Collier Schorr in Berlin

Ausstellung Das Schöne an den Geschlechtern ist, dass sie bloß gemacht sind. Als Judith Butler 1990 ihr Buch Gender Trouble herausbrachte, wirkte das Werk auf ...

Das Schöne an den Geschlechtern ist, dass sie bloß gemacht sind. Als Judith Butler 1990 ihr Buch Gender Trouble herausbrachte, wirkte das Werk auf viele wie eine Erlösung. Jeder, so die Botschaft der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin, konnte aus dem Korsett ausbrechen, das Mutter Natur ihm umgelegt hatte. Vorausgesetzt, er verfügte über das notwendige Repertoire an Gebärden, Gesten und Verhaltensmustern. Eines Tages wird man die Jahre nach Butler die Ära der Performance nennen, denn damit schien der Grenzübertritt möglich: Zeige mir, wie du dich bewegst, und ich sage dir, welches Geschlecht du hast.

Die Gruppenausstellung, die die 1963 in New York geborene Künstlerin Collier Schorr in der Deutschen Guggenheim in Berlin arrangiert hat, wirkt wie eine späte Feier der goldenen Zeiten des Identity-Switching. Nicht umsonst hat sie Bruce Naumans Arbeit Art Make-Up aus dem Jahr 1967/68 in die Runde der Künstler von David Altmeid bis Francesca Woodman gehängt, denen sie sich verbunden fühlt und die ihre Kunst geprägt haben. In vier Stills wird da aus dem weiß geschminkten Nauman erst ein roter, dann ein grüner, schließlich ein schwarzer Mann, ein Fall luzider Performativität avant la lettre. Und wie um dem Dümmsten klar zu machen, um was es geht, prangt auf dem Katalog zur Ausstellung ein fotografisches (Selbst)Bild von Schorr als junger Marlon-Brando: eine Mischung aus rebellisch, cool und sexy. Prinzipiell ist eben alles machbar. Selbst das bravste Mädchen kann ein "Macho" werden.

So oberflächlich, wie sich das anhört, ist es nicht. Auch wenn der 1980 geborene Künstler Adam Pendleton Appropriation zum menschlichen Normalzustand erklärt: "Unser Leben ist das Resultat konstruierter Fragmente", erläutert er seine in Öl gegossenen 90 Snapshots aus der Rock´n´Roll-Geschichte namens Sympathy for the Devil. Dass Schorr sich nicht bloß als naive Apologetin eines Trends versteht, zeigen ihre Bilder halbwüchsiger deutscher Jungs, die sich in die Kriegsanzüge ihrer Großeltern kleiden. Was auf den ersten Blick wie der androgyne Chic auf den Fotografien eines Hedi Slimane wirkt, sind subtile Momentaufnahmen. Als Modefotografin weiß Schorr um die ambivalente Beziehung zwischen Image und Identität. Sie will den Spalt dazwischen ausloten, den Schritt sichtbar machen, den zurücklegen muss, wer vom einen zum anderen gelangen will. Da wieder heraus zu kommen: Wenn Schorr das Sex-Symbol Brooke Shields mit zurückgegelten Haaren und Herrenunterhemd im Stil einer lesbischen Butch fotografiert, ist das zwar wieder ein Image, wirkt aber trotzdem wie eine Befreiung aus der Falle der medialen Identität. Judith Butler zieht eine Heerschar naiver Epigonen hinter sich her. Schorr ist keine von ihnen.

Gender building ist heute ungefähr so widerständig wie Brustwarzenpiercing. Doch der in allen Arbeiten der Schau spürbare Wille, eingefahrene Identitäten lustvoll zu unterlaufen, wirkt wohltuend in einer Zeit, wo wieder echte Kerle gefragt sind und Frauen doch lieber Frauen sein wollen. Mitunter fühlt man sich in dem kleinen Raum mit so skurrilen Objekten wie Shinique Smiths am Boden kauernder Figur aus Schaumstoff und Bettüchern wie in einer antiautoritären WG, die ihren Spaß an der Identitätsmaskerade entdeckt hat. Auch der Zeitpunkt für die Ausstellung war gut gewählt. Pünktlich zur Einweihung der neuen amerikanischen Botschaft wenige hundert Meter entfernt versammelte eine amerikanische Künstlerin, die zeitweilig in Deutschland lebt, ein Panorama von Künstlern, die Identitätskonstruktionen nicht nur im Privaten nachspüren. Von Raymond Pettibons I support Irak bis zu Sharon Hayes Bildern von Protest-Performances zieht sich eine deutliche Spur der Kritik an Amerikas Kriegen durch die Werke.

Aber woran liegt es, dass der Funke nicht so recht überspringen will? Daran, dass die Schau in der keimfreien Schmuckschatulle der Deutschen Guggenheim seltsam ruhig gestellt wirkt? Oder daran, dass die Subversionstechnik für Randgruppen plötzlich wie eine Steilvorlage für die Global Players wirkt? Denn was ist die Deutsche Guggenheim, das Joint Venture zwischen Deutscher Bank und der Solomon R. Guggenheim Foundation, anderes als eine konstruierte Identität?

Collier SchorrFreeway Balconies. Deutsche Guggenheim, Berlin. Noch bis zum 21. 9. Katalog 21 Euro

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