Dichter der Multikultur

Rätsel Homer Raoul Schrotts Forschungen über Homer stellen das abendländische Weltbild in Frage

"Mein Vater, darauf bedacht, dass ich ein tüchtiger Mann würde, zwang mich, alle Gedichte Homers auswendig zu lernen: und jetzt könnte ich die ganze Ilias und die Odyssee aus dem Gedächtnis hersagen". Diese Worte lässt Xenophon den Athener Nikeratos bei einem Gastmahl sprechen, wo sich die Tischgespräche auch mit Homer beschäftigen. Xenophon hat damit ein schönes Bild für die Tradierung des kulturellen Erbes gegeben. Doch mit dieser Art bewusstloser Internalisierung der Antike könnte es womöglich bald ein Ende haben. Und das nicht nur, weil heute in der Schule kaum noch auswendig gelernt wird.

Die Rede ist von Raoul Schrott und seiner Neuübersetzung der Ilias. Der 1964 geborene Lyriker und Übersetzer aus Österreich ist nicht der Erste, der versucht hat, das Rätsel Homers zu lüften. Jahrhundertelang versuchten sich Wissenschaftler wie Laien an dem, was als "Homerische Frage" in die Geistesgeschichte eingegangen ist. Erst zerlegten die Analytiker Homer in mehrere Autoren und seine Epen in schlecht verleimte Kolportagen diverser Volkssagen. "Er hat den Homer zerstört", fluchte 1795 Johann Wolfgang von Goethe über einen ihrer Wortführer, den Hallenser Professor Friedrich August Wolf. Dann setzten ihn die Unitarier wieder zu dem Genie zusammen, dessen Marmorbüste mit den charakteristischen blinden Augen wir im Museum bewundern.

So wie Schrott Homer nun neu zusammensetzte, hat er ihn stärker entzaubert, als es jeder Zerlegungstheoretiker des 19. Jahrhunderts hätte tun können. Am Ende seiner Mega-Recherche steht zwar ein realer Autor. Aber eben nicht der visionäre Dichter, der vom griechischen Götterhimmel fiel, sondern ein begnadeter Textjongleur, der gut in die postmoderne Literaturlandschaft von heute gepasst hätte. Copy-and-Paste würde man heute zu der Methode sagen, mit der er sich den Stoff für seine Epen aus dem Archiv der assyrischen Besatzungsmacht zusammenklaute, für die er in Kleinasien als Verwaltungsschreiber arbeitete - Treueschwur auf deren Herrschaft inklusive.

So wie Homer ihn beschrieben hat, gab es den Kampf um Troja nicht. Zumindest bei der Ilias, so Schrotts plausibles Fazit, handelt es sich um eine Kombination aus der alten griechischen Troja-Sage und dem Gilgamesh-Epos aus dem Zweistromland. Vorbild standen die Assyrerkriege. Zwar sind Homers Epen auch ein Versuch der griechischen Minderheit in Kilikien, ihre kulturelle Identität in dem Vielvölkerstaat zu behaupten. Trotzdem zerfällt ein Gründungsmythos des Westens unter Schrotts Übersetzerlupe zu einem Sammelsurium von Motiven und Formeln aus den diversesten Quellen. Homer - ein Dichter der orientalischen Multikultur. Unschwer vorzustellen, welche Kränkung dieses Bild für die Anhänger der reinen Antike bedeuten muss.

Lassen wir die Frage beiseite, ob die EU die Türkei nicht schleunigst aufnehmen müsste, so wie sich der kleinasiatische Boden immer mehr als zentraler Schauplatz des Geistesterrains herausschält, das sie gern für sich reklamiert. Schrotts Aufsehen erregende, philologische Tiefenbohrung stellt vor allem das abendländische Weltbild in Frage. Nach dem Ende des Kalten Krieges rüstet sich der Westen zur nächsten Schicksalsschlacht. Wieder kommt der Feind aus dem Osten. Selbst wenn der kriegsbereite Okzident nun den "alten" Homer läse, müsste ihm der wie ein Argument gegen einen neuen heißen Krieg in den Ohren klingen. Was ist die Ilias anderes als das literarische Zeugnis eines Waffengangs, der aus gekränkter Ehre vom Zaun gebrochen wird und am Ende niemandem nutzt? Zu allem Überfluss ist das geistige Marschgepäck, das er im Tornister trägt, nun aber auch noch orientalisches Fusion-Food. Paradoxe Perspektiven: Wer den "Kampf der Kulturen" verhindern will, sollte also vielleicht lieber good old homer rezitieren.

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