Falsch abgebogen - Korrektur möglich ?

deutsch-deutsch Nach 26 Jahren Leben in der DDR und 30 Jahren Leben in der BRD macht Frau sich Gedanken.
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Falsch abgebogen - Korrektur möglich?

26 Jahre DDR-Bürgerin, 30 Jahre BRD-Bürgerin

"Kolonialisierung" - klingt hart. Während der Lektüre des gleichnamigen Buches* von Wolfgang Dümcke und Fritz Vilmar (3. Auflage agenda Verlag Münster 1996) wird mir aber klar, dass man den Prozess der Wiedervereinigung von DDR und BRD durchaus so bezeichnen kann, wenn man sich auf die wesentlichen Merkmale des Begriffes bezieht:"Zerstörung der "einheimischen" Wirtschaftsstruktur, die Ausbeutung der vorhandenen ökonomischen Ressourcen, die soziale Liquidation nicht nur der politischen Elite, sondern auch der Intelligenz eines Landes sowie die Zerstörung der gewachsenen - wie auch immer problematischen - Identität einer Bevölkerung..."*
Vor allem Letzteres beschäftigt mich schon, seitdem ich 1996 einen "Wessi" als Chef vor die Nase gesetzt bekam, der bei Gelegenheiten, wie der Wahl einer/s Frauenbeauftragten, ganz entrüstet äußerte, dass so ein Desinteresse und unernster Umgang mit solch wichtigen demokratischen Vorgängen typisch ostdeutsch wäre, wo man ja immer unter einer Diktatur gelebt hätte. Er konnte einfach nicht verstehen, dass unser aus DDR-Bürgern bestehendes Kollegium die Notwendigkeit eines Frauenbeauftragten, der die Rechte von Frauen vertreten soll, einfach nicht nachvollziehen konnte, da es für uns logisch gewesen war, d.h. unserer gesellschaftlichen Realität entsprochen hatte, dass Männer und Frauen gleichberechtigt waren. Wenn man extra einen Beauftragten brauche, dann bedeute dies, dass es mit der Gleichberechtigung nicht weit her sei, begründeten wir unsere Witzeleien zum Thema Frauenbeauftragter. Dieser Logik hatte er nichts entgegenzusetzen und war sprachlos, ein bei ihm sonst seltener Zustand.
Was also unterscheidet die Identität der Ostdeutschen von der der Westdeutschen?
Entsprechend meinen persönlichen Erfahrungen im Arbeitsleben seit 1987 (27 Jahre Ostberlin, 2 Jahre Niedersachsen) und meinem Privatleben (24 Jahre Ehe mit einem Ostdeutschen, 3 Jahre Partnerschaft und Ehe mit einem Westdeutschen) ergibt sich für mich der Hauptunterschied aus der Bewertung der Individualität und der Art, Entstehung, Auslebung und Durchsetzung aller damit verbundenen Ansprüche.
Der Heranwachsende in der DDR erlebte, erfuhr und bekam vermittelt, dass er ein wichtiger Teil der Gesellschaft war, dass man ihn brauchte und die Entwicklung seiner individuellen Fähigkeiten einerseits ihm, aber andererseits auch der Gesellschaft diente, im Idealfall also persönliche und gesellschaftliche Interessen eine Einheit waren. Dementsprechend wurde der Einzelne dazu aufgefordert, das Bestmögliche zu erreichen und zwar alle aus allen Bevölkerungsschichten. Kindergarten, Schule, Organisationen waren darauf ausgerichtet, auch den Kindern aus , wie sie heute heißen "bildungsfernen Familien" Bildung angedeihen zu lassen, was dazu geführt hatte, dass "Bildungsferne" am Aussterben war. DDR- ein Leseland! Arbeitskollektive, die Kultur genießen - kostenlos! Und wenn man nicht aus Dummheit,die Ideologie vertreten hätte, z.B. kirchlich gebundenen Menschen den Zugang zu höherer Bildung zu erschweren, dann hätte es hier wahrlich ein vorzügliches Beispiel von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit gegeben.
Gemeinschaft ist das Band zwischen Menschen, die für ein gemeinsames Ziel arbeiten. So könnte man den sozialen Konsens in der DDR bezeichnen, der sich herausgebildet hatte trotz Stasibespitzelung. Fast könnte man von Parallelgesellschaften sprechen: A die Gesellschaft der DDR-Menschen, deren gemeinsames Ziel ein ökonomisch gesichertes Leben für alle war und B die Gesellschaft derjenigen, die von sich meinten, über Richtig und Falsch richten zu können, aber zu dumm waren, zu erkennen, wie sie Wohlgesinnte damit vor den Kopf stießen und welche historische Chance sie damit vertaten, nämlich die einer wirklich gerechten Gesellschaft, in der sich niemand auf Kosten anderer bereichert.
