Das Qualitätsversprechen

Aufbau-Verlag Der neue Eigentümer Matthias Koch ­setzt auf die Kreativwirtschaft und entwickelt ein neues Ethos des Verlegens

Wer Matthias Koch an der gläsernen Eingangstür trifft, glaubt nicht so recht, dass es der Eigentümer selbst ist, der öffnet. Man würde den unscheinbaren älteren Mann mit den hängenden Schultern für den Portier oder den Buchhalter halten. Im grauen, zerbeulten Anzug führt er durch die verschachtelte Kreuzberger Büroetage. „Die Mitarbeiter nennen das immer kafkaesk“, meint er, lächelt entschuldigend und biegt in ein Arbeitszimmer am Ende eines langen Ganges ab: Türrahmen aus dunklem Holz, Auslegeware, vergilbte Gardinen. Ein Schreibtisch steht im Raum, ein Bücherregal. Hier arbeitet der neue Verleger des legendären Aufbau-Verlages?

Nach dem spektakulären Verkauf vor einem Jahr zog der Verlag fluchtartig vom Hackeschen Markt in ein vorübergehendes Domizil im Gebäude der ehemaligen Victoria-Versicherung in Kreuzberg, direkt neben dem Jüdischen Museum. Das asketische Chefzimmer wirkt wie 19. Jahrhundert. Aber was der 66-jährige Koch, ehemals Lehrer und Vermögensverwalter, hinter den düsteren Mauern der wilhelminischen Repräsentationsarchitektur vorantreibt, könnte ein Pilotprojekt für die Verlagslandschaft des 21. Jahrhunderts werden.

Dass Koch seinem Verlag ein neues Logo, den Büchern neue Cover verpassen will, wird weder die Branche noch die Kunden erschüttern. Dass Aufbau nach Jahren etwas schwammiger Bestselleritis wieder mehr Gewicht auf junge deutsche Gegenwartsliteratur setzen soll, schon eher. Doch was an dem Umbau von Aufbau, dem mythischen „Suhrkamp des Ostens“, so elektrisierend wirkt, ist die Positionierung.

Koch will keinen Betrieb, der einfach nur friedlich Bücher vor sich hin produziert. Er sieht ihn als gesellschaftlichen Organismus, der vom Austausch mit der Gesellschaft und anderen Künsten lebt. In Zukunft wird Aufbau ein, wenn auch wichtiger Teil einer bunten Kulturplattform sein. Denn das ist der Sinn des „Kreativhauses“, das Koch zusammen mit der Firma Modulor, einem Materialdienstleister für professionelle Kreative, am Moritzplatz, einem hässlichen Verkehrskreisel an der Grenze Kreuzbergs zu Mitte, plant und in das der Verlag umziehen wird.

Noch steht der leere Koloss aus Waschbeton mit den bronzebedampften Scheiben ähnlich traurig in der Landschaft wie einst der Palast der Republik am Schlossplatz. Nur ein paar Geröllschütten deuten an, dass hier umgebaut wird. Im Februar 2011 wird ein riesiges Bücherregal die Straße säumen. Das einstige Bechstein-Haus, so benannt nach der Klavierfabrik, die hier bis vor ein paar Jahren residierte, bekommt einen Vorbau, der das kulturelle Anliegen weithin sichtbar ausstellt. Dahinter soll sich dann ein 19.000 Quadratmeter großes, durch Passagen verbundenes Konglomerat aus Theater, Galerie, Kreativkaufhaus und Buchhandlung öffnen. Vom Dach wird das Signet Aufbau leuchten. Auf dem Bauplan an der Wand seines Büros kann Koch den Standort jedes einzelnen Moduls zeigen.

Bücherregal am Moritzplatz

Die ganze Idee hört sich wie ein Fiebertraum der Kreativwirtschaft an. Doch dass es nicht um einen windschnittigen Sweatshop für Prekarier geht, kann man schon daran sehen, dass Modulor in dem Kreativkaufhaus auch ein „Nähcafe“ integrieren will, wo man sich beim Schneidern beraten lassen kann. Und wenn Koch keinen Betreiber für die geplante Kunstgalerie findet, überlegt er, sie als Produzentengalerie führen zu lassen.

Koch schwebt ein System wechselseitiger Katalyse vor: Impulse geben, Impulse empfangen. „Interdisziplinär“ würden Kulturwissenschaftler diesen Ansatz nennen. „Ein Verlag, der nur Bücher verkauft, wird nicht ewig leben“, argumentiert Koch. Ob der Plan aufgeht, dass sich die Sparten seines kleinen Kreativimperiums, das er gerade mit einer Beteiligung an dem Kunstverlag Edition Braus komplettiert hat, wechselseitig befruchten, ist schwer vorauszusagen. Aber den Versuch scheint es wert.

Der spektakuläre Kauf des über Nacht in die Insolvenz geratenen Aufbau-Verlages fand auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise statt. Nicht nur deswegen kommt einem der Übergang von Vorbesitzer Bernd Lunkewitz zu Matthias Koch wie ein Paradigmenwechsel vor.

