir sie gerne glauben" geriet zum Widerspruch, als er sich für eine Psychotherapierung der betroffenen Theoretiker aussprach, um normales und rationales Denken zu gewährleisten.

Die Hoffnungslosigkeit den "Verschwörungstheorien" anders beizukommen beschrieb er mit der Unmöglichkeit durch eigenes Denken überhaupt zu brauchbaren Theorien zu gelangen, da der naturgemäß Unkundige, wenn er sich informieren wolle, einer profitorientierten "Verschwörungsindustrie" ausgeliefert sei, die es nur drauf anlege "neue, leichtgläubige Kundschaft anzulocken". So aber könne die nötige Kompetenz und besagtes "normales, rationales Denken", um individuelle Entscheidungen schadenfrei treffen zu können, nicht erlangt werden.

Eine steile These, dies, in der vielleicht mehr steckt als der Autor beabsichtigte?

Der Artikel wurde über 120 mal kommentiert. Auffällig wenige Kommentare befassten sich mit Verschwörungen als Ursache für Verschwörungstheorien. Auf die entsprechende Nachfrage, ob die Erfahrung echter Verschwörungen die Menschen nicht dazu verleite auch anderes als Verschwörung zu erkennen oder zumindest als solche zu interpretieren, wurde mehrfach versichert, dass der Nachweis echter Verschwörungen kein Beweis für die Existenz weiterer Verschwörungen sei, sondern genau der paranoide Denkfehler den alle Verschwörungstheoretiker leichtfertig und inkompetent begingen.

... nun gut ...

Über den Zusammenhang zwischen Verschwörungen und Verschwörungstheorien will anscheinend niemand debattieren. Alle reden sich lieber den Mund fusselig, wenn es um "Verschwörungstheorien" geht, die sich auf vorgeblich unbeweisbare oder tatsächlich unbeweisbare Behauptungen, sprich Blödsinn beziehen. Das ist einfach.

Etwas komplexer wird die Sache bei historischen "Verschwörungstheorien", von denen man heute quellengesichert weiss, dass sie aus ideologischer Strategie bzw. simpler Propaganda bestanden. Man stößt auf "Verschwörungstheorien" und die dazugehörigen Theoretiker, die von Verschwörern, den Praktikern entwickelt wurden. Spätestens hier fällt auf, dass auch Verschwörungen häufig aus Ideologie und Propaganda bestehen, und wenn es nur darum geht reale Aktivitäten zu verschleiern oder umzudeuten.

Man geht dazu von der altbewährten Erfahrung aus, dass man in einer Welt der Motivation durch Überzeugung gute Chancen hat, das zur Realität werden zu lassen, was man glauben machen will - und das selbst wenn es nur ein Bluff ist. In sofern ist jegliches strategisches Konzept eine quasi "Verschwörung", denn wer bindet dem potenziellen Gegenspieler oder Konkurrenten schon seinen Plan auf die Nase? Das widerspräche zumindest dem Konzept der kapitalistischen oder schlicht hierarchischen oder autoritären Ideologie und Struktur unserer Kultur. Die strukturelle Alternative dazu wäre, nebenbei bemerkt, vielleicht Demokratie.

Wie soll man in dieser Situation aber noch unterscheiden können, ob etwas, an das wir "kompetenzdefizitären" Bürger glauben, von dem wir überzeugt sind, "normales rationales Denken", Wunschdenken, Suggestion, eine Verschwörung, die Wahrheit und gar Realität, na, von wem denn nun, oder gar das akute Symptom einer "Verschwörungstheorie" ist, das schnellstmöglich therapiert werden muss ?

