Bellevue

KOMMENTAR Schlossgucker Schröder

Man weiß nicht recht, über was man sich bei diesem Mann mehr freuen soll: Die fein dosierte Mischung aus Takt und Kennerschaft, mit der Bundeskanzler Gerhard Schröder seine persönlichen Bedürfnisse zum ästhetischen Maßstab für die Rekonstruktion der Berliner Mitte macht. Oder über das ebenso diffizile wie unbequeme Geschichtsbewusstsein, mit dem er das langwierige Pro und Contra zum Berliner Stadtschloss schon vor zwei Jahren kurzerhand entschied und in dem atemberaubenden Satz zusammengefasst hatte: "Und zwar einfach, weil es schön ist". Angeblich lässt sich der Kanzler ja gerne beraten, wie er dem Berliner Tagesspiegel vergangene Woche in puncto Gentechnik mitzuteilen beliebte. Wo er auch seinen Schlossschmus wiederholte. Aber irgendwie muss er bis heute verpasst haben, dass der neue, von im mit ins Amt gehievte Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus Dieter Lehmann, schon anlässlich seiner Amtseinführung vor einer "rückwärtsgewandten Konservierung" dieses "Zentrums unserer Kultur" gewarnt hatte.

Wenn der Bundeskanzler für die paar Tage, die er noch im Staatsratsgebäude residiert, gern eine schöne Aussicht hätte, könnte vielleicht die auf derlei historischen Hokuspokus spezialisierte Staatsoper vis-a-vis in den hauseigenen Werkstätten noch schnell eine fahrbare Schlossattrappe fertigen und immer an den seltenen Tagen, die Schröder tatsächlich im Hause weilt, vor sein Bürofenster oder ihm notfalls ins neue Kanzleramt in den Spreebogen nachrollen. Zwischendurch könnte man sie vermieten oder in anderen Fiktionen einsetzen. Die Staatsoper würde damit nicht nur ihrem Namen alle Ehre machen. Das wäre auch noch ein schöner, kultureller Synergieeffekt und jene effektive Ressourcennutzung, die von den Berliner Kulturinstitutionen immer wieder gefordert wird.

Eine "Offene Republik" hat der Kanzler einmal gefordert und pünktlich im Jahr des unkritischsten aller Preußenjubiläen noch mal dem "Donnerhall der Preußenkopie" (Tilmann Buddensieg) das Wort geredet. Wir erinnern uns noch gut an das Echo, das damals nicht lange auf sich warten ließ. Keine zwei Tage nach Schröders Einlassung war das "Bündnis für das Schloss" geschmiedet. Mit einer Energie wie wir sie schon bei der Lehrstellensuche für arbeitslose Jugendliche und der Entschädigung von Zwangsarbeitern schätzen gelernt haben, stellte eine illustre Sponsorenrunde von Philipp Holzmann über die Preussag bis zur Allianz im Handumdrehen eine Milliarde für die Fassaden-Lüge zur Verfügung. Auch Schröders schönes Wort von der "Befriedung der Menschen" ließ uns auf spannende Kulturereignisse in der Berliner Republik hoffen. Gewiss lebte der historische Stadtaufbau des preußischen Empires von den auf das Schloss zielenden Blickachsen. Konjunktur und Geschichte schön färben: Die es beerbende Demokratie missversteht Schröder jedoch offenbar beharrlich als - Bellevue.

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