Mit dicken Zigarren, einer protzig ausstaffierten Neureichen-Villa im Süden Frankfurts und seinem großspurigen Auftreten wirkte Lunkewitz immer wie eine Galionsfigur des gescheiterten Casinokapitalismus – auch wenn der bekennende Marxist ein Bild Che Guevaras auf seinem Frankfurter Schreibtisch stehen hatte. Immerhin haben Lunkewitz Gewinne aus den Immobilienspekulationen am Main Aufbau zwei Mal das Überleben ermöglicht.

Gegen den Spieler und Parvenü Lunkewitz wirkt der unauffällige Koch wie die personifizierte Rückkehr des Solidargedankens. Nicht, weil hier ein mildtätiger Samariter 50 Verlagsmitarbeiter vor dem Aus gerettet hätte. Nicht weil er sich zurückhaltend „Mehrheitsgesellschafter“ statt Verleger nennt und kollegiale Führung bevorzugt. Koch lässt keinen Zweifel daran, dass Aufbau Gewinne abwerfen muss. Sondern darin, wie er das Ethos des Unternehmers formuliert. Es spricht nicht nur der ehemalige Lehrer in ihm, wenn er darauf pocht, dass ein Verlag auch einen „Bildungs- und Erziehungsauftrag“ hat.

Koch verweist auf die Subventionierung des Buchwesens durch die ermäßigte Mehrwertsteuer und die Buchpreisbindung. In einem Moment, da die Unternehmer die letzten Fesseln der Sozialbindung abstreifen wollen, muss sein Credo wie ein Fanal wirken: „Wir schulden der Gesellschaft etwas und müssen etwas zurückgeben“.

Wer Koch darüber reden hört, wie er Tradition und Moderne verbinden will, warum er „in Geist, in Inhalte investiert, nicht in Maschinen“, auf dem „Qualitätsversprechen“ beharrt und nach neuen ästhetischen Formen zwischen Buch und Bild sucht, trifft auf einen Verleger, wie man ihn sich zeitgemäßer kaum wünschen könnte.

Der Mann scheut sich nicht, an das Gründungsmotto des Verlages aus dem August 1945 zu erinnern, das die „demokratische Erneuerung Deutschlands in jeder Form“ formuliert hatte. Eine große deutsche Zeitung schrieb einmal über den Aufbau-Verlag, man müsse sich „seine Leser als glückliche Menschen vorstellen“. Muss man sie sich in Zukunft als politische Menschen vorstellen?

Pamphlete und Parolen versteht Koch nicht unter dieser Idee. Eher eine Art Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme mit Hilfe der Ästhetik. Koch greift ins Regal und zieht Kathrin Gerloffs neuen Roman Alle Zeit heraus. „Sie schreibt über Demenz und übers Älterwerden. Literatur kann für ein gesellschaftliches Problem ganz anders Interesse wecken“. „Erziehung zur Demokratie“ heißt für Koch auch, Debatten und Diskurse zu befeuern: Im Theaterraum des Verlages sollen regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Das machen andere Verlage auch. Doch so explizit, wie Koch sein Haus als „öffentliche Institution, vergleichbar einer Rundfunkanstalt“ definiert, hat das vor ihm noch niemand gesagt.

Demokratische Erneuerung

Noch stärker steckt die Idee vom Verlag als „Teil der und Organ zur Entwicklung der Zivilgesellschaft“ hinter der Stiftung „Kommunikationsaufbau“, die Koch zusammen mit seiner Familie gegründet hat und die ein Viertel der Anteile des Aufbau-Verlages hält. Sich mit einer Kreuzberger Schule um Modellprojekte für Leseförderung zu kümmern, könnte man noch als geschickten Versuch ansehen, sich die Kunden für eine Kunst selbst heranzuziehen, die, wie der amerikanische Romancier Philip Roth kürzlich resigniert voraussagte, bald das „kultische Vergnügen einer Minderheit“ sein werde. Aber in einem Land, das vier Millionen sekundäre Analphabeten zählt, sind diese Pläne, zu denen auch der Lesewettbewerb „Theo“ zählt, ein kulturpolitisches Signal.

Als Vorbesitzer Lunkewitz den Verlag verkauft hatte, frohlockte er, endlich Zeit zum Lesen zu haben. Wer geglaubte hatte, dass der Koch nach der Übernahme nur noch Bilanzen lesen kann, täuscht sich. Ein Jahr lang hat er sich durch das Programm seines eigenen Verlages gearbeitet und viele Entdeckungen gemacht. Gerade liest er Ulf Schmidts Biografie von Hitlers Arzt Karl Brandt, dem Verantwortlichen für das Euthanasie-Programm der Nazis. Koch hat betroffen gemacht, wie hier der Gedanke vom Menschen als Kostenfaktor vorgeprägt wurde und sieht Parallelen zum Streit um die Gesundheitsreform heute. „Schwere Kost“ sagt er auf dem Weg zum Ausgang. Aber wie um zu bekräftigen, worum es ihm geht, sagt der sonst so leise und verbindliche Mann vernehmlich: „Ich bin stolz darauf, dass dieses Buch bei Aufbau erscheint“.

07:00 19.11.2009
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