„Es macht immer noch einen Unterschied“

Nachwendegeneration Vor fast 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Für Jüngere ist sie nur noch ein abstrakter, historischer Fakt – oder nicht? Bröckeln Vorurteile oder setzen sie sich fest?
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„Es macht immer noch einen Unterschied“
Der Mauerfall ist ein Bild aus der Vergangenheit. Lebt die Teilung in den Köpfen junger Menschen trotzdem weiter?

Foto: David Gannon/AFP/Getty Images

Mit der Ende Februar 2019 veröffentlichten Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ wollte die Otto Brenner-Stiftung dieser Frage auf den Grund gehen. Erstellt wurde die repräsentative Umfrage von einem Forscherteam um Rainer Faus vom Beratungsinstitut Pollytix. Im Interview spricht der Sozialwissenschaftler über Einstellungen zu Politik, Zukunftsperspektiven – und die Frage, warum viele junge Menschen politische Gespräche im Freundeskreis vermeiden. Am 19. März ist Faus im Hintergrundgespräch beim Veranstaltungsformat „U3“ in Berlin-Mitte zu Gast.

Laut Ihrer Studie sagen 68 Prozent der Westdeutschen und 64 Prozent der Ostdeutschen unter 30, dass die Wiedervereinigung so lange her sei, dass sie für sie persönlich keine Rolle spiele. Warum braucht es dann so eine Studie überhaupt?

Es wird oft gesagt, dass die Einheit schon vollendet ist – bei den jungen Leuten sowieso. Da hatten wir so unsere Zweifel. Wir sehen auch, dass in der Studie junge Leute in Ostdeutschland seltener als junge Leute in Westdeutschland der Meinung sind, dass es in Deutschland gerecht zugeht. Sie sind auch seltener der Meinung, dass die Demokratie momentan gut funktioniert. Dafür kann es mehrere Ursachen geben – und es ist politisch wichtig zu wissen, was der Grund dafür ist. Wenn es durch Sozialisation bedingt ist – also durch das Umfeld – hat man andere Ansatzpunkte, als wenn die Situation im Osten einfach schlechter ist – beispielsweise die wirtschaftliche Lage oder die wirtschaftlichen Chancen. Wenn es an der Situation liegt, müsste man an ihrer Verbesserung arbeiten. Wenn es an der Sozialisation liegt, müsste man mehr über die Wende reden. Man müsste die Transformationsleistung der Ostdeutschen stärker thematisieren – und auch, dass beispielsweise mit der Treuhandanstalt nicht alles so gut gelaufen ist. Dann ginge es eher um Aufarbeitung.

Zur Person

Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler, Autor sowie Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. Mit pollytix berät er auf Basis qualitativer und quantitativer Forschung Kunden aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft strategisch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen

Was sagen die Ergebnisse der Studie? Liegt es eher an der Situation oder an der Sozialisation?

Beides. Es ist zum einen so, dass junge Leute in Ostdeutschland seltener zustimmen, dass es einfach ist, in ihrer Region einen guten Job zu finden. Gleichzeitig ist es auch so, dass die Wende in ostdeutschen Familien häufiger ein Thema war. Jeder zweite Ostdeutsche unter 30 hat uns in der quantitativen Befragung gesagt, dass es den Eltern durch die Wiedervereinigung besser ging. Jeder fünfte sagt, dass es ihnen schlechter ging. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Der häufigste war die Erfahrung von Arbeitslosigkeit und gebrochenen Biografien. Das ist etwas, das sich stark auf die Sozialisation auswirkt. Das hinterlässt das Gefühl – auch bei jungen Menschen unter 30 –, dass Ostdeutsche nicht immer gut behandelt wurden. Die Wiedervereinigung selbst ist natürlich lange her. Gleichzeitig sagen zwei Drittel der jungen Leute aus dem Osten: Es macht immer noch einen Unterschied, ob man aus dem Westen oder aus dem Osten kommt.

Wen haben Sie befragt?

Wir haben jeweils 15 junge Menschen, die nach 1989 aufgewachsen sind, in Ost- und Westdeutschland zu Hause besucht, uns eine Stunde mit ihnen unterhalten und dabei Ideen generiert, was Unterschiede sein könnten. Die Literatur dazu ist nicht unbedingt besonders aussagekräftig. Unsere ist ja die erste Studie, die ausschließlich Menschen betrachtet, die unter 30 sind und im vereinten Deutschland aufgewachsen sind. Unter anderem aus diesen Gesprächen haben wir dann den Fragebogen generiert und jeweils etwa 1000 unter 30-Jährige in Ost- und Westdeutschland per Online-Befragung interviewt. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie das getrennte Deutschland nicht erlebt haben.

Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten innerhalb dieser Generation?

Worin sich die jungen Leute im Osten und Westen ähnlich sind, ist der optimistische Blick auf das eigene Leben. Knapp zwei Drittel in Ostdeutschland wie auch zwei Drittel in Westdeutschland sehen ihre eigene Zukunft positiv – was eine gute Nachricht ist. Auch sehen beide Gruppen, dass die wirtschaftliche Lage in Deutschland gut oder sogar sehr gut ist. Worin sich die jungen Leute auch ähnlich sind, ist die Befürwortung der Europäischen Union. Die große Mehrheit in Ost und West ist der Meinung, dass die Demokratie die beste Staatsform ist – auch, wenn es im Osten ein paar weniger sind.

Mehr als ein Drittel der jungen Leute vermeidet es, mit Freunden und Bekannten über Politik zu sprechen, um nicht in Streit zu geraten. Warum?

