Balkan, mythenfrei

Streitkultur Kroatiens Literaturlandschaft im Umbruch. Eindrücke von einer Reise nach Zagreb und Pula

"Das haben die Serben im Krieg gesprengt." Edo Popovic lacht diebisch, als er auf die meterhohen, durchlöcherten Mauern links des Busses zeigt. Die kleine Reisegruppe, die gerade ins kroatische Pula einfährt, schaut erschrocken nach draußen. Doch schnell begreifen die deutschen Journalisten, Autoren und Verleger, dass der ovale Steinhaufen natürlich keine Kriegruine, sondern das berühmte Amphitheater ist, dass die Römer im 1. Jahrhundert v.u.Z. in dem kleinen Hafenstädtchen an der istrischen Küste hinterlassen haben. Gelächter kommt auf. Doch immerhin: Für einen Moment hat die Verwirrung funktioniert. Mit dem Klischee vom "Pulverfass Balkan" kann man selbst differenzierte West-Intellektuelle immer noch mal ködern.

Nicht, dass der Balkan ein verkanntes Paradies wäre. Popovic weiß, wovon er spricht. Der kroatische Schriftsteller, Jahrgang 1957, geboren im bosnischen Livno, war einer der berühmtesten Kriegsreporter in seiner Heimat, bevor er Schriftsteller wurde. Den kriegerischen Balkan, dessen Bewohnern angeblich die Aggression in den Genen sitzt, hat er zu Beginn der neunziger Jahre in den Jugoslawienkriegen selbst erlebt. Und obwohl er mit dem verwegenen Blick und den struppigen schwarzen Haaren ungefähr so aussieht, wie sich der Westeuropäer den wilden Mann vom Balkan vorstellen dürfte, ist er doch die leibhaftige Verkörperung des Gegenteils: Protagonist einer neuen, jungen Generation, die mit den alten Klischees nichts mehr zu tun haben will. Spätestens mit seinem - vergangenes Jahr auch in Deutschland erschienenen - Roman Ausfahrt Zagreb Süd, der das Schicksal der Verlierer der Jugoslawienkriege beschreibt, gilt er als jüngstes Beispiel jener Literaturform, die der polnische Literaturwissenschaftler Aleksander Fiaker schon 1975 "Prosa in Jeans" genannt hat.

Nicht nur Popovic ist zur Buchmesse nach Pula gekommen, wo schon Marschall Tito die Sommerferien auf seiner Privatinsel Brioni schräg gegenüber der Stadt zu verbringen pflegte. Die klitzekleine Messe, die in dem alten Offizierskasino des Militärhafens der K.u.k-Monarchie jedes Jahr Anfang Dezember stattfindet, ist der beste Gegenbeweis für die These, dass sich auf dem Balkan immer nur alle die Köpfe einschlagen wollen. 1994, in den bleiernen Jahren der Tudman-Diktatur, wollte die temperamentvolle Magdalena Vodopija, die in Pula einen kleinen Buchladen führt, ein Zeichen gegen die depressive Stimmung im Lande setzen. Seitdem ist das zehntägige Lesefest zu einem panbalkanischen Gesprächsforum avanciert.

In Pula kommt man auf dem Weg zur Messe an einer Siedlung Zigtausender Flüchtlinge aus Bosnien vorbei, die sich noch immer nicht zurück in ihre Heimat trauen. Doch was auf politischer Ebene nur schleppend in Gang kommt, nimmt die Kultur wenigstens ansatzweise vorweg: Neben der kroatischen Autorin Slavenka Drakulic, die mit ihren Büchern über die vergewaltigten Frauen der Jugoslawienkriege bekannt wurde und üble Schmähungen in ihrer Heimat über sich ergehen lassen musste, kam in diesem Jahr der serbische Anthropologe Ivan Colovic´ aus Belgrad. In seinem Buch Bordell der Krieger hat er eine in Deutschland leider unbeachtet gebliebene Analyse der balkanischen Macho-Kultur vorgelegt. So sammelt sich in dem kleinen Ort Jahr für Jahr eine antinationalistische Intelligenz, die andere Grundlagen für die Gesellschaften auf dem Balkan legen will.

