Dem Licht entgegen

Sommerlektüre Das kleine Bändchen "Hero und Leander" adelt den sommerlichen Istanbul-Trip zum Bildungsurlaub mit kulturhistorischem Tiefgang

Mädchenturm, Leanderturm – wer in Istanbul von der europäischen Seite über den Bosporus schaut und Einheimische nach dem Namen des kleinen Turmes fragt, der in der Ferne, kurz vor dem asiatischen Ufer, auf einer winzigen Landzunge steht, bekommt immer mindestens zwei Antworten zu hören.

Mal ist er der Schauplatz einer Geschichte, wo ein König seine geliebte Tochter versteckte, um sie vor der Prophezeiung eines frühen Todes zu schützen. Mal soll hier der antike Leander jede Nacht die See durchschwommen haben, um zu seiner Geliebten Hero, einer Priesterin der Aphrodite, zu kommen. Bis eines Nachts die Lampe erlosch, die sie allabendlich ins Turmfenster gestellt hatte, und Leander, ohne Orientierung, in der aufgewühlten See ertrank. Worauf sich die Unglückliche ins Meer stürzte.

So richtig ist nicht in Erfahrung zu bringen, warum sich die Legende, die man oft in Istanbuler Reiseführern findet, ausgerechnet an diesen Ort verlagert hat. Denn in der Fassung des Mythos von Musaios, dem spätgriechischen Dichter, die jetzt in einer neuen Übertragung herausgekommen ist, heißt es zum Originalschauplatz des herzzerreißenden Dramas klar und deutlich: „Ein Turm ragt, von den Wellen umtost, zum Himmel auf, meine Wohnstatt. Darin lebe ich ganz allein, mit nur einer Dienerin, draußen vor den Mauern von Sestos, auf einer von den Wogen umbrandeten Klippe. Als Nachbarn habe ich einzig das Meer. Ewig nur, nachts wie tags, tönt mir im Wind das Brausen des Meeres ans Ohr“.

Wer sich auf die Suche nach diesem Sestos macht, rutscht auf der Landkarte ein ganzes Stück tiefer nach Süden. Zu einer nur wenige Kilometer breiten Stelle der Dardanellen, der Meerenge, die Marmarameer und Ägais verbindet. Hier lagen sich einst die Orte Sestos und Abydos gegenüber. Und hier, nicht in Istanbul, wohnten Hero und Leander, „die strahlenden Sterne ihrer Städte, einer so schön wie der andere“, wie Musaios schwärmt.

Wirbelnder Hellespont

Genau an dieser Stelle begegneten sich Orient und Okzident kriegerisch, Xerxes rückte gegen Griechenland vor, Alexander schlug zurück. Hero und Leander sind sozusagen das frühe Beispiel eines friedlichen interkulturellen Brückenschlags. Der von den „strahlenden Blicken“ Heros entzündete Leander versprach seiner Angebeteten: „Jede Nacht will ich den wirbelnden Hellespont durchqueren, will naß aus dem Wasser steigen und zu dir als dein Gatte kommen“. Symbolisch wiederholte diese Geste der hellenophil entzündete, britische Romancier Lord Byron, als er 1810 an dieser Stelle den Hellespont durchschwamm.

Die Türken gaben Sestos im Mittelalter auf. Heute liegt das Gebiet der antiken Stadt in einem militärischem Sperrgebiet. Touristen kommen hier nicht mehr heran. Kein Wunder, dass sie sich den „Leanderturm“ im Bosporus ersatzweise als historischen Ort des Mythos auserkoren haben.

Die kleine mythologische Provenienzforschung hat einen ähnlichen Effekt wie den, den der österreichische Übersetzer Raoul Schrott vor einiger Zeit auslöste, als er behauptete, der Schauplatz der Ilias habe nicht in Troja, sondern in Kilikien gelegen. Immer wieder stößt man darauf, dass fast alle wichtigen Schauplätze von Mythen, die die Essenz der abendländischen Kultur bilden, nicht auf europäischem, sondern auf kleinasiatischem Boden liegen.

