Ratings - Sie sind gut gemeint, und doch wirken sie böse

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Warum Regierungen die Ratings nicht mehr Ernst nehmen und was zu tun ist.

Was tun Ratingagenturen?

Ratingagenturen sind private Dienstleister auf dem Finanzmarkt. Sie bewerten die Kreditwürdigkeit (Bonität) eines Unternehmens oder Staates auf der Grundlage von Informationen, diese können z. B. quantitative Wirtschaftsdaten sein. Die Kreditwürdigkeit ist, im engeren Sinne, die Fähigkeit des Schuldners seinen Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft nachzukommen.

Gläubiger und Schuldner profitieren von Ratings

In der Regel sind Ratings eine gute Sache. Eine Nachfrage nach Ratings ist, sowohl von Gläubigerseite als auch von Schuldnerseite, vorhanden. Es ist selbstverständlich, dass Gläubiger Sorge um ihr Geld tragen, und potenzielle Gläubiger sichere Anlagen suchen. Es gibt auf Seiten der Gläubiger eine Nachfrage nach Ratings, da diese eine Einschätzung des Ausfallrisikos von Krediten geben. Hierbei haben Ratings den Vorteil, dass sie leicht verständlich sind. Ineinandergreifende wirtschaftliche Daten werden auf eine einfache Note wie z. B. AAA reduziert. Infolgedessen werden Entscheidungen vereinfacht, und die Kreditvergabe kann schneller abgewickelt werden. Davon profitieren Gläubiger und Schuldner. Zusätzlich treten Ratingagenturen beim Prozess der Kreditvergabe als unabhängiger Dritter auf.

Es ist nicht alles Gold, was als AAA bewertet ist

Ratingagenturen vermitteln in der Rolle des Dritten den Eindruck, dass ihre Einschätzungen objektiv und daher vertrauenswürdig sind. Doch ihre Ratings sind mit Vorsicht zu genießen, denn die Auftraggeber von Ratingagenturen sind meist auf der Schuldnerseite zu finden. Es ergeben sich zwei Objektivitätsmakel. Erstens, Unternehmen wollen generell mit günstigen Krediten versorgt werden, daher sind sie stets um ein sehr gutes Rating bemüht. Ein Unternehmen kann Bilanzen fälschen, um ein niedrigeres und somit besseres Rating zu erhalten. In einem solchen Fall ist das entsprechende Unternehmen der böse Bube. Zweitens, Ratingagenturen sind ihrerseits auch private und gewinnorientierte Dienstleistungsunternehmen, die ihren Kunden eine gute Dienstleistung bieten möchten, d. h. ein sehr gutes Rating. Agenturen können Daten ebenfalls manipulieren oder Bewertungsmethoden kundengerecht anpassen. Da sie die Formeln und die Bewertungsfaktoren zum großen Teil im Geheimen halten, entsteht der Eindruck von nebulösen, manipulierbaren und willkürlichen Bewertungen. Die Objektivität und die Qualität der Ratings der Agenturen sind auf Grund der Fehleinschätzungen in der Vergangenheit zu hinterfragen. Beispiele gibt es genug.

Ratingagenturen und Staaten

Da Staaten auch als Schuldner auftreten, werden sie von Ratingagenturen bewertet. Ein schlechteres Rating hat zur Folge, dass Staaten für neue Kredite höhere Zinsen bezahlen müssen, oder ihre Staatsanleihen höher verzinst auf den Markt bringen müssen. Höhere Zinsen bei der Neuverschuldung belasten den Haushalt des Staates, so dass es zu Kürzungen kommen muss. Im Groben bedeutet ein schlechteres Rating, dass die Neuverschuldung für einen Staat teurer wird. Dies bedeutet aber auch, dass Ratingagenturen indirekte Macht über den Haushalt eines Staates haben. Aber nur in den Fällen, in welchen sich Gläubiger bei ihren Entscheidungen auf Ratings stützen, implizieren Ratings, ob und zu welchen Konditionen (Zinsen) Staaten einen Kredit erhalten. Also erhalten Ratingagenturen ihre Macht dadurch, dass die liquiden Akteure auf dem Finanzmarkt Ratings in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen.

Ich möchte das mit einem Bild veranschaulichen: Die Akteure auf dem Finanzmarkt tragen die Büchse der Pandora. Ratingagenturen geben nur eine Einschätzung ab, ob die Büchse geöffnet werden muss. Die indirekte Macht von Ratingagenturen ist am einfachsten einzudämmen, indem ihre Relevanz heruntergespielt wird. Die beste politische Methode gegen eine Abstufung lautet: „AA+, wen juckt das überhaupt?“

Was ist zu tun?

Welche Nation möchte schon, dass drei privatwirtschaftliche Unternehmen ihre Zukunft beeinflussen? Eins sollte klar sein: Bei privatwirtschaftlichen Agenturen ist Transparenz nur Illusion. Ratings sind an sich gut, und Bewertungen der Kreditwürdigkeit von Staaten sollten durch eine internationale nicht-privatwirtschaftliche Ratingagentur vorgenommen werden.

11:59 17.01.2012
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Geschrieben von

Igor Hirsch

Diplom-Kulturwissenschaftler und ein Täter des Worts.
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