Streitkultur heißt das Stichwort in Pula. Auch der 1953 geborene Dzevad Karahasan ist dabei. Obwohl ein gebranntes Kind - 1993 musste der Erzähler, Dramatiker und Essayist aus dem von serbischen Bosniern belagerten Sarajewo fliehen - kämpft er unverdrossen gegen die Windmühlenflügel der Balkan-Klischees, wo nur ewiger Hass zu Hause sein soll. Doch gegen Streit hat er überhaupt nichts. Mit großen Augen sitzt der Schriftsteller, der 2004 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, auf einem Sofa in dem kleinen Theater des Kasinos und schürt neuen Streit. "Einigkeit ist das Ende des Gesprächs", erklärt der Autor mit Händen und Füßen den Zuhörern seine Vision: "Und jetzt widersprechen Sie mir bitte!"

Natürlich ist die Literatur nicht zur großen Befriedungsinstanz aufgestiegen in dem Nachfolgestaat Jugoslawiens. Auch in Kroatien kommt die Bildung dessen, was man gemeinhin Lesegesellschaft nennt, nur schleppend voran. Vielleicht 1.500 Titel, Sachbücher und Belletristik, erscheinen jährlich in dem Vier-Millionen-Staat. Literaturkritik in den Zeitungen existiert so gut wie nicht. Und die Kriege haben ihre Spuren hinterlassen. "Wir haben uns zu Zeiten des Sozialismus noch nach Büchern gesehnt. Jetzt können wir sie selbst verlegen", gibt der junge Verleger Seid Serdanovic vom Verlag Fraktura im klassisch balkanisch-verräucherten Café Mozart der Messe zu bedenken. "Doch die Kinder, die im Krieg groß geworden sind, kennen gar keine Bücher mehr. Also vermissen sie sie auch nicht. Dadurch haben wir eine ganze Generation verloren."

Ob die Regierung das Rad zurückdrehen kann, muss sich erst noch zeigen. Nach dem Tod Franjo Tudmans 1999 krempelte sie ihre Kulturpolitik um. Stolz erklärt Kulturminister Bozo Biskupic im Ministerium in Zagreb den deutschen Gästen das System: Verlage erhalten Übersetzungsbeihilfen und Druckkostenzuschüsse. Der Staat fördert die Übersetzung von Klassikern der Weltliteratur ins Kroatische und finanziert Lesungen in den rund 140 Buchhandlungen des Landes. Unabhängige Jurys wachen über die Qualität. Doch auf Dauer wird der heimische Markt zu klein bleiben, als dass Schriftsteller darauf eine Existenz gründen könnten. Deshalb hoffen viele auf den dreijährigen Kroatien-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse ab dem März 2008, den das Ministerium unterstützt. Obwohl Biskupic der Freigeist der Kuratoren dieses Projekts, der Übersetzerin Alida Bremer und des Schriftstellers György Dalos, nicht ganz geheuer ist. Kein Wunder, dass Leipzigs Buchmessendirektor Oliver Zille in Pula auf Händen getragen wurde und das istrische Lesefest sogar eröffnen durfte.

Ob die neue Literatur, die in den letzten zehn Jahren in und um Kroatien entstanden ist, die immer noch gängigen Mythen vom Balkan dekonstruieren kann, wird sich zeigen. Das Projekt Selbstaufklärung, das damit auch verbunden ist, förderte in Pula interessante Widersprüche postsozialistischen Bewusstseins in den Transformationsgesellschaften zu Tage. Im überfüllten Café Mozart plädiert der kroatische Kult-Philosoph Zarko Paic für das Ende des Fremd- und Selbstbildes vom "barbarischen Balkan" und sein Aufgehen in der globalen Kultur. Das sehen nicht alle so: "Manchmal habe ich das Gefühl, nach 1989 hat hier irgendjemand einen Schuss abgegeben. Seitdem rennen wir immer schneller, wissen aber nicht, wohin", macht Edo Popovic seinem Unbehagen über das Gefühl der Beschleunigung in der Globalisierung Luft, das jetzt auch die Staaten Südosteuropas erfasst hat. Und der 1960 geborene Lyriker Delimir Resicki aus Osjiek beklagt den Verlust der Vision Mitteleuropa, jenes schillernden Traumreichs der Intellektuellen der achtziger Jahren, der das Gefängnis des Kalten Krieges sprengen helfen sollte. Ganz ohne Mythen will man offenbar auf dem Balkan doch nicht leben.

www.sanjamknjige.hr

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