Werner Heiduczek zum 85. Geburtstag

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

eigenartig war es, von kay.kloetzer angeregt, mich wieder in die "alten" bücher zu versenken, und besser als mit "zwischen den zeilen die zeiten" kann nicht beschrieben werden, was mir so stark bewusst wurde - wie ich dieses geschichtliche/politische in literarischer form vermisse.
www.freitag.de/community/blogs/kay-kloetzer/buecherfunde-zwischen-den-zeilen-die-zeiten

Ich danke ihr auch für anregenden Artikel "Leben am Zweifel" aus der LVZ-online
bit.ly/ucjhTc

Schreiben oder Nichtschreiben
Die Fülle der jährlich veröffentlichten Texte erschreckt
mich. Buchmessen meide ich, selbst in Buchhandlungen
gehe ich nur, wenn es unbedingt erforderlich ist. Damit
stelle ich mich in Widerspruch zu mir selbst, d. h. zu meiner
Arbeit. Warum also schreibe ich, obwohl wie mir scheint,
das bereits Gedruckte uns schon mehrfach erschlägt und
das Neue wohl zwangsläufig das Bessere ist? Die Antwort
drängt sich auf: Ich schreibe, um mich zu finden und zu
verwirklichen. Die Lüge wird mir bewusst, und ich verwerfe
die Erklärung. Denn schrieb ich, um mich zu finden und zu
verwirklichen, brauchte ich meine Texte nicht einem Verlag
vorzulegen, damit er sie herausgibt. Also schreibe ich, um
gedruckt zu werden. Das will ich als erstes festhalten. Eins
fordert Zwei.
Warum will ich gedruckt werden? Darauf gibt es mehrere
Antworten: Weil ich wahrgenommen werden will, weil
ich so oder so wirken will, weil ich Geld brauche, weil es
mein Wertgefühl hebt, weil es mir manchen Vorteil bringt,
den andere nicht haben. Noch während ich das hinschreibe,
meldet sich der Verteidiger in mir und sagt: Es gibt keinen
Vorteil ohne gleichzeitigen Nachteil. Und er führt an: Depressionen,
Schlaflosigkeit, ungerechte Kritiken, Druckverbot,
Vereinsamung, Gastritis. Und weiter: Das Geld kann
für den Schreiber so entscheidend nicht sein, betrachtet
man die Dunkelziffern von Zahlkellnern, Klempnern, Autoschlossern.
Zum Wertgefühl. Sicher, ein in Leinen gebundener
Roman bleibt auf den, der ihn geschrieben hat,
nicht ohne Wirkung. Verglichen mit den Salutschüssen für
einen Staatsmann, ja selbst mit dem Hochgefühl eines unbedeutenden
Kleinstadtsekretärs auf der Tribüne bei einerDemonstration ist der Stolz des Büchermachers kümmerlich.
Wenn also nicht Zwei, dann Drei: Ich schreibe aus demselben
Grund, wie ich atme und mich bewege, schlafe und
aufstehe. Und es ist ohne Sinn, außer dem, am Leben zu
bleiben.
(unveröffentlicht, 1983)

aus
VOM GLANZ UND ELEND DES SCHREIBENS 2011

Heute wird er 85 Jahre.

http://www.freiepresse.de/DYNIMG/69/21/3936921_W700.jpg

1977

http://nachrichten.lvz-online.de/files/images/bild_770x770/00000608/111123kulturnewsheiduczek800_phpvaFT8J20111123203304.jpg

2011

Leseempfehlungen
www.ploettner-verlag.de/autoren/werner-heiduczek/

Interview: Das Abwarten gelernt, 24.11.11 märkische allgemeine
bit.ly/vlj34w

lesung aus "jeder ist sich selbst der fernste" zum nachhören:

bit.ly/rFcxoP

12:33 24.11.2011
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Geschrieben von

indyjane

etwas ist immer
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