Man könnte sich damit beruhigen, dass viele "Verschwörungstheorien" nicht nachhaltig wirklichkeitsrelevant waren und sind. Warum also lange darüber diskutieren? Andere dagegen sind und waren folgenreicher, zumal die, die sich zu tragenden Bestandteilen von Gesellschaftssystemen entwickelten. Da stehen sich dann schnell Strömungen wie Sklaverei und Humanismus gegenüber, oder, um den Ball flach zu halten, zB. Aufklärung und Bevormundung, Religion und Existenzialismus, Faschismus und Demokratie, Hierarchie und Anarchie, Moral und Freizügigkeit… oder meinetwegen auch nur Rock'n Roll und Jazz …Das sind alles mehr oder weniger relevante Lebensentwürfe, Wirklichkeitskonzepte, Überzeugungen. Verallgemeinernd nennt man das dann auch Mode, Zeitgeist oder eben "den ganz normalen Wahnsinn". Relevant sind diese unterschiedlichen Entwürfe in sofern sie sich auch auf andere Menschen lebensbestimmend auswirken und nicht nur auf den "Spinner" selbst. Diese Art von Massenkonsens wird aber nicht erst seit gestern industriell hergestellt. "Verschwörungsindustrie" ? Man lese dazu Edward Bernays und/oder Noam Chomsky.

En Detail fragt sich, wenn man es genau nimmt aber eben nicht, ob nicht jede hierarchische und autoritäre Gesellschaft zumindest auf einem Teil völlig fiktiver Ideologie, einem halb fiktiven Denkmodell aufbauen muss, denn die triste Existenz in der Hierarchie ist ja nun in ihrer ausbeuterischen und devoten Zwanghaftigkeit für die Allermeisten nicht nur historisch kein Zuckerschlecken gewesen, sondern auch heut noch keins. Es gibt also starken Bedarf an Theorien, Ideen, Visionen und Fiktionen, um sich solch ein Dasein schön zu denken, sei es nun das eigene, erbärmliche oder das, welches man den anderen autoritärer Weise angedeihen lässt - mit jener Art humanistischer Lippenbekenntnisse, political correctness, und Pseudowohltätigkeit garniert, die jeden abstößt, der sich traut richtig hinzuschauen, dem die Zeit geblieben ist, sich nicht in der Kompetenzfalle zu verheddern oder der das Glück hatte nicht zum Fall für die Verschwörungs-Gruppentherapie zu werden.

Und wenn wir uns nun schon Gedanken zum Einfluss von Fiktionen auf die Wirklichkeit machen, Fiktionen die von Einzelnen oder Gruppen, gar gesellschaftsweit für "Realität" erachtet werden, dann ist da ja nicht nur die berüchtigte Ideologie des Dritten Reiches, und ihr banaler Legitimierungswahnsinn, mit dem aus "geglaubtem" und unterwürfig befolgtem Blödsinn und kleinbürgerlichem Rassismus die Rechtfertigung einer inhumanen Wirklichkeit und Handlungsweise entstand, welche heute immer noch täglich und bequem als negatives Abgrenzungsmuster herhalten soll. Nein, auch unsere "modern" und "demokratisch" genannte, aktuelle Gesellschaft ist ein einziges Wahngebilde aus kollektivem Selbstbetrug und hierarchischer Fremdsteuerung, in Form "normalisierter" Denk- und Wahrnehmungsschemata von einer Wirklichkeit ausgehend, in der genau diese selbe Herrschaftsideologie, dieser selbe Rassismus angeblich überwunden wurde. In dieser Annahme aber besteht die frappante Selbsttäuschungen westlicher Gesellschaften, der irreale Glaube bei größeren Teilen der Bevölkerung, als einem lieb sein kann. Genau an diesen beiden Punkten wird eine akute sowohl gesellschafts- und herrschaftskonsolidierende wie katastrophale, aber immer besser anonymisierte "Verschwörung" oft nicht erkannt - sie will und darf nicht erkannt werden. Wenn es jemand wagt, seine Angst überwindet, sich selbst darin, als Verschwörer, zu erkennen und sich zumindest theoretisch, also mit Gedanken - das ist immer der erst Schritt - zu distanzieren versucht, kann es passieren, dass er als Verschwörungstheoretiker, bezeichnet wird. Das passiert zuweilen sogar recht gelehrten und bekannten Zeitgenossen aus der philosophischen, soziologischen oder generell geisteswissenschaftlichen Ecke. Die "knallharten" Wissenschaften - auch die Ökonomie, eine ideologielastige Subkategorie der Soziologie, will sich am liebsten dazuzählen - würden den (system)kritischen Gedanken gerne mit seinen eignen Waffen schlagen, möchte man meinen. Aber es ist dann doch nur der Missbrauch der Methodik, in der der Beweisführer immer beweisen wird was er beweisen will. Das muss sie sein, die unsägliche Selbstreferenzialität der Kompetenz. Da war Dali aufrichtiger. Er nannte seinen Surrealismus eine paranoide Methode der Wahrnehmung.

