potsdamer szene in den 70er/80er jahren martin ahrends

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Eine öffentliche Nische: Das Café Heider in Potsdam

Es ist das einzige privat betriebene Café Potsdams zu DDR-Zeiten. Menschen aus unterschiedlichen Szenen treffen sich hier. Viele lieben den Kuchen aus der hauseigenen Backstube. Manche spielen stundenlang Schach, andere kommen zur Live-Musik. Kaffee, Alkohol und Zigaretten sind die ständigen Begleiter angeregter Diskussionsrunden. Neue Lebensentwürfe und verbotene Bücher wechseln hier ebenso den Besitzer wie Antiquitäten oder Autoersatzteile. Viele Ideen werden an den Kaffeehaustischen geboren, nur wenige werden Realität.

Martin Ahrends: Damals im Café Heider - Die Potsdamer Szene in den 70er und 80er Jahren

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"Das Heider und seine Bohème hatte mit Erwartungen zu tun, die ich mir so nicht einlösen wollte. Ich hielt dieses Café für einen Trug, für eine Kulisse. Und als mir jetzt Karl Heider von einer flächendeckenden Abhöranlage in der Decke seines Cafés erzählte, fand ich mich bestätigt in meiner Aversion gegen das Nichtauthentische dieses Ortes. Daß dieser Ort aber ein besonders authentischer war, dass es dieses Café-Heider-Leben nirgends sonst als in diesen Jahren, in diesem östlichen Nachkriegsdeutschland geben konnte, dass es also ein Ausdruck dessen war, was uns alle mehr oder weniger betraf: mit der ganzen Biographie gefangen, befangen zu sein in dieser DDR, gleichviel, ob man ihr früher oder später entkam oder zu entkommen glaubte – das habe ich erst viel später verstanden.
Martin Ahrends

In 25 Gesprächsprotokollen mit Stammgästen aus den 70er und 80er Jahren gibt Martin Ahrends Auskunft über deren Biografien und eine DDR-Nischengesellschaft.

Das Café Heider, sagt Fotograf Andreas H., war günstig gelegen zwischen Abrissviertel und Wohnungen von Künstlern und Bohemiens. Die Inneneinrichtung habe aus einer skurrilen Mischung von DDR-Möbeln, Wiener-Caféhaus-Anklängen und Kitsch in der Mokkastube bestanden. Das Café sei Zentrale gewesen für Randgruppen aller Art, Trinker, Punks, auch helle kritische Köpfe und Touristen aus Berlin. Hier traf diese „Mischung aus Irren aller Kategorien, normalen Kaffeetrinkern und Kuchenessern“ aufeinander, sagt Andreas H. Sehr schräg, einer der wenigen Orte, an denen man Subkultur leben konnte.

Für Carsten W. war das Heider seine Universität, seine geistige Heimat. Er hat dort viel diskutiert, auch über die Bücher die er sich im Café besorgte – z.B. von Mücke, der Westbeziehungen hatte und an Camus, Sartre und Freud herankam.
„Es lässt sich gut reden, wenn man sich einig ist, wogegen“, sagt er heute. Für Carsten W. kam im Heider das Wort vor dem Sex.

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www.verlag-schwarzdruck.de/

11:33 12.02.2011
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Geschrieben von

indyjane

etwas ist immer
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