Das Formale ist politisch

Projektionen Wird die Literatur wieder politisch? Anmerkungen zu einer Debatte

Ein deutscher Innenminister, der aus einem abstürzenden Flugzeug die letzte SMS seiner todgeweihten Tochter erhält. Michael Kumpfmüller traut sich was. So dramatisch, wie sein neuer Roman Nachricht an alle daherkommt, könnte man das Opus für die allerjüngste Bestätigung der These halten, die gerade durch die Literatur-Szene geistert: Dass nämlich die Literatur "wieder politisch" wird. Streiks, soziale Unruhen und terroristische Bedrohungen verspricht der 1961 geborene Autor. So viel Politik dräute in der Saisonware die letzten Jahre eher selten. Auch wenn es oft streng nach Illustrierten-Sujet riecht.

Dass Kumpfmüller mit seinem Roman "die Politik zurück in die deutsche Literatur bringt", wie sein Verlag etwas vollmundig behauptet, ist entweder schlicht gelogen oder schlecht erinnert. Es sei denn, er meint den braven Aufruf, den der Autor zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Eva Menasse, im Bundestagswahlkampf 2005 für die Wiederwahl Gerhard Schröders gestartet hat. Da ist schon von anderem Kaliber, was die Autorin Juli Zeh vorhat. Sie will den ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily wegen der Einführung des biometrischen Passes vor den Kadi zerren.

So weg wie Hape Kerkeling von der Mattscheibe war die Politik aus der Literatur im Übrigen nie. Auch wenn es zwischenzeitlich eine kulturelle Hegemonie pubertärer Selbstbespiegelung, der Beziehungskrisen in Berlin-Mitte und dem Grauen vor dem Abgrund Familie gab. Schon in der letzten Saison reichte von Dietmar Daths gerade erst abrezensiertem Roman Waffenwetter, wo die neunzehnjährige Abiturientin Claudia sich zu politisieren beginnt, bis zu Georg M.Oswalds CSU- und Justizroman Der Geist der Gesetze die Liste der Autoren, die (seit Jahren) dem Politischen frönen. Christoph Peters Selbstmordattentäter-Roman Ein Zimmer im Haus des Krieges liegt gerade zwei Jahre zurück. 2001 verirrte sich Leander Scholz mit seinem RAF-Roman Rosenfest in die psychischen Untiefen des Deutschen Herbstes. Sehen wir einmal von den Notorischen der politischen Literatur wie Friedrich Christian Delius oder Peter Schneider ab. Dem Kurzzeitgedächtnis der Verlagsprosaisten sind ganz offenbar auch ihre jüngeren Dauerbrenner wie Michael Wildenhain oder Marcel Beyer entfallen. Von Letzterem steht im März ein historisch-politisches Drama namens Kaltenburg an.

Und neben Kumpfmüller bringen auch andere Autoren das kostbare Nass der politischen Literatur ins Strombecken der literarischen Frühlingssaison: Bernhard Schlink malt sich in seinem neuen Roman Das Wochenende das Leben eines RAF-Terroristen aus, den der Bundespräsident nach 20 Jahren begnadigt hat. In dem neuen Roman des Spiegel-Reporters Dirk Kurbjuweit Nicht die ganze Wahrheit soll der Privatdetektiv Artur Koenen untersuchen, ob der Vorsitzende einer großen Partei eine Affäre hat. Und gerade schaffte es der deutsche Autor Sherko Fatah auf die Vorschlagsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse im März. In seinem neuen Roman beschreibt der in der DDR Aufgewachsene - seit langem ein literarischer Geheimtipp - den Weg eines jungen Mannes zum Gotteskrieger.

Bei den Wasserstandmeldungen angesichts der Sintflut der politischen Literatur ist viel Projektion im Spiel. So muss nun Richard Fords Roman Die Lage des Landes, in dem dessen schon aus seinem Roman Unabhängigkeitstag bekannter Held Frank Bascombe im Zenit seines Lebens angekommen ist, als Beweis für die literarische Verarbeitung der jüngsten Börsenkrise herhalten. Nur weil im Roman so viel von Immobilien die Rede ist. Doch der amerikanische Romancier dürfte das Buch mit Sicherheit schon einige Jahre vor dem Crash konzipiert haben. Ein ähnlicher Kurzschluss verleitete die Rezensenten 2001 dazu, Christian Krachts Roman 1979 als Paukenschlag zum "clash of civilizations" nach 9/11 zu halten, obwohl auch er früher an zu schreiben angefangen haben muss, als die große Ost-West-Konfrontation nach 9/11 währt.

