Ach, Harry ...

Mésalliance In Katja Lange-Müllers neuem Roman "Böse Schafe" scheitert eine Liebe zwischen Ost und West

War da nicht was? Manchmal, meist, wenn man es am wenigstens erwartet, holt einen plötzlich die Vergangenheit ein. Ein altes Foto, eine Anruf, eine zufällige Begegnung - schon tauchen Bilder wieder auf, die man längst in der Mottenkiste der Erinnerung vermutete. Gut vertäut im Hier und Jetzt, steht man in Gedanken wieder an einer Lichtjahre zurück liegenden Weggabelung. Und die alten Wunden brechen auf.

Es ist dieser Phantomschmerz, der Katja Lange-Müllers neuen Roman Böse Schafe vorantreibt. Oder soll man sagen, gebiert? Soja, Lange-Müllers Protagonistin, blickt auf eine Liebe zurück, die sie mehr mitgenommen hat als jede andere. Die aber womöglich nie existierte. Dabei hatte alles so wunderbar begonnen, als sie im April 1987 am Berliner Nollendorfplatz diesem Harry über den Weg lief. "Na, Mausepuppe, wohin geht´s?" hatte der blauäugige Mann mit den breiten Schultern die aus der DDR Entlassene gefragt. Und noch heute scheint die Erzählerin weiche Knie zu haben von dem "betörend undramatischen Glück", das sich aus diesem Zufall entwickelte. Doch als Soja Jahre später, nach Harrys Tod, dessen Tagebücher durch forstet, stellt sie konsterniert fest, dass sie dort mit keiner Silbe erwähnt wird. Was denn? Das große Gefühl - eine Leerstelle?

Dass nur vergessen kann, wer sich erinnert, musste schon die durch die realsozialistischen Verhältnisse ungewollt auf die schiefe Bahn geschobene Protagonistin aus Lange-Müllers bestechendem Debütband Verfrühte Tierliebe von 1995 erfahren. Die suchte ihre denkwürdige Begegnung mit einem verschwundenen Warenhausdetektiv zu verarbeiten. Und an diese Weisheit hält sich auch die neue Heldin Soja. Wie in einem Film lässt sie noch einmal alle Szenen ihrer Liaison vor dem geistigen Auge abrollen - vom ersten Treffen über den ersten "Kinderkuß" bis zum Abschied auf dem Sterbebett.

Eine Abrechnung ist die Erinnerung an die Zeit mit Harry nicht geworden, auch keine Anklage. Obwohl Soja weiß Gott Grund dazu gehabt hätte. Schließlich hat ihr der Mann einiges verschwiegen. So wie Soja sich dieser entschwundenen Liebe erinnert, gleicht das mehr einer Anrufung. Die jedoch nie ins Melodram ausartet. Geschickt bricht Lange-Müller die riskante Perspektive der (betroffenen) Ich-Erzählerin mit den eingestreuten Tagebuchnotizen des Verflossenen. So bewahrt sie sowohl ihre Protagonistin als auch nah am Wasser gebaute Leser vor tränenreicher Überschwemmung. "Ach, Harry", seufzt die Erzählerin mehr als einmal. Um sich dann gleich wieder mit beißenden Sarkasmus vor dem emotionalen Dammbruch zu schützen.

Auf diese Weise entsteht ein bewegender Liebes-Roman, der alle Varianten dieses gemeingefährlichen Aggregatzustandes sozusagen porentief auslotet: vom zarten Gefühl bis zum orgiastischen Gipfelsturm und schließlich dem Abstieg ins emotionale Flachland des Helfersyndroms. Keine Stufe des schleichenden Showdowns ihres Helden kann Sojas Projektion von der großen Liebe trüben, deren Sehnsucht danach bislang immer an Westmännern wie "in Klarsichtfolie gewickelt" gescheitert war. Nicht, dass Harry sich gleich nach der ersten Nacht ungefragt zehn Mark aus ihrem Portemonnaie ausleiht. Nicht, als er sich als Ex-Häftling entpuppt. Und als er zum Junkie mutiert, organisiert Soja mit Hilfe von neun "Schutzengeln" auch noch seine Therapie. Stets ist sie bereit, "alles zu vergessen".

Kritiker wollen in Böse Schafe einen Abgesang auf das alte Westberlin erkannt haben. In der Tat kennt man sich nach der Lektüre in dessen untergegangener Kneipenlandschaft bestens aus. Der Alkohol fließt in Strömen. Doch in dem Bild der scheiternden Liebe zwischen dem proletarischen Knacki West und der getürmten Funktionärstochter Ost mit dem russischen Partisaninnennamen steckt vor allem das Bild der Mésalliance zwischen Deutschland Ost und Deutschland West.

Was soll man an Katja Lange-Müller mehr bewundern? Ihr Geschichtsbewusstsein oder ihr Gefühl für Stil. Ihre Kodderschnauze oder ihre sprachliche Raffinesse? Ihre Sinnlichkeit oder ihr Konstruktionsvermögen? Nie kommen sich solche Fähigkeiten bei ihr in die Quere. Immer durchdringen sie sich so geschmeidig und genussfördernd wie bei einem Baileys Kaffee, Sahne und Alkohol. Zurück bleibt ein trunkener Leser. Wer sich fragt, wer nach GrassWalserWolf auf die vorderen Listenplätze der deutschen Literatur rücken könnte, wird zwangsläufig bei Katja Lange-Müller landen.

Wie alle Bücher der 1951 in Berlin geborenen Autorin spielt auch Böse Schafe mitten in der umbrechenden deutschen Geschichte, entzieht sich auf listige Weise aber zugleich allen historisch-politischen Erwartungen. Statt des großen Wendeepos bringt es den historischen Umbruch von 1989 nur von ferne und quasi angeschnitten ins Bild. Noch dazu aus der Perspektive zweier gestrauchelter Underdogs aus Ost und West, in die Ereignisse mehr verstrickt, als sie gestaltend. Als Soja den aidskranken Harry in der Klinik besucht, bringt sie ihm ein Stück Mauer mit.

So süffig dieser großartige Roman zu lesen ist, so beiläufig bürstet er auch ein optimistisches Geschichtsbild gegen den Strich. Ständig sollen wir mutig in die Zukunft gehen. Wo wir doch kaum verstanden haben, was gerade eben passiert ist. Die retrospektive Anlage macht aus Böse Schafe eine Art Volksausgabe von Walter Benjamins Engel der Geschichte. Irgendwie treiben wir voran, können die Augen aber nicht von den Trümmern in unserem Rücken wenden. Bitte weitergehen! rufen alle. Katja Lange-Müller alias Soja fragt: Moment mal. Was war da(s) eigentlich?

Katja Lange-Müller: Böse Schafe. Roman. Kiepenheuer, Köln 2007, 205 S., 16,90 EUR


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