Die politische Telenovela in der DDR

Abfrafaxe, Mosaik In einem Text über Mosaik-Comics war zu lesen, dass in diesen metasprachlich verschlüsselte Kritik am Regime der DDR zu finden wäre.
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Zu Beginn der 80iger Jahre stieß eine bis dato nur einem ausgewählten studentischen Publikum bekannte Figur zum Ensemble des Mosaiks, die, gleichwohl niemals dafür konzipiert, in den folgenden Wochen und Monaten zu
dem zeichnerischen Medium systemkritischer Überzeugungen der Redaktion um
Lothar D. avancieren sollte, und gleichsam ihre Geschichte zur Mutter aller politischen Telenovelas.

Ihr Name: Knödel-Fanny.

Schon die Jahre zuvor waren geprägt von einer wachsenden Unzufriedenheit innerhalb der Mosaik-Redaktion über die bestehenden Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik. Insbesondere der repressive Naturschutz des selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaates ließ nicht wenige daran
zweifeln, ob für den Sozialismus deutscher Prägung noch eine Zukunft bestünde. Dennoch wurde die offene Konfrontation vermieden, nicht zuletzt
aus der Angst heraus, selbst zum Opfer der staatlichen Verfolgung zu werden und wie Wolf Biermann oder Nina Hagen eine Karriere als Witzfigur im Westen
starten zu müssen.

Vielmehr entwickelten die Künstler eine vielschichtige Formen- und Bildersprache, um quasi durch die Hintertür ihre politischen Botschaften an
den Mann zu bringen. Eindringlichstes Beispiel hier ist die zu historischer Berühmtheit gebrachte Verwendung der Farbe "Helllichtockergelb", eben jener politisch
brisanten Farbe, die in der ehemaligen DDR erstens unbekannt, zweitens verboten und drittens gar nicht erhältlich war. Was sich auf dem ersten
Blick der Deutung und somit der Zensur entzog, entwickelte erst bei näherer Betrachtung seine Wirkung, zum Beispiel auch durch die ostentative Verwendung von atypisch runden Kreisen in den Sonderheften zu den
Weihnachtsfeiern in Helsinki 78 und Muttis Geburtstag 79.

Doch erst mit Einführung der Knödel-Fanny im Anschluss an die Österreich-Ungarn-Serie der Abrafaxe, vielleicht auch motiviert durch den erneuten Geburtstag von Mutti im Jahre 1980, wurde aus dem stets sanften Winken mit dem Gartenzaun, das die politische Agitation des Mosaiks bestimmt hatte, offene, auf Konfrontation ausgerichtete Propaganda.

"Kein Blatt mehr
vorm Mund", so hatte es die Chefredaktion auf Muttis Geburtstagsfeier formuliert.

Und nichts war der Figur der Fanny ferner, als nur irgendwie anders als gerade heraus das zu sagen, was sie respektive ihre Texter dachten und woran sie glaubten. Wo immer möglich, wo immer angebracht, ob
Parteitagsbeschlüsse, ob Synthesizermusik oder Dirk Michaelis, auf einmal redete man Klartext, sprach aus, was manch anderer nicht einmal zu denken im
Stande war. Zu sich selbst stehen, ganz sich selbst sein, sich nicht verbiegen lassen und für das einstehen, was wahr und richtig ist, gleich, welche persönlichen Konsequenzen das haben mochte, das waren die neuen Ideale, die mit Fanny in die Hefte und gleichsam die Köpfe der Leser Einzug
hielten.

Die Folgen sind bekannt. Unter Historikern mag es strittig sein, ob nun der Zusammenbruch des Ostblocks tatsächlich ursächlich auf diesen mutigen Schritt, auf diese zierliche Alpenländerin mit dem Wahlspruch "Marx
ist tot, esst doch noch einen Knödel" zurück zu führen sei, doch eines ist sicher: Ohne sie sähe die Welt anders aus. Unvergessen sind daher die Worte von Papst Johannes Paul II zum zehnten Jahrestag der Befreiung von Rosi, der
sprechenden Wundersau aus russischer Kriegsgefangenschaft: "Ohne Fanny sähe
die Welt anders aus."

Und heute? Heute führen andere ihren Kampf weiter, im gesamtdeutschen Remake "Sturm der Liebe."
Die politische Telenovela - ohne Fanny undenkbar.

Wie schon ihr großes historisches Vorbild ist Laura eine Frau aus dem Volk, eine, die kochen und ihren Mund benutzen kann. Nur ist ihre Welt eine andere, ihre Gegner haben das Gesicht verloren, scheinen unsichtbar. Die
einfache, übersichtliche Welt des feudalen Elends, in der Fanny agierte, hat sich gewandelt zu einem globalisierten Moloch, in dem Urananreicherung, Al Quaida und immer wieder Nina Hagen ihr Unwesen treiben.

Dem etwas entgegen zu setzen, bedarf mehr als nur der Erkenntnis der Hinfälligkeit marxistischer Philosophie. Gut denkbar, dass Knödel-Fanny in dieser Welt, in
der Welt Laura Mahlers zum Scheitern verurteilt wäre, aber eines ist gewiss:
Sie hätte niemals aufgegeben, kohlenhydratgewordene Liebe in Knödelform unters Volk zu verteilen!

So muss es auch als eine bewusste Hommage verstanden werden, wenn Laura in Folge 31 zur aus verzweifelter Liebe Blindheit vortäuschenden Hotelerbin
Katharina sagt: "Guten Morgen." Und Katharina? Diese Mensch und Fleisch gewordene Allegorie auf das zweite Gesetz der Thermodynamik, was weiß sie mehr zu bringen als eine schlichte, nur zu durchschaubare, sie in all ihrer
Neoliberalität entlarvende Replik: "Auch dir einen guten Morgen."

Wer fühlt sich da nicht erinnert an jenes denkwürdige "Guten Morgen" Erich Honeckers am 18. April 1984, fast genau zehn Jahre nachdem Abba den Grand
Prix de la Chanson de la Eurovision mit dem bezeichnenden Titel "Waterloo" gewann?

Sicherlich niemand, und das ist eben der große Verdienst der früheren Mosaik-Redaktion, von Knödel-Fanny und ihren Nachfolgerinnen, mögen
sie nun Laura, Julia, Lisa oder Horstbert, Kl ofrau aus Leidenschaft, heißen.

So kann man die Abrafaxe vielleicht heute aus historischer Sicht mit ähnlich systemkritischen und widerständlerischen Aufruhr-Magazinen wie den
Schlümpfen vergleichen, die mit schonungsloser Provokation die kapitalistischen Zustände im Westen offenlegten und damit Generationen zum
Umdenken zwangen! Auch die polarisierende Kraft von "Bussi Bär und Bello" zeigt, dass es sich bei diesem, als harmloses Kinderheftchen getarnten politischen Magazin in Wahrheit vermutlich eher um ein scharf
medienkritisches Enthüllungsblatt handelt!

Das System, und es ist immer das System, muss zwangsläufig scheitern, solange es Figuren wie diese gibt.
19:36 28.05.2015
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Geschrieben von

Ingeborg Fachmann

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