Was an den jüngsten Beschwörungen besonders stört, ist die Reduktion des Politischen auf das Stoffliche. Gehören zur politischen Literatur nur Werke, in denen Bundeskanzler, Geheimdienste und Terroristen vorkommen? Nehmen wir ein bekannteres Beispiel als Kumpfmüller. Auch wenn Jean Améry seinerzeit in einer großen Streitschrift seinem Übervater Jean-Paul Sartre und Gustave Flaubert fehlendes soziales Gewissen vorwirft, weil die traurigen Romanfiguren in Madame Bovary nicht mehr aus sich machen dürften. Flauberts scheinbar ganz unpolitischer Roman über das Leben der Frau eines Landarztes war aber schon darin politisch, wie hier ein ganz normaler Alltagscharakter zum literarischen Sujet wurde.

So sehr man sich nun freuen kann, dass eine Realität, die zeitweilig an den Rand gerückt war, nun wieder mehr ins Zentrum des literarischen Interesses rückt. So sehr wünscht man sich, dass die neuen Politbarden nicht die strukturelle Naivität der Popliteratur vor dem Stoff wiederholen. Und einfach nur zwischen zwei Buchdeckel übernehmen, was sie in der Realität so vorfinden. Ausdrücklich sei hier auch vor dem berüchtigten Simmel-Effekt gewarnt, bei dem globale Schurkereien, Eros und die Gestalt des großen Retters im Gefäß des Polit-Thrillers zu einem schwer genießbaren Gebräu verschnitten werden. Da kommen einem dann nur noch die Tränen.

Dass Kolportage und Politkitsch der erste Schritt zur politischen Desorientierung sind, kann der Leser in diesen Tagen an der deutschen Übersetzung von Jonathan Littells Die Wohlmeinenden verfolgen. Der Berliner Autor Ulrich Peltzer hat Recht, wenn er an die "politischen Implikationen der Form" erinnert. Die Linke des 21. Jahrhunderts, versteht sie sich auch als ästhetische Kraft, muss formal anspruchsvoll sein, oder sie wird nicht sein.

Mit solchen Ansprüchen fände sie sich in guter Gesellschaft. Theodor W. Adorno hat einst in seinem Aufsatz Der Essay als Form darauf hingewiesen, dass diese offene literarische Form in Deutschland schon deshalb Ablehnung hervorruft, weil der Essay als Medium der Aufklärung und der Freigeisterei gilt. Man könnte hinzufügen, egal was tatsächlich darin steht. Adorno war nicht der einzige "Formalist". Alfred Döblin schilderte ein seinem Roman Alexanderplatz zwar auch die elende Welt des Franz Biberkopf. Politisch war aber vor allem deshalb, weil Döblin darin Collage und Simultaneität als Techniken einsetzte. Eine vergleichbare Reflektiertheit und formale Raffinesse findet man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht so häufig.

Ulrich Peltzer ist da eine rare Ausnahme. Ob man dem Autor des spannenden Romans Teil der Lösung nun wirklich Gutes tut, wenn man ihn zur großen Hoffnung der politischen Literatur erklärt, wie es jüngst ein Berliner Literaturkritiker tat, steht dahin. So wie man einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen kann, kann man einen Autor auch mit Lob erschlagen. Aber kaum irgendwo sonst wird die neue Unübersichtlichkeit der Gegenwart, ihr fehlendes Subjekt, das Fragmentierte des Bewusstseins, der Perspektivverlust so konsequent in Form ausgedrückt wie bei Peltzer. Wenn der in seinen Romanen keinen allwissender Erzähler auftreten lässt, sondern die Schicksale, die er beschreibt, kommentarlos nebeneinander stellt, ist das vielleicht politischer als die Akribie, mit der er Überwachungskameras am Potsdamer Platz beschreibt. In linken Ohren klingt es vielleicht ungewohnt. Aber das Formale ist politisch.

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