Aufschlussreich auch, wie sich diese Mythen ähneln und ineinander verweben. Denn die dritte Geschichte, die über den Mädchenturm (Kiz Kulesi) erzählt wird, ist die von dem Jungen Battalgazi, der die Tochter des Tekfur aus dem Turm befreit und mit ihr über Üsküdar flieht. Wenn man sich in Orient und Okzident die gleichen Geschichten erzählt, kommt einem die Trennung von Asien und Europa, die die Politik immer vornimmt, einigermaßen künstlich vor.

In kurzer Badehose

Das unglückliche Liebespaar, sein Konventionsbruch und tragisches Ende hat nun seinerseits die Kunst entzündet. Hero und Leander ziehen eine breite Spur durch die europäische Literaturgeschichte. Sie reicht von Ovid bis Friedrich Schiller. Von Franz Grillparzer bis Christopher Marlowe, der die beiden Liebenden am Ende in Vögel verwandelt. Ja, bis hin zum Humoristen Heinz Erhardt, bei dem Hero, in kurzer Badehose, mit Salatöl eingerieben und einer Rose im Mund in die Fluten steigt – nicht ohne seiner Geliebten sein Kommen mit einer Postkarte anzukündigen.

Der geheimnisvolle Musaios, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass er 500 vor Christus lebte und eben die 350 Verse von Hero und Leander hinterließ, spielte übrigens schon in seinem Text mit raffinierten Wortspielen auf andere Stoffe an: Homers Ilias oder Ovid Liebeskunst. Später ging sein Versepos dann wieder in der byzantinischen „Flickwerkpoesie“ auf, die bekannte Dichtungen zu so genannten "Centos" collagierte.

Die letzte Documenta 2007 lancierte die Idee von der „Moderne als unserer Antike“. Wenn man sich das intertextuelle Spiel so anschaut, das seit uralten Zeiten mit dem Hero-und-Leander-Mythos getrieben wurde, kommt einem diese scheinbar verstaubte und versunkene Antike plötzlich wie unsere quicklebendige Postmoderne vor.

So metaphysisch muss man im Urlaub vielleicht nicht werden. Denn dafür ist Hero und Leander die ideale Lektüre. Eigentlich gehören die kleinen Bändchen der bibliophilen Insel-Bücherei in die Kategorie edle Präsente für melancholische Müßiggänger und dekorative Coffeetables. Doch dieses adelt eine sommerliche Bootstour auf dem Bosporus zum Bildungsurlaub. Nie hat man bei der Lektüre den Eindruck, man muss sich anstrengen, um in die Tiefen der eurasiatischen Kulturgeschichte einzudringen.

Feuerbrand der Liebe

Unaufdringlich und transparent wie japanische Papierblumen im Wasser entfaltet sich die Poesie des Musaios in der behutsam modernisierten Fassung von Monika Giebel. Die in ihrem luziden Nachwort die Editionsgeschichte des Textes nachzeichnet, der über die Renaissance seinen Weg zurück ins europäische Geistesbewusstsein fand: 1495 veröffentlichte der venetianische Verleger Aldus Manutius die altgriechische Fassung neu.

Der wasserblau changierende Einband des Bändchens sieht aus wie die Wasseroberfläche des Bosporus. Und wenn man auf der Fähre nach Üsküdar sitzt, durch die diesige Luft zum Leanderturm schaut, der keiner ist, aber trotzdem ganz schön aussieht, kann man sich gut vorstellen, wie der vom „Feuerbrand der Liebe“ entflammte Leander, auf dem Weg zu den „nächtlich-schlaflosen Hochzeitsfeiern“, „immer dem Lichtschein entgegen“ strebte: „er ist sein eigener Ruderer, Steuermann – und selbst sein eigenes Schiff“.

Hero und Leander. Musaios. Aus dem Altgriechischen neu übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 2009, 64 S., 12,80

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12:00 15.08.2009
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Ausgabe 41/2021

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