Ist schon klar. Wir leben nun seit einiger Zeit schon exzessiv die Definition einer "alternativlosen" Gesellschaft aus oder zumindest sehen wir uns dazu genötigt, was dann genau diese Definition wiederum zu bestätigen scheint. Aber rational ist solches Kreisdenken deswegen noch lange nicht. Es handelt sich doch lediglich um die banale Benennung einer autoritären Zwangssituation. Die Suggestivität dieser Definition impliziert weder eine freiwillige Entscheidung der Betroffenen zu dieser Situation, noch die Möglichkeit jemals frei dazu entscheiden zu können. Hier wird der Zwangscharakter einer relevanten Verschwörung sehr schön klar - wem nicht? Wir alle sind Verschwörungspraktiker.

Es könnte natürlich auch sein, dass sich ja doch alle - wohlmöglich schon vor langer Zeit - freiwillig dazu entschieden haben in einer Art Sklavenstall zu leben zum Wohle und Nutzen einer feudalen Elite - vor allem die Milliarde Menschen, die heute am meisten darunter leiden, die ärmsten der Armen in den Ländern, die "unseren" Reichtum gewährleisten, wo man "unsere" Rohstoffe abräumt, die wir, die meisten, hier bei uns dann ganz freiwillig aber teuer konsumieren dürfen und damit den ganzen Sklavenstall auch freiwillig finanzieren. Kann ja sein alles, kann ja sein.

Daher sagt man auch gerne, dass das eben die Evolution sei, der Fortschritt, die Intelligenz, die Gene, Traditionen, Kulturen und wohlmöglich auch das Gegenteil von all dem. Manch einer meint in seiner Ratlosigkeit sogar der Mensch sei grundsätzlich schlecht, und nur deswegen sei alles wie es eben ist. Ich frag mich in meinem latent, verschwörungstheoretischen Kompetenzdefizit dann immer, welcher von uns denn nun der schlechte Mensch ist. Gibt es überhaupt schlechte Menschen? Ich?

Wieder andere erklären ganz einfach, dass Kapitalismus ohne Rassismus gar nicht funktionieren kann - MalcolmX zB. Der ist aber sicher auch wieder nur so ein Verschwörungstheoretiker, wahrscheinlich weil er damit dem ganz "normalen rationalen Denken" der herrschenden Klasse widersprochen hat?

Aber jetzt mal halb lang - wir machen es uns einfach - wie immer. Wir fragen uns erstmal nur was mit den "Verschwörungstheorien" ist, bei denen sich erwiesen hat, dass sie sich auf real existierende, echte "Verschwörungen" bezogen haben ? Wie nennt man die eigentlich ? Kennt einer welche ? Ich meine jetzt nicht den Blackout von Helmut Kohl, nee. Ich meine die richtigen Knaller, bei denen von Anfang an zumindest aus einer der vielen möglichen, "rationalen" Erwägung heraus klar war, dass da nur Schei**mist bei rauskommen kann … und "man" hat es dann gerade wegen der vorhandenen Kompetenz trotzdem gemacht, es auf die meistenteils uninformierten und daher möglicherweise kompetenzlosen, auf jeden Fall aber subordinierten Menschen losgelassen, als wenn man selber ein Alien wäre oder Gott persönlich und Misanthrop.

Kann man solche "Verschwörungen" aushebeln ?

ein Beispiel:

Und hier noch eine Gutenacht Geschichte für alle , die genau wissen wollen, was es denn nun mit den Verschwörungen und demn Verschwörungstheorien auf sich hat, warum das eine so alltäglich ist wie das andere, und warum es Verschwörungsleugner gibt.

Verschwörungstheorie – eine Begriffsbestimmung

Theorien von Verschwörung und Nichtverschwörung von Andreas Popp

Ideologie - Verschwörungen - Verschwörungstheorien - Verschwörungleugner - Konsensindustrie - Propaganda - Denkmodell - Glauben - Kompetenz - Hierarchie - Konkurrenz - Sklaverei

00:44 23.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

iDog

Wem nützt eigentlich die Staatsgewalt ?
iDog

Kommentare 41

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