Da haben wir tatsächlich einen kleinen Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen gefunden. Das geht aus dieser Studie nicht hervor, aber wir sehen auch bei anderen Umfragen zunehmend, dass sich die Gesellschaft im Zuge der Flüchtlingskrise in 2015/2016 zum Teil repolitisiert und auch polarisiert hat – in sehr laute und sehr überzeugte Befürworter einer Willkommenskultur und jene, die diese ablehnen. In anderen Ländern – wie Österreich beispielsweise – gibt es das schon seit Jahren, dass man vermeidet, über Politik zu reden, damit es keinen Streit gibt. Jetzt haben wir herausgefunden, dass es in Ostdeutschland 43 und in Westdeutschland knapp unter 40 Prozent der jungen Leute vermeiden, über Politik zu sprechen, um nicht in Streit zu geraten. Hier geht es darum, dass der Riss zwischen Weltoffenheit und Toleranz auf der einen und Abschottung und „Zurück-zum-Nationalstaat-Gedanken“ auf der anderen Seite quer durch Familien und Freundeskreise geht. Es schwelt also offensichtlich ein Konflikt im Land, der auch an den jungen Leuten nicht vorbeigeht.

In der Studie schreiben Sie, dass in den Gesprächen anfangs keine Vorurteile gegenüber West- beziehungsweise Ostdeutschen auftauchten. Dann aber kamen besonders klischeehafte hoch – etwa, das Westdeutsche arrogant und Ostdeutsche arm seien.

Wir fragen gerne diese spontanen Assoziationen ab und erstellen solche Word-Clouds, wie wir sie auch in der Studie zeigen. Bei dieser Studie ist ja interessant, dass die Eigenwahrnehmung der Westdeutschen ähnlich der Fremdwahrnehmung durch die Ostdeutschen ist. Etwa, dass sie reicher sind. Darin sind sich beide Gruppen einig. Dementsprechend glauben West- und Ostdeutsche, dass die Menschen im Osten ärmer sind. Auch das Klischee des ostdeutschen Rassisten kommt durch. Der Ostdeutsche sieht sich gleichzeitig als bodenständig. Das sindZuschreibungen, die in der öffentlichen Debatte virulent sind. Dass diese sich auch bei den unter Dreißigjährigen fortsetzen, ist ein interessanter Befund, das heißt aber nicht, dass das alles ganz schrecklich ist. Mancher Norddeutsche hat sicherlich auch ein Bild vom Bayern, der immer Schweinshaxe isst und der Bayer vom Norddeutschen, der immer nur Fisch isst.

Gibt es etwas, das Sie überrascht hat?

Zum Teil sind die Ergebnisse erwartbar gewesen. Gerade, was das Gerechtigkeitsempfinden und die Demokratiezufriedenheit betrifft, haben wir die Ergebnisse zwischen Ost und West auch in anderen Studien bekommen. Ein bisschen überraschend ist aber schon, dass sich diese Ansichten einfach in jüngeren Bevölkerungsgruppen fortsetzen. Das ist insofern ein Problem, da es relativ schwierig sein wird, die Leute, die jetzt mit dem demokratischen System unzufrieden sind, zu überzeugen, dass es gut funktioniert. Da ist viel Arbeit notwendig. Wenn jetzt eine Kohorte von relativ unzufriedenen Menschen heranwächst, ist das für die Demokratie in Deutschland kein gutes Zeichen.

Gibt es unter den jungen Menschen so etwas wie eine west- oder ostdeutsche Identität?

Bei den Westdeutschen gibt es diese Identität so nicht, weil die Norddeutschen sich eher als Norddeutsche sehen und die Bayern als Bayern und die Schwaben als Schwaben. Als Westdeutsche würden sich am ehesten die Menschen in Nordrhein-Westfalen fühlen. Die Zahlen deuten an, dass es eher eine ostdeutsche Identität gibt in Abgrenzung zum Westdeutschen als andersherum. Was auch mit der Transformationserfahrung und dem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, zusammenhängt.

Die Studie zeigt: Was Vertrauen in Einrichtungen und Institutionen betrifft, steht die Polizei ganz oben, die Parteien ganz unten. Wie interpretieren Sie das?

Dieses Muster, dass Polizei, Gerichte und Justiz oben stehen und die Bundesregierung und die Parteien unten, sehen wir auch bei der Gesamtbevölkerung häufig. Das ist bei den Jungen nicht stärker ausgeprägt als bei Älteren. Menschen tendieren dazu, mit Parteien zufriedener zu seien, wenn sie das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht. In Ostdeutschland sind es aber gerade einmal 41 Prozent, die sagen, dass es alles in allem in Deutschland gerecht zugeht. In Westdeutschland sind es ein paar mehr, aber eben auch nur jeder Zweite. Dann ist es auch kein Wunder, wenn die Parteien im Moment nicht allzu gut dastehen. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren eine gewisse Erwartungssicherheit gegenüber den Parteien verloren gegangen ist. Früher wusste man, die Konservativen handeln konservativ, die Sozialdemokraten sozialdemokratisch und die Grünen grün. Die Union hat sich etwas von ihrem konservativen Markenkern entfernt. Ähnliches ist auch bei den Grünen und bei den Sozialdemokraten zu beobachten. Diese Entwicklung sorgt natürlich für Verwirrung und einen gewissen Vertrauensverlust, weil Erwartungssicherheit verloren gegangen ist.

Info

Link zur Studie der Otto Brenner Stiftung

Termin: 19. März 2019, 19 Uhr, U3 sitzungswoche-Hintergrundgespräch,

Ort: Die Maultasche, Charlottenstraße 35-36, Eintritt frei, Anmeldung hier

11:42 18.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Inga Dreyer

Freie Journalistin in Berlin. Schreibt über Kultur, Gesellschaft und Politik. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Inga Dreyer

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