Ich glaube A macht deutlich, was ostdeutsche Identität bedeutet, seine persönlichen Interessen nicht um jeden Preis voranzustellen und durchzusetzen, nicht beleidigt zu sein bei Kritik, die um die Sache geht, sich zu fragen, wie man mit seinen Talenten auch der Gesellschaft nützt, solidarisch zu sein, kein überzogenes materielles Besitzstreben zu haben, überhaupt die geringe Bewertung materiellen Besitzes für das persönliche Glück. Dazu gehört auch die Gewissheit der Unmöglichkeit, sich auf Kosten anderer maßlos bereichern zu können, weil die wirtschaftlichen Besitzverhältnisse dies ja gar nicht zuließen. Also sichere Existenz für alle, aber keine Superreichen. Das alles ist für mich DDR-Identität. Dies erlebte und erfuhr ich in den ersten 26 Jahren meines Lebens.
Im Gegensatz dazu erlebe und erfahre ich seit 1990 im neuen Wirtschaftssystem der kapitalistischen Marktwirtschaft mehrheitlich, wie die Überbewertung und das Missverständnis des Begriffes individueller Freiheit, der Anspruch, seine Persönlichkeit um jeden Preis ausleben zu müssen aus Menschen selbstbezogene Individualisten machen, die sich bei sachlicher Kritik sofort persönlich angegriffen fühlen, für Fehlschläge andere verantwortlich machen und sofort Anwälte einschalten, wenn ihren Vorstellungen nicht entsprochen wird. Von Eigenverantwortlichkeit kaum eine Spur. Selbst im Umgang mit "West"-Menschen, die ich nicht als Egoisten bezeichnen würde, fällt es schwer, Beweggründe für meine Äußerungen oder Handlungen verständlich zu machen, einfach deshalb, weil das Verständnis von Individualität ein anderes ist.
Materieller Besitz spielt hier eine ungeheure Rolle für das persönliche Glücksempfinden. Er wird ja geradezu propagiert in einer Gesellschaft, die sich über (materiellen) Konsum definiert. So maßlos egoistisch, wie die kapitalistischen Konzerne Arbeitnehmer, vor allem in der "Dritten" Welt und natürliche Ressourcen ausbeuten, so selbstverständlich ist auch der gesellschaftliche Konsens im Westen, dies alles zu verdienen und mit gutem Recht nutzen zu dürfen.
Gemeinsinn und Solidarität finden sich natürlich bei Privatpersonen (Ich erlebe sie täglich bei meinem Mann, bei Freunden und Kollegen "aus dem Westen".), in privaten Initiativen, aber nicht als gesellschaftlicher Konsens. Das ist der große Unterschied zwischen der ostdeutschen Gesellschaft und der westdeutschen.
Interessant ist, dass sowohl in der DDR als auch in der BRD vorhandener Gemeinsinn und Solidarität im Widerspruch zu übergeordneten Prinzipien stehen.
In der DDR wurden Gleichheit, Gemeinsinn und Solidarität sowohl propagiert, gelebt als auch - und das ist besonders wichtig - durch die wirtschaftlichen Verhältnisse des gesellschaftlichen Besitzes an Produktionsmitteln und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Aneignung des Mehrwertes als materielle Basis festgelegt. Dem entgegengesetzt war aber das, was DDR-Bürger erlebten, wenn Sie demokratische Freiheiten in Anspruch nehmen wollten, etwa freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, Reisefreiheit. Hier war die Staatsführung zu dumm, zu ignorant, zu ängstlich, zu machtgierig zu... was auch immer..., um an die Seite der ökonomischen Gerechtigkeit auch die ideelle Gerechtigkeit zu stellen. Stattdessen wurden durchaus sinnvolle Reformen, wie die Einführung der LPG oder wirtschaftliche Änderungen, unter dem Motto "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." teilweise gewaltsam durchgezogen, bzw. mit wenig oder gar keiner Beachtung dessen, was Fachleute sagten bzw. ohne realitätsnahe Gegebenheiten zu beachten, was letztendlich in Gemeinsamkeit mit der Sowjetunion als " Klotz am Bein" , mit immensen Rüstungsausgaben und einseitiger Unterstützung der Bruderstaaten zu wirtschaftlicher Stagnation führte. Menschen wurden, ohne die Möglichkeit vor ein unabhängiges, übergeordnetes Verfassungsgericht ziehen zu können, unter unsinnigen Vorwürfen angeklagt und verurteilt, gedemütigt und beschädigt, was eines sozialistischen Staates einfach unwürdig war. Die Verantwortlichen dafür haben wesentlich dazu beigetragen, dass der Sozialismus als eine gerechtere gesellschaftliche Alternative diskreditiert ist. Wer Menschen festhält und sie ihrer Freiheit beraubt, kann noch so sehr für ökonomische Gerechtigkeit sorgen, es bleibt Stückwerk ohne die Demokratie im Überbau. Man kann nicht etwas Neues mit alten Mitteln "unter die Leute bringen".
