Auf neutralem Boden

System Die Kulturjournalistin Sarah Thornton blickt hinter die Kulissen der Kunstwelt. Und was sieht sie? Ein Sammelsurium gut abgeschotteter Parallelwelten.

Elitär, abgehoben, selbstverliebt. So oder ähnlich lauten die gängigen Vorurteile über die Kunstwelt. Es ist schon merkwürdig: Kunst ist zu einem Massenphänomen beängstigenden Ausmaßes avanciert. Immer mehr Menschen besuchen Kunstausstellungen. Immer mehr junge Menschen wollen Künstler werden. Die gesellschaftliche Bewertung des Kunstsystems tendiert trotzdem weiter gegen Null. Selbst ein so knochentrockener Systematiker wie der Soziologe Niklas Luhmann schrieb schon 1995 in seinem StandardwerkDie Kunst der Gesellschaft" target="_blank">Die Kunst der Gesellschaft, in einer Art idiosynkratischer Aufwallung von der Kunst als einem „Sondermilieu, das sich vor allem mit sich selbst beschäftigt und ständig gegen die eigene Geschichte protestiert“.

Nach der Lektüre von Sarah Thorntons Buch Sieben Tage in der Kunstwelt" target="_blank">Sieben Tage in der Kunstwelt wird man dieser Wertung kaum widersprechen können. Die britische Kulturjournalistin selbst spricht ständig von der „diskreten, elitären Welt der Kunst“ mit ihrer „bizarren Verkehrssprache“. Und die meisten der Szenen und Gestalten, die sie besucht, sind auch so.

Ob es das „Klassentreffen“ der Venedig-Biennale ist oder das Kritik-Seminar des amerikanischen Künstlers Michael Asher am California Institute of the Arts, bei dem sich fünfzig Studenten vierundzwanzig Stunden nicht aus einem Raum entfernen, um nur über Kunst zu reden. Ob es das amerikanische Sammlerehepaar ist, das jedes Jahr zur Frühjahrsauktion von Christie‘s im New Yorker Nobelhotel Four Seasons absteigt, den Tag im Auktionssaal an der 49. Straße verbringt und sich abends mit reichen Freunden zum Lunch trifft. Angesichts der aktuellen Kunstmarktkrise muss man kein Kunstliebhaber sein, um einmal hinter diese Kulissen blicken zu wollen. Und was sieht man? Ein Sammelsurium gut abgeschotteter Parallelwelten.

Thornton nennt die Methode, mit der sie ihre Erkundungsreise unternimmt, hochtrabend „reflexive Ethnographie“. Damit stilisiert sie ihre Arbeit zu einem Projekt in der Preisklasse von Levi Strauss’ Traurigen Tropen. In Wahrheit ist es nicht viel mehr als eine ordentliche Reportage, die die gelernte Kunsthistorikerin vorlegt. Eine Reportage in sieben Teilen: Sie hat eine Messe, ein Seminar, ein Atelier, eine Biennale, ein Museum, eine Auktion und eine Zeitschrift besucht. Die sieben Geschichten, in die sie diese Besuche gießt, fußen auf 250 Gesprächen, teilt der Verlag stolz mit.

Das ist durchaus informativ und auch anschaulich. Wer keine Zeit hat, Anfang Juni regelmäßig nach Venedig oder zum Mekka der Kunstwelt, der Art Basel zu fahren, kommt mit diesem Buch ganz nah ran an Menschen, die sonst nur als Phantome durch die Medien geistern. In der Schweiz trifft sie das Sammlerehepaar Don und Mera Rubell aus Miami, das nach einer Erbschaft eine der spektakulärsten amerikanischen Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst zusammengetragen hat, gegen das die Berliner Sammlermuseen gleichsam „peanuts“ sind. Die beiden tragen „Laufschuhe und weite Hosen mit Taschen und Schnallen überall“. Offenbar sind sie auf Schnäppchenjagd. Und als Thornton Nicholas Serota, den mächtigen Direktor der britischen Tate-Galerie, just an dem Tag besucht, als eine Jury unter seinem Vorsitz den renommierten Turner-Preis vergibt, erfährt man, dass er „eine schmutzig spargelgrüne Krawatte“ trägt.

Vielleicht hängt es mit dieser Liebe zum schmückenden Detail, Thorntons Hang zur artigen Plauderei zusammen, dass man zwar einen Einblick in diese ominöse Kunstwelt bekommt, aber kein wirklich strukturelles Verständnis von ihr. Thornton hält sich zum Glück mit vorschnellen Wertungen zurück und will auch keinem Schweinesystem die Maske vom Gesicht reißen. Es fragt sich aber, ob sie nicht doch etwas tiefer hätte graben können. Nach der Auktion bei Christie’s schwant Thornton zwar, dass „der Dollarwert eines Kunstwerks alle seine anderen Bedeutungen exekutiert hat“. Viel mehr erfährt man über den Moloch Markt und seine Mechanismen aber nicht.

So geht das immer weiter. Der kalifornische Filmemacher William Jones vertraut ihr die nicht ganz taufrische Weisheit an, als Künstler müsse man etwas finden, bei dem man „sich selbst treu bleibt, einen unzerstörbaren Kern“. Philippe Segalot, einflußreicher Berater des französischen Milliardärs Francois Pinault, der in Venedig zwei private Kunstmuseen eröffnet hat, eröffnet ihr über Fisch-Carpaccio und Mineralwasser nonchalant: „Ich lese keine Artikel über Kunst. Mich interessieren diese Texte nicht“. Er kauft lieber Kunst: „Kaufen ist ein durch und durch machistischer Akt“. Hätte nicht spätestens hier Großbritanniens „hippeste Akademikerin“ (Daily Telegraph über Thornton) zusammenzucken müssen? Doch sie fragt nicht nach. So stehen emphatische Bekenntnisse neben zynischen. Wie das alles zusammenhängt, kann sich der Leser selbst zusammenreimen.

„Intelligenter Klatsch und Tratsch“ ist das, was Thornton nach Meinung ihres deutschen Verlages zusammengetragen hat, also schon. Doch dass Thornton die Menschen und Institutionen beschreibt, „die die Kunstgeschichte der Zukunft schreiben“, wie es der Klappentext suggeriert, kann man nun wirklich nicht behaupten.

Takashi Murakami ist vielleicht einer der prototypischsten Künstler der Zukunft. Ein Mann ohne Privatleben, der „kein Zuhause im eigentlichen Sinn“ hat und in drei Fabriken lebt. Aber Murakamis ovale Buddhas und Atompilze in Popfarben dominierten schon vor zwei Jahren die Biennale von Venedig. Der 47-jährige Superstar feiert längst in allen wichtigen Museen der Welt fröhliche Erfolge.

Die Frage, was nach einem Mann noch kommen kann, gegen den Andy Warhol „wie ein Kleinunternehmer“ wirkt, wie ihr ein amerikanischer Kunsthirstoriker erklärt, kann auch Thornton nicht beantworten. Und wenn sie von Knight Landesman, dem Herausgeber der führenden Kunstzeitschrift, Artforum, zu hören bekommt, dass die Kunstwelt „ein neutraler Boden ist, auf dem sich die Leute treffen und auf eine Art und Weise kommunizieren können, die ganz anders ist als in ihren sozialen Ghettos“ ist man wieder bei der Systemtheorie des guten alten Niklas Luhmann angekommen. Der starb vor elf Jahren.

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18:30 06.06.2009
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Ausgabe 42/2021

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