Bestand also der Widerspruch in der DDR zwischen dem, was durch eine gerechtere Ökonomie möglich gewesen wäre und dem, was Dummheit und Verbohrtheit im Staatsüberbau daraus machten, so war und ist es in der BRD genau umgedreht. Auf einem Wirtschaftssystem, dass auf Privatbesitz an Produktionsmitteln und daraus resultierender privater Aneignung des Gewinns beruht somit also Konkurrenz, rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Ressourcen bedeutet, steht eine parlamentarische Demokratie, die versucht, die Folgen der Marktwirtschaft sozial abzufedern, die sich Toleranz, Freiheit und Gemeinsinn auf die Fahnen geschrieben hat und diese Ideale auch in Schulen propagieren lässt mit Erfolg. Die Probleme beginnen dann, wenn Kinder nach einem momentanen Leistungsvermögen - meist im Alter von 10 Jahren- einsortiert werden in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien, wenn Konkurrenz um Schulplätze entsteht, wo eigentlich Gemeinsinn und Gemeinsamkeit sein sollten, wenn der "Kampf" um einen Ausbildungsplatz beginnt und die Hauptschüler oft auf der Strecke bleiben in ungelernten Tätigkeiten, gering bezahlten Jobs, ohne Ausbildung. So generiert dieses System eine Ghettoisierung von Hauptschulabsolventen, die aufgrund ungleicher Ausgangschancen, die sie ihren Kindern bieten können, wiederum Eltern von Hauptschülern werden, weil gleiche Bildungschancen für alle nur durch gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis 10 erreicht werden können. In der Schule Toleranz, Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft und im Leben Ellenbogen und ökonomische Unsicherheit bzw. Ungerechtigkeit.
Wäre es nicht gut gewesen ökonomische Gerechtigkeit mit Demokratie zu verbinden?
Das wäre allerdings einer Weltrevolution gleichgekommen, denn es hätte Vergesellschaftung von Konzernen und Banken bedeutet, das, was sich zu Beginn der Veränderungen in der DDR übrigens die Mehrheit der DDR-Bürger wünschte. Dazu sind die Macht und der Einfluss selbiger auf diesem Globus aber schon zu stark und Regierungen, die an ihren Strippen hängen, tun alles, damit nirgendwo in dieser Welt ein Staat unabhängig von Weltbank, Erdöl- und Militärindustrie sein "eigenes Ding" machen kann. Regierungen, die es versuchten, wurden gestürzt von den mächtigsten Interessenvertretern der kapitalistischen Wirtschaft USA, Großbritannien. So geschehen 1953 im Iran, 1973 in Chile, 2003 im Irak, 2013 in Syrien, in Libyen, weitere Versuche in den vergangenen Jahrzehnten scheiterten zum Glück in Angola, Venezuela, Nicaragua, hinterließen aber dort schwere Schäden.
Ein endloser Reigen von Einmischungen in innere Angelegenheiten souveräner Staaten durch inszenierte Aufstände, Unterstützung sogenannter Rebellengruppen, Waffenlieferungen führt zu dauernden Kriegen, die den daran verdienenden Konzernen auf Dauer Milliardengewinne und Millionen Menschen in den Regionen des Nahen Ostens und anderen Gebieten Tod, Elend, Zerstörung bringen und sie zur Flucht veranlassen. Kleine "heiße" Kriege haben den "Kalten" ersetzt und versprechen Dauereinnahmen.
Für jemanden, der 26 Jahre auf der in diesem Sinne "gerechteren", weil nicht ausbeuterischen, Seite dieser Welt verbracht hat, ist es schwer erträglich, jetzt zu den "Bösen" zu gehören. Zwar kann ich jetzt überallhin reisen, wenn ich das Geld dazu habe. Aber wenn ich einen Fuß vor mein ALL-inclusive Hotel setze und meine Augen nicht verschließe, stoße ich überall in Afrika, Asien, Südamerika auf das Elend, für das der Kapitalismus der westlichen Staaten verantwortlich ist, auf krasse Ausbeutung und Raubbau an Ressourcen.
Da wird der Urlaub zur Bildungsreise und man schämt sich.

20:29